„Frauenhaare seien etwas, das den Frauen Macht über die Männer verleihe. Wenn in der zukünftigen idealischen islamischen Gesellschaft alle gleich sein sollen, dann müsse jeder Faktor eliminiert werden, der eine Überlegenheit über einen anderen ermögliche … sagte der Präsident.“
Aufgrund der Unruhen im Iran, dem Widerstand der Frauen, bin ich irgendwie auf das Buch der Autorin Golineh Atai gestoßen. 1974 in Teheran geboren, war sie später für viele Jahre für den ARD als Korrespondentin unterwegs. Im Vorwort des Buches berichtet sie über ihre Erinnerungen als Kind. Erinnerungen der Machtübernahme durch die Mullahs.
Kurz nach der Machtübernahme hatten sie und ihre Mutter bei einer Demo am 06.07.1980 teilgenommen. Es war die letzte Demonstration von Frauen; sie zogen vor den Amtssitz des Präsidenten und demonstrierten gegen die drohende Zwangsverschleierung und den Verlust ihrer Rechte nach der „islamischen“ Revolution. Rasch wurde radikal gegen die Demonstrant*innen vorgegangen. Atai’s Mutter wurde durch die Straßen gejagt und Gott sei Dank nicht erwischt. Mutter und Tochter verließen 2 Monate später das Land.
40 Jahre später entstand nun dieses Buch, dass auch gerade aktueller nicht sein kann. Ein Buch über Frauen, deren Geschichten nie erzählt wurden. Denn die weibliche Macht wird im Iran nicht gebilligt, ist nicht autorisiert von den Männern, sondern wird unter den Tisch gekehrt. Buchstäblich totgeschwiegen und „tot gemacht“.
Die Demütigung, die Frauen im Iran erleiden müssen, ist für uns eurozentristisch denkenden Menschen kaum vorstellbar! Nicht mal in meinen kühnsten Träumen kann ich mir vorstellen, was den Frauen in diesem Buch angetan wird und wurde. Dieses Buch ist sowas von ungemütlich für die eigenen Komfortzone.
Weiblichen Widerstand gibt es auch aktuell im Iran. Und er ist nötig. Die Iranerinnen lassen sich nicht mehr unterdrücken. Weibliche Solidarität unter den Frauen, die Freundinnen, Mütter, Töchter, Nichten, Tanten verloren haben. Auf Leben und Tod gehen sie auf die Straße und kämpfen für ihre Rechte und um ihr Leben. Keine andere Gruppe hat den Widerstand gegen die Diktatur mehr gelebt, als die Frauen im Iran. Sie haben keine Rechte auf irgendwas. Nichts von dem, was wir tagtäglich problemlos leben dürfen, und wo schon in kleinstem Maße bei Einschränkungen gemotzt und gezetert wird. Kein Gesetz schützt sie vor Diskriminierung oder häuslicher Gewalt. Aktivistinnen, Lehrerinnen, Journalistinnen befinden sich in Gefängnissen unter unmenschlichen Zuständen.
„Die Diktatur der Rechtsgelehrten stellt Gottessouveränität vor Menschensouveränität.“
Dennoch zeichnet Atai auf besondere Art und Weise ein Bild des Landes. Nämlich aus der Perspektive von neun unglaublich tapferen Frauen. Neun Frauen, die niemanden auf der Welt hatten, die Wut in sich tragen, Verletztheit, Trauer und dennoch das Beste aus ihren besch.iss.enen Situationen gemacht haben und den Kopf nie hängen ließen. Denn sonst wären sie in der unglaublichen Sch… ertrunken, die von Männern gemacht wurde. Neun Lebenseinblicke, die ein differenzierte Bild entstehen lassen.
Ich wünsche den Frauen und Männern, die derzeit an vorderster Front stehen und das System nicht mehr akzeptieren wollen, weiterhin viel Kraft, dass sie den Sieg erringen, dass sie am Leben bleiben und den längst nötigen Wandel und Umbruch endlich (er-)leben dürfen!
GOLINEH ATAI … sie gab diesen neun Heldinnen eine Stimme – Danke!