Dilek und Tekin sind ein junges Paar in Istanbul. Nicht erst seit dem Juli 2016 hat sich auch für sie die Stadt verändert. Als Dilek Jahre später in ein Flugzeug steigt, weiß ihr Freund nichts davon, niemand soll wissen, dass sie, die online »Kangal« heißt, bald in Frankfurt landet. Ayla ist überrascht, als ihre Cousine Dilek sich bei ihr meldet, die gemeinsamen Sommer sind lange her. Und während sich Tekin in Istanbul auf die Suche macht, fragt sich Ayla: Wer ist Dilek heute? Sie will ihr glauben, aber ist das, was Dilek fürchtet, auch wahr?
Anna Yeliz Schentke erzählt furchtlos und aufrichtig von der Freundschaft in instabilen Zeiten. »Kangal« ist ein atemloser Roman über aktuelle Unterdrückung und über eine Generation, die auf der Suche ist: nach einer gemeinsamen Sprache, nach Sicherheit und Zugehörigkeit.
Nominated for the German Book Prize 2022 In her debut novel, Schentke writes about two cousins - one living in Istanbul, one living in the author's hometown of Frankfurt - who haven't seen each other for years because their mothers cut ties after an argument. Now our protagonists are young women, and Dilek leaves Istanbul and her boyfriend behind to travel to Frankfurt, fleeing the country as she fears she will be arrested due to her pro-democratic, anti-Erdogan activism on the internet (where her name is the title-giving "Kangal", a beautiful and brave Turkish shepherd bred to protect herds). In Frankfurt, she meets her cousin Ayla - will they manage to overcome the time passed, the lives lived, and re-unite as a family? Will Ayla help Dilek, the activist?
The author uses this set-up to discuss the rift between first-generation immigrants and their children, between young people living in Turkey and those with Turkish roots who are German / have been living in Germany, and between people who are pro-Erdogan and anti-Erdogan in Germany and in Turkey. The tensions between conservative and progressive views cross families, communities, countries, continents. The anti-government protests in Turkey (Gezi park protests) have started in May 2013, Dilek and some of her friends are fighting authoritarianism and fear the government's retaliation as well as denunciation - they refer to the Turkish president with a code name that is apparently taken from a song titled (in Turkish) "The Name Is Not Necessary". As the story refers to an evacuation of Frankfurt residents because a 500-kilo-bomb from WWII gets discovered on a construction site, the novel might be set in 2021 (here's an article about the bomb).
The book is told in chapters that alternate between the viewpoints of Dilek, Ayla, and Dilek's boyfriend in Istanbul. The language is very sober, often brittle, but the text effectively uses dialogue and the bilingual character of the conversations to create atmosphere - and it sometimes offers excellent dry punchlines that describe the experience of a person with Turkish heritage in Germany.
So while the book starts slow and the quality of the language is not strong throughout, this is an interesting debut by a smart, political young writer to watch.
Bevor Dilek nach Deutschland flog, war ihr immer wieder eingeschärft worden, dort vorsichtig zu sein, sich nicht in Sicherheit zu fühlen. Könnte jemand sie dort auch nur ansatzweise für eine Oppositionelle halten, würden türkische Behörden davon erfahren und sie würde bei ihrer Rückkehr in die Türkei sofort verhaftet. Selbst mit deutschem Pass müsse sie ständig auf der Hut sein, dass andere sie erkennen. Cafés und mögliche Treffpunkte türkischer Oppositioneller in Istanbul waren zerstört oder ihnen war die Lizenz entzogen worden. Seit der Schließung ihres Clubs musste Freundin Hilal eine Augenklappe tragen … Zuletzt hatte Dileks Leben nur aus Angst bestanden; Angst am Arbeitsplatz, Angst in der Familie, Angst in der Liebesbeziehung. In Deutschland trifft Dilek ihre Mutter Elif und Tante Ezgi. Ihre Cousine Ayla hatte sie schon ewig nicht mehr gesehen, obwohl Dilek als Kind ihre Ferien lange gemeinsam mit Ayla bei Tante Ezgi in der Türkei verbrachte. Sie weiß bis heute nicht, warum ihre Mutter und deren Schwester nach einem Streit den Kontakt abbrachen. Bisher war Dilek sicher, dass niemand sie mit „Kangal“ aus den Sozialen Medien in Verbindung bringen kann – zu sicher? In Istanbul kommt es derweil unter Studenten zu Verhaftungen, die eine bestimmte Person interviewt hatten.
