Dies ist der Mittelteil einer “Anthologien-Trilogie”, deren andere Teile “damit” und “darum” heißen. Ich kenne diese andere Teile noch nicht, aber mir hat das kleine Büchlein so gut gefallen, dass ich sie auch noch lesen werde. Enthalten sind sieben Kurzgeschichten, die nicht alles deutlich offenbaren, bei denen eine weitere Bedeutung hinter den Figuren und Handlungen versteckt ist. Es ist schwierig, über diese kurzen Geschichten etwas zu schreiben, ohne zuviel zu verraten. Ohnehin möchte ich das "dahinter" eigentlich gar nicht erklären, macht es doch einen großen Teil des Reizes aus.
Zugegebenermaßen habe nicht alle Geschichten komplett verstanden, bin aber trotzdem ziemlich beeindruckt von der Qualität.
Ein rundum gelungenes Büchlein mit gerade einhundert Seiten.
Ein paar Details zu einigen der Geschichten:
Jennifer Pfalzgraf: Die Frau, die vor dem Regen floh
Eine beeindruckende Geschichte, die ich leider nicht ganz verstanden habe. Ein Mann und eine Frau sitzen wortlos in einem Restaurant. Sie haben sich anscheinend gerade getrennt, der Mann spricht nicht mit der Frau und sie möchte gehen. Da es regnet, traut sie sich nicht hinaus, weil sie Angst vor dem Regen hat. Sie stellt sich eine Diskussion mit dem immer noch schweigenden Mann vor, worauf etwas Seltsames passiert, das ich hier nicht verraten möchte, das die Geschichte aber in die Richtung Fantastik rückt.
Nora Burgard-Arp: Er sagte “Komm mit”
Die Geschichte einer Frau, die immer gemacht hat, was ihr Mann wollte, immer sagte sie "Ja". Jetzt ist er schwer krank, es ist Corona-Zeit, er wird sterben und sie denkt über ihr Leben nach. Ein böses Ende hat diese Geschichte, die vielleicht ein bisschen zu dick aufträgt.
Yvonne Tunnat: Kinderzeit
Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, die versteckten Hinweise richtig gedeutet zu haben. Der Protagonist schildert den Besuch eines Dorffestes in seinem Heimatort, den er vor etlichen Jahren verlassen hat. Nun kehrt er mit seiner Frau zurück und wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Die Erzählung traf für mich gut das Gefühl, das entsteht, wenn man an einen Ort der Jugend zurückkehrt, von dem man sich eigentlich entfernt und emanzipiert hat, wo man aber sofort wieder in die alten Muster gedrängt wird.
Liv Modes: Wolken über See
Eine sehr kurze Geschichte über einen Aussteiger mit einem bösen Ende auf das im letzten Satz noch etwas draufgesetzt wird.
Tino Falke: NPC
Ich habe viel Spass mit der Geschichte gehabt, die aus der Perspektive einer Frau geschrieben ist, die Nebenfiguren von Videospielen eine Stimme gibt. Es geht um Einsamkeit und darum, ob man noch eine gemeinsame Sprache spricht mit den Freunden der Schulzeit und ob es nicht besser ist, sich von ihnen zu trennen. Sehr gut geschrieben wie die Erzählerin Sätze ihrer verschiedenen Spielfiguren auf ihre Alltagssituation anwendet.
S. M. Gruber: Der Lichtmaler
Eine Geschichte über zwei Brüder aus der Sicht einer Kamera. Originell.