,,Wir können bedauern, wenn ein Mensch sterben will. Wir dürfen natürlich alles versuchen, ihn umzustimmen. Aber wenn uns das nicht gelingt, ist seine freie Entscheidung zu respektieren und zu akzeptieren.'' - Litten (S. 39)
Ein 78-jähriger Mann möchte sterben. Er hat keine Depressionen, ist in keiner perspektivlosen Lage, einzig seine Frau ist seit vier Jahren tot. Und so kommen verschiedene Menschen aus verschiedensten Bereichen zusammen, um zu diskutieren, ob diesem Mann der Wunsch zu sterben gewährt werden sollte. Denn wenn Suizid in solchen Fällen schon erlaubt und unterstützt wird, enden wir dann nicht in einer demoralisierten Gesellschaft? Oder wäre es nicht eher richtig, einen Menschen in seiner Selbstbestimmung bis zum letzten Atemzug wertzuschätzen?
Ferdinand von Schirach ist zum einen dafür bekannt, Gerichtsromane zu schreiben, die auf seinen eigenen juristischen Erfahrungen basieren, und zum anderen Theaterstücke zu schreiben, die kontroverse Themen behandeln und von allen Seiten durchleuchten. Nach dem Umgang mit geplanten Terroranschlägen geht es nun um Sterbehilfe, ein Thema, das erst kürzlich vom Bundestag im Februar 2020 neuer und fortschrittlicher bewertet wurde als früher. Es ist nun Ausdruck des Persönlichkeitsrechts, sich das Leben nehmen zu wollen, was von Gesellschaft und Staat respektiert werden soll.
Dieses aktuelle Thema greift GOTT auf und vertritt dabei sowohl die Seiten der Befürworter dieser Einstellung als auch Gegner dieser nun im Gesetz verankerten Ansicht. Und es mag an dem Thema an sich liegen, allerdings sind die Argumente der Gegenseite doch recht schwach ausgeprägt bzw. nicht überzeugend, da sie überwiegend in Religion begründet liegen. Und als atheistischer Mensch, Charakter oder Leser sind dann eben solche Argumente, die hauptsächlich darauf abzielen, Gottes Autorität über das menschliche Leben zu untermauern, nunmal nicht greifbar. Zumal durch die Art und Weise, wie diese geschildert werden bzw. vom Vertreter des Betroffenen förmlich auseinandergepflügt werden wohl sehr leicht zu erraten ist, auf welcher Seite Schirach steht. Und dies ist angesichts dessen, dass er in seinen sonstigen Werken von anderen Rezensenten als neutral und nicht meinungsvorgebend dargestellt wird, etwas enttäuschend.
Nichtsdestotrotz ist das Gespräch zwischen den Personen interessant gestaltet und zeigt, dass sich der Autor in vielfacher Hinsicht zu dem Thema belesen hat. Es werden nicht nur philosophische Sichtweisen auf das Leben thematisiert, auch Statistiken und Belege, wie die Sterbehilfe in Ländern wie Schweden und der Schweiz funktioniert und wie dort die allgemeine Zufriedenheit damit ist, ist sehr einnehmend und gut recherchiert. Von daher kann man definitiv für sich selbst eine Bilanz ziehen, da man umfassend von Schirach zu dem Thema informiert wird und sowohl mit wissenschaftlichen, ärztlichen, religiösen als ethischen Ansichten dazu eine gute Grundbasis hat, sich eine Meinung zu bilden. Es ist nicht nur eine Frage der Empathie, Menschlichkeit und Gewichtung von Selbstbestimmung und Solidarität, sondern auch eine Frage dessen, wie man diese Begriffe definiert. Ist es solidarisch, jemandem seinen Sterbewunsch abzusprechen und ihn umstimmen zu wollen, oder ist es das nicht eher, indem man den Wunsch desjenigen respektiert und alles dafür tut, es möglichst schmerzlos zu verwirklichen? Ist es empathischer, wenn ich verstehe, warum jemand sterben will, oder empathischer, wenn ich versuche, all die kleinen Wunder des Lebens vor demjenigen aufzuzählen? Ist es menschlich, jemanden auf eigenen Wunsch zu vergiften und ihm so den erwünschten Tod zu schenken, oder ist es menschlich, jemanden mit Schläuchen so lange wie möglich es geht am Leben zu erhalten? Spielen da die Wünsche des Individuums oder die der Angehörigen eine größere Rolle? Sehr persönliche und schwierige Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt, und die alle in diesem dünnen Büchlein thematisiert werden.
Doch so erfrischend eine so nüchterne Darstellung von Argumenten bei diesem hochemotionalen Thema ist, es ist auch etwas langweilig und trocken, diese lediglich im Dialog darzustellen, in dem jeder bereits eine gefestigte Meinung hat. Von daher hat es nicht den Einfluss und die Wucht, die eine solche Diskussion im Normalfall auslösen müsste, was mich dann doch eher mit einem Schulterzucken zurückgelassen hat. Zumal, wie bereits erwähnt, recht klar ist, welche Position der Autor bezieht.
Vielleicht liegt es an der Thematik selbst, und dass ich persönlich mich bereits häufig mit dem Thema auseinandergesetzt habe, allerdings konnte Schirachs neuestes Theaterstück nicht viele Emotionen in mir auslösen. Auf der einen Seite gut, da über emotionale Themen oft zu unvernünftig gestritten wird, auf der anderen Seite nicht gut, da es einfach nicht zu fesseln vermag. Sicherlich informativ und bereichernd, wenn man sich zuvor noch nicht mit dem Thema befasst hat, so allerdings eine recht leblose Zusammenfassung, deren Ausgang einem spätestens klar wird, wenn man die Argumentation der Gegenseite liest.
Gesamtwertung: 3/5 Punkten