Tobias Ginsburg hat sich 2018/2019 mehrere Monate undercover in die Welt von Verschwörungstheoretiker*innen, Rechtsextremist*innen und Reichsbürger*innen gewagt, getarnt als Journalist, der "die Wahrheit" sucht. In diesem Buch schildert er seine Erlebnisse auf sehr unterhaltsame Art und Weise - dies täuscht jedoch nicht darüber hinweg, wie beängstigend die Entwicklungen und Zusammenschlüsse der Feind*innen der Demokratie sind.
Ginsburg zeigt auf, wie verwässert der Begriff "Nazi" wird, angewendet auf Menschen unserer Zeit, da Rechtsextreme sich diesen bereits längst angeeignet haben und als Beleidigung nutzen für alle, die vermeintlich ihre Meinungsfreiheit einschränken. Die Nazis von heute sind weder optisch noch ideologisch als eine homogene Gruppe erkennbar: Von Esoterik-Fanatiker*innen zu Hippie-Kommunen, von einsamen Abgehängten zu exzentrischen Prominenten, von taktierenden Politiker*innen zu gewaltbereiten Skinheads.
Insbesondere durch die Corona-Pandemie haben sich die demokratiefeindlichen Strömungen verschärft und gebündelt, wie Ginsburg in einem nachgestellten Kapitel der Neuauflage aufgreift.
In seiner monatelangen Recherche war Ginsburg nicht nur externer Beobachter, sondern hat es geschafft, das Vertrauen einiger Strippenzieher*innen innerhalb der Szene zu gewinnen. So wurde er Teil von konspirativen Treffen und oftmals auch selbst um Rat gefragt.
Ginsburgs Mut ist doppelt beachtlich, wenn man berücksichtigt, dass er als jüdischer Journalist gleich zwei Feindbilder der rechten Szene in seiner Person vereint. Besonders interessant fand ich es, wenn der Autor seine eigenen Emotionen in Bezug auf die Erlebnisse schilderte - von Entsetzen, Unglauben, Belustigung bis zu dem Moment, in dem er merkt, abgestumpft geworden zu sein.
CN: Ableismus, Sekte, Suizid, Antisemitismus, Krankheit, Schizophrenie, N-Wort, Queerfeindlichkeit, Fatshaming