Unerzogen, aufsässig, unverbesserlich – wer sich in der DDR nicht zur staatskonformen Persönlichkeit formen lassen wollte, erhielt solche Attribute und wurde oft in Umerziehungsheimen, Spezialkinderheimen, Jugendwerkhöfen weggesperrt. Denn Angepasstheit und das Funktionieren im Kollektiv galten der SED als unverzichtbar für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. In das Leben renitenter Kinder und Jugendlicher wurde massiv eingegriffen, ihre Menschenrechte trat man mit Füßen. Viele von ihnen sind bis heute traumatisiert von den psychischen und physischen Misshandlungen. Grit und Niklas Poppe erklären anhand berührender Schicksale dieses wenig beachtete brachiale Umerziehungssystem und betrachten auch den Umgang mit "Schwererziehbaren" zur NS-Zeit, das Schicksal der „Verdingkinder“ in der Schweiz sowie fragwürdige Methoden in der Bundesrepublik und in Heimen der Gegenwart.
Eine Zusammenstellung von Augenzeugenberichten über die Heime in der DDR. Es umfasst mehr oder weniger den gesamten Zeitraum von 1949 bis 1990. Es sind mit der Ausnahme einer Zuführerin (jemand, der die Insassen von Heim A nach Heim B begleitete) Insassen, die berichten. Die Berichte sind nicht stilistisch einheitlich, sondern eher wie es jeder eben schreiben wollte bzw. konnte. Dadurch, aber auch durch die Erlebnisse und die Haltungen sind die Berichte unterschiedlich eindringlich.
Die Berichte sind nach Heimform geordnet, was auch eine leichte zeitliche Reihenfolge mitbringt, aber insbesondere auch eine Steigerung des Leides, das die in der DDR Zöglinge genannten Insassen erleben mussten, nicht durchgehend, aber tendenziell. Es wird deutlich, dass die Erlebnisse nicht einheitlich sind. Sie können sich je nach Heim und je nach Umstände und Charakter der Person unterscheiden. Mit der Zeit werden aber doch Muster ekenntlich.
Egal weswegen man in einem Heim landete, es ging um Gehorsam und Unterwerfung, um Indoktrination im sozialistischen Sinne und die Heranbildung eines schlecht ausgebildten, arbeitsamen Rädchens des Volkes. Widerstand führte zu sich steigernder Bestrafung, bis hin zu einer Überstellung in den berüchtigten geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau, einem Gefängnis mit militärischem Gepräge.
Die Heime in der DDR waren im besten Falle schwierig, aber viele waren ein dunkler Abgrund menschlicher Grausamkeit. Warum auch immer die "Erzieher" dies taten, ob aus persönlicher Schwäche oder aus Grausamkeit oder dem Glauben, es sei nötig, für die meisten Heimkinder, gerade die, die sich nicht anpassen konnten oder wollten, war es ein Martyrium.
Das letzte Viertel des Buches ist ein paar Beispielen anderer Heimsysteme gewidmet, dem in der NS-Zeit, der BRD (bis etwa 1974), der Schweiz und Deutschland bis 2013. Es wird deutlich, dass das System anders, aber nicht immer so viel besser (in der NS-Zeit war es schlechter) war. Das soll es natürlich nicht entschuldigen, sondern einordnen. Vielleicht hätte es zu den jeweiligen Systemen ein eigenes Buch gebraucht.
Das Autorenduo Grit und Niklas Poppe agieren, wie es scheint, quasi als Herausgeber der Berichte, die sie wohl geordnet und mit einleitenden Beschreibungen zum jeweilen Heimtyp und dem konkreten Heim versehen haben. Grit Poppe hat auch den Jugendroman "Weggesperrt" zu dem Thema geschrieben, wodurch ich erst auf dieses Buch hier aufmerksam wurde. Mir scheint, es wäre redlicher gewesen, sie als Herausgeber (Hg.) zu kennzeichnen.
Ich werte dieses Buch sehr positiv, um gerade einigen Augenzeugenberichten zu würdigen, die mich schwer beeindruckt und erschüttert haben, weniger das Buch als Gesamtwerk, das ich als okay empfinde.
Rating: 5/5 Sprache gelesen: Deutsch Gelesen im Jahr: 2025
Was für ein großartiges Buch über eine verstörende Zeit. Ich bin selbst 1965 in Sachsen geboren, also in der Zeit, als auch einige der Zeitzeugen geboren wurden. Natürlich wusste ich, dass es Kinderheime und Jugendwerkhöfe gab, aber nicht, dass es dort so zuging. Beim Lesen hatte ich dieses bedrückende Gefühl, dass es mich auch hätte erwischen können. Auch erinnern mich die Berichte an die Zeit bei der NVA und das, was wir über Schwedt hörten. Irgendwie eine Parallele zu Torgau.
Danke für dieses großartige, schreckliche und wichtige Buch.
sehr lesenswert (auch wenn sich die Erfahrungsberichte teilweise stark wiederholen, was irgendwann etwas ermüdend wirkt. vllt hätte man einige Teile etwas abkürzen können). fand auch die Vergleiche mit Nationalsozialismus und heute sehr interessant!
Bewegende und lehrreiche Berichte von Zeitzeug*innen von Umerziehungsheimen in der DDR, allerdings werden auch Einrichtungen in der Schweiz, West- und Nazideutschland angesprochen. Die Erfahrungsberichte dominieren das Buch, allgemeine oder längere historische Einordnungen gibt es kaum. Was aber stört, ist die Aufteilung des Buches in die verschiedenen Einrichtungsformen. Kamen Jugendliche in verschiedene solcher Einrichtungen, werden auch ihre Berichte auf unterschiedliche Kapitel aufgesplittet, d.h. statt eine Person ihre ganze Jugend am Stück erzählen zu lassen, wird sie unterbrochen, bis sie wieder etwas über eine andere Einrichtungsform sagen darf, Leser*innen aber zurückblättern können, um die entsprechende Vorgeschichte wiederzufinden.
Fundierte Informationen - man muss pausieren beim lesen, kann das aber da diverse Kapitel auch einzeln gut lesbar & verstehbar sind. Man fragt sich ernsthaft weshalb Kinderrechte auch heut in DE nicht im Grundgesetz sind. Besonders gut finde ich: Überlebende von NS-Erziehung, DDR-Heimen berichten selbst !