In Deutschland lebt Ayla in Trennung von einem gewalttätigen Mann, sie wohnt übergangsweise bei Melek, die sie seit ihrer Schulzeit kennt. Ausgerechnet Melek, die alles kritisiert, das nur irgendwie zu kritisieren ist. Ihre Wohnungssuche ähnelt verblüffend Dileks Lavieren, nur nicht aufzufallen; denn wer Ayla behilflich ist, könnte sie verraten. Aylas Eltern rackerte sich als Einwanderer der ersten Generation in Frankfurt mit einem Lebensmittelladen ab. Irgendwann gab es kein Zurück in die Heimat mehr. Doch selbst in Freiheit zählte nur, was andere Leute über einen reden könnten, und niemals eine Meinung zu äußern, um andere nicht ungewollt in Gefahr zu bringen.
Dilek, Ayla, Tekin - in extrem kurzen, verschachtelten Episoden erzählen innerhalb einer Rahmenhandlung, die aus einer Gruppe heraus vermittelt wird, drei Figuren aus ihrem Leben im Jahr 2016 zwischen der Türkei und der türkischen Community Frankfurts. Niemandem trauen zu können und selbst in der Familie vorsichtig zu lavieren, macht das Leben dieser Figuren unberechenbar. Gefahr durch Tratsch und Denunziation liegt wie eine dunkle Wolke über den drei Erzählstimmen. Die Texte und eiligen Telefongespräche wirken durch das Episodenhafte gehetzt, ziehen einen beim Lesen in ein alles dominierendes Misstrauen hinein.
“Von Deutschland aus wählen sie die Parteien, die mein Land zu einem gemacht haben, in dem man nicht mehr bleiben kann.”
Die offensichtlichen und doch unvorhersehbaren Unruhen in der Türkei, machen sich schleichend auch im Leben von Tekin und Dilek breit. Dilek operiert online als Kangal1210. Der Umgang mit den Menschen - nach dem gescheiterten Putschversuch im Jahr 2016 – ist für Dilek nicht in Ordnung. Personen, die sich gegen das Regime äußern verschwinden. Ein falsches Wort, ein unbedachter Satz, ein demonstratives Gespräch, das die falschen Personen hören; und man findet sich im Gefängnis wieder. Eines Tages ist Dilek fort, ohne ein Wort, in Deutschland untergetaucht.
Ein Teil ihrer Familie lebt dort. Der Teil, mit dem sie früher Sommerurlaube in der Türkei verbrachte, bevor die Mütter sich zerstritten hatte. Ihre Cousine Ayla, mit der sie sehr eng verbunden war. Doch ist diese Verbundenheit nach all den Jahren und der Absenz noch immer da? Kann man sich, in Zeiten wie diesen, vertrauen? In Zeiten, wo in der Türkei Menschen ohne Vorwarnung verhaftet werden, währen die Türken in Deutschland dies abtun, als ob es nicht passiert? Kann sie je wieder zurück in ihre Heimat? Wird sie Tekin und die anderen je wiedersehen? . „Ich weiß, Dilek wird nie still sein, egal wo sie ist. Selbst wenn Baran Kangals Namen nennen würde. Dilekt ist nicht Kangal und Kangal ist nicht Dilek. Wir sind Kangal und auf Dauer sind wir mehr.“ . Als ich zu Beginn in die Geschichte eintauchte, hat sie mich so gar nicht abgeholt, bin ich doch thematisch in der politischen Lage in der Türkei nur am Rande drin. Es kam mir langweilig vor, dachte mir, was soll da Großartiges kommen. Doch der Irrtum offenbarte sich recht flott, denn auch wenn die einzelnen Protagonist*innen sprachlich immer nur in kurzen Episoden auftauchen, so sagen sie dennoch genug, um herauszufinden, dass ZU VIEL GESPRÄCH einen das Leben kosten kann. Das permanente Gefühl „einen Verfolger“ zu haben, ist für mich unvorstellbar. Der psychische Druck. Die tägliche Angst verraten zu werden. In Verbindung gebracht zu werden, mit möglichen feindlichen Personen des Regimes. Mit bester Phantasie kann ich mich nicht hineindenken. Nur fürchten, Kopfschütteln und Gänsehaut bekommen – das kann ich. . Auf den ersten Blick wäre meine Kritik, dass das Buch nicht sehr in die Tiefe geht. Nach etwas Nachdenken braucht es das hier aber nicht, finde ich. Das was wir hier lesen (und auch nicht lesen) ist völlig ausreichend, um zu erahnen, dass es einfach falsch läuft, dass es prekär werden kann, dass MANN mit Ängsten und Macht spielt. Und eines wird klar, die Türkei ist nicht nur bekannt für Urlaubs-Halligalli und einen schönen Markt, wo man einkaufen kann. Nein, sie steht auch für eine Politik, die keinen Widerstand duldet, egal welcher Art.
Ich freue mich auf weiteres von der Autorin und hoffe, dass sie thematisch anknüpft – ich bin sehr interessiert. . Ein tolles Buch, dass mich nach wenigen Seiten total eingesogen hatte, sodass ich es bis 3 Uhr morgens weginhalierte. . LESEEMPFEHLUNG!
Das Debüt von Anna Yeliz Schentke behandelt ein brennendes und schwieriges Thema: Die Meinungs- und Menschenfreiheit in der Türkei. Zum Putschversuch in 2016 zurückblickend schildert die Autorin diverse Perspektiven von jungen Menschen, die sich dem Regime widersetzen – und dafür in ständiger Angst leben.
Treffend gelingt es Schentke, die Divergenz zwischen zwei Seiten auszuarbeiten: einerseits gehen ihre Protagonist:innen auf die Straße und halten Befragungen vom Staatsapparat stand; andererseits scheinen sie davon überzeugt zu sein, dass die Gegenseite übertreibt und man in vollständiger Sicherheit ist.
Das Konzept und die Passagen sind stark, haben eine Sogwirkung und führen sofort tief in emotionale Facetten der Figuren ein. "Kangal", der mystische Codename schwebt immer wieder im Hintergrund.
Doch dann ist der Roman auf einmal vorbei... und es bleiben mehr Fragen offen als man vom Text beantwortet bekommen hat. Ein Handlungsbogen, die Enthüllung oder Ausarbeitung der Identität oder Aktivitäten von Kangal, ein kompositorischer Klimax, mehr als eine tatsächliche Hintergrundgeschichte oder Entwicklungsversuch der Hintergründe oder jeweiliger Figuren(paaren) – bleibt aus.
Gerne hätte ich weitere hundert Seiten gelesen. Dahingehend hat mich "Kangal" in Erwartung eines Romans eher enttäuscht hinterlassen.
Von einem Tag auf den anderen flüchtet Dilek. Von der Türkei nach Deutschland. Niemand weiß davon. Selbst ihr Freund Tekin nicht. Doch der Grund ist ihm klar. Denn schließlich ist Dilek Aktivistin. Unter dem Nickname Kangal 1210 sorgt sie für mächtig Unruhe. Als eine Freundin von ihr wegen “terroristischer Aktivitäten” verhaftet wird, gerät Dilek eben in Panik und türmt. Nach Frankfurt. Denn dort hat sie noch eine Cousine. Ayla. Ayla ist in Deutschland aufgewachsen, hat seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu Dilek. Bis sich Dilek eben bei ihr meldet…
In “Kangal” treffen Regime-Kritik und Familienabgründe aufeinander. Mit ruhigen Worten und puristischen Sätzen reißt Anna Yeliz Schentke hier Seelenhorizonte auf. Mal aus der Sicht von Tekin, mal Ayla und natürlich immer wieder Dilek. Was unterscheidet eine Türkin, die ihr Leben in der Türkei verbrachte von einer, für die Deutschland die Heimat ist? Wie bricht man Rollenbilder auf? Oder wie kann man dem Patriarchat entkommen? Es sind die ganz großen Gesellschaftsthemen, denen sich Anna Yeliz Schentke hier widmet - und zwar konsequent aus der Sichtweise des Privaten heraus. Das hat eine ungeheure Strahlkraft, macht das Buch nicht nur gesellschaftlich, sondern sogar politisch relevant. Dabei prangert Anna Yeliz Schentke aber nicht an und erhebt auch nicht den mahnenden Zeigefinger, sondern erzählt einfach. Genau dadurch verstärkt sich die Wirkung, die Anklage.
Wobei Anna Yeliz Schentke kein Drama daraus macht. Im Gegenteil! Ihre Figuren vergehen sich nicht in explodieren Emotionen und großen Worten, sondern sprechen leise. Dafür eindringlich. So lernt man Dilek erst nach und nach kennen. Und verstehen. Sie kommt immer näher an einen heran. Bis sie so nahbar ist, dass man sie gar nicht wieder gehen lassen möchte. Genau dieser Umstand macht das Ende umso heftiger. Mich persönlich hat es arg im Magen getroffen, atemlos zurückgelassen. Das ist ganz, ganz fantastische Erzählkunst. Ein beeindruckendes Debüt!
* #Kangal wurde mir als Rezensionsexemplar von #NetGalleyDE zur Verfügung gestellt.
Irgendwie... war das nicht meins. Ich finde das Thema super wichtig und interessant, aber diese Geschichte war einfach wirr und distanziert. Die Figuren sind blass geblieben und größtenteils hat es mich gelangweilt. Meh.
Ein super spannendes Thema, das man damals im Jahr 2016 auch in Deutschland mitbekommen hat, über das ich dann aber ehrlich gesagt wenig wusste. Dennoch hat man von den damaligen Massenverhaftungen durch die Regierung um Erdoğan (im Buch "der, dessen Name nicht erwähnt werden muss") nach dem Putschversuch mitbekommen, der durch die Regierung auch vor allem dazu genutzt wurde, um Oppositionelle und kritische Journalist:innen zu verhaften. Das Buch liefert dazu an sich auch keine weiteren Erklärungen, kein Richtig und Falsch, sondern schildert nur die Situationen der drei Charaktere, die in abwechselnden in kurzen Kapiteln erzählen. Dilek, die unter dem Pseudonym "Kangal1210" online Kritik an dem Regime übt (allerdings ist dies stets nur angedeutet) und Jahre nach dem Juli 2016 nach Deutschland geht, weil sie eine Verhaftung fürchtet. Dileks Cousine Ayla, die in Frankfurt lebt und als Deutsch-Türkin geboren ist und die von dem Konflikt wenig mitbekommen zu haben scheint. Und Tekin, Dileks Freund, der in Istanbul zurückbleibt. Dabei ist es super interessant, die jeweiligen Positionen zu lesen, von "man kann sich nie sicher sein" bis "so schlimm wie manche behaupten, ist es doch gar nicht" und wie sich Dilek und Ayla nach Jahren ohne Kontakt, nachdem sich ihre Mütter zerstritten haben, wieder treffen. Am Ende bleibt es aber offen und zurück bleibt ein ungutes Gefühl der Unsicherheit