Meister der Dämmerung ist eine hervorragende Biografie, die sowohl für Handke Neulinge als auch für Leserinnen und Leser, die sein Werk schon lange begleiten, gleichermaßen lohnend ist. Malte Herwig nähert sich Handke mit großer Genauigkeit und einem beeindruckenden Gespür für die Verbindung von Leben und Schreiben. Er arbeitet oft sehr nah an den Texten, um biografische Bezüge sichtbar zu machen. Eigentlich sollte ich das als ehemaliger Literaturstudent kritisch sehen, denn das Erste, was wir gelernt haben, war immer: Der Text ist nicht der Autor und der Autor nicht der Text. In diesem Fall gelingt Herwig jedoch eine seltene Ausnahme. Seine Parallelsetzungen wirken nicht konstruiert, sondern präzise und nachvollziehbar.
Was diese Biografie besonders stark macht, ist ihr Mut zur Komplettheit. Handke wird nicht geschont. Seine Schattenseiten, die politischen Kontroversen, die problematischen Texte und auch die Vorwürfe häuslicher Gewalt stehen hier ebenso offen im Raum wie seine künstlerischen Erfolge. Herwig holt diese Aspekte aus dem Zwielicht hervor, ohne sie zu relativieren und ohne Handke zu dämonisieren. Dadurch entsteht ein differenziertes Bild, das weder verklärend noch moralisch absolut ist.
Gleichzeitig zeigt das Buch auch den Künstler Handke, für den das Schreiben eine existentielle Notwendigkeit ist. Herwig macht deutlich, wie sehr Handkes Werk aus einer inneren Dringlichkeit entsteht und wie eng Leben und Literatur bei ihm miteinander verwoben sind. Die Biografie vermittelt, was Handke ausmacht und warum sein Werk bis heute so intensiv wirkt.
Meister der Dämmerung ist ein Buch, zu dem ich gern zurückkehre. Es macht Lust, den Handke Kosmos erneut zu betreten und die Texte mit einem neuen Blick zu lesen. Eine klare Empfehlung für alle, die sich für Handke interessieren oder verstehen wollen, wie ein so widersprüchlicher und bedeutender Autor geworden ist, was er ist.