Das Ibiza-Attentat vom Sommer 2017 und die Veröffentlichung manipulativ zusammengeschnittener, kurzer Ausschnitte beendeten im Mai 2019 die erfolgreiche Mitte-Rechts-Koalition aus ÖVP und FPÖ. Dank der akribischen Arbeit echter investigativer Journalisten, die inzwischen das komplette Video veröffentlicht haben, wurde HC Strache längst rehabilitiert. In diesem Buch erzählt er erstmals seine Version der Ereignisse von damals und gibt auch Einblicke in das, was hinter den Kulissen passierte. Dabei wird deutlich, dass das Ibiza-Attentat kein Streich von Kleinkriminellen war, sondern dass es in Wahrheit um wesentlich größere Zusammenhänge ging.
Der tiefe Fall des HC Strache hat mich fasziniert: Vom Spitzenpolitiker mit begeisterter Wählerschaft zum von der Partei Verstoßenen, der bei der Wien Wahl keine fünf Prozent seiner einstigen Anhänger mehr hinter sich stehen hat und auf Facebook um Spenden betteln muss. Deswegen habe ich - eigentlich mehr aus Spaß - sein Buch zur "Aufarbeitung" des Ibiza-Skandals gelesen.
Strache hat hier ein Werk geschaffen, das auf so vielen Ebenen so dermaßen schlecht ist, dass ich ihn schon fast dafür bewundere. In einer meisterhaften Inszenierung der Opferrolle hat Strache es geschafft, nichts von Ibiza zu lernen, jede Schuld und Selbstreflexion an sich abperlen zu lassen und gleichzeitig seine Selbstbeweihräucherung und seinen Verfolgungswahn auf ein ganz neues Level zu bringen. Es ist schon äußerst dreist, wenn jemand, der staatliche Aufträge statt der Strabag einer Oligarchin vermitteln wollte und Parteispenden am Rechnungshof vorbeigeschleust hat, retrospektiv davon redet, dass er sich außer „einem peinlichen Abend“ nichts vorzuwerfen hat.
Der Aufbau dieses Buchversuchs ist so chaotisch wie Straches politische Laufbahn. Es beginnt mit einem bekannten Goethe-Zitat, und gegen Ende folgen weitere Zitate von Goethe und Schiller, die den Anschein von Bildung und Niveau vortäuschen sollen, die weder der Autor noch sein Werk besitzen.
Von kohärenten Argumenten oder gar Fakten ist hier weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen ist sich Strache nicht zu schade, mit den abstrusesten Theorien aufzuwarten. Von Sushi, welches in Drogenliquid gekocht wurde, bis hin zu Attentaten steigern sich Verfolgungswahn und Paranoia von Kapitel zu Kapitel, bis schließlich über eine Agenda zur Versklavung der Menschen und dem Einsetzen von Chips durch Bill Gates die Rede ist. Meiner Meinung nach sollte Strache dringend mit einem Therapeuten über diese Ängste reden.
Statt den Ibiza-Skandal aufzuarbeiten, ist Strache jeder tiefergehenden Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern aus dem Weg gegangen. Stattdessen wurde wild mit dem Finger auf andere gezeigt, Tatsachen verdreht und man selbst als loyale, geradlinige Person inszeniert.
Sehr witzig fand ich auch, dass Strache offen zugibt, sehr häufig feiern zu gehen, sowohl in der Heimat als auch am Ballermann. Diese Saufgelage bezeichnet er aber als notwendig, weil er ja Kontakte zur österreichischen Jugend knüpfen muss, was überaus wichtig für seinen Draht zu jungen Menschen ist. So kann man sich seinen hedonistischen Lebensstil und Hang zu Alkohol natürlich auch schönreden; vielleicht wurde das ja sogar als Wahlkampf gewertet und mit Steuergeldern gesponsort…?
TL;DR: Das Ibiza-Attentat von H.C. Strache ist nicht mehr als ein armseliger Versuch, sich selbst zu rehabilitieren und seine gescheiterte politische Karriere zu retten. Aufgedeckt wird hier nur Straches eigene Unfähigkeit und mangelnde Charakterstärke.
Viel Selbstbeweihräucherung, die internen Zusammenhänge waren oft nicht gegeben. Von einem zum nächsten Absatz wurde das Thema gewechselt. Ein paar lichte Momente, aber alles in allem leider nicht lesenswert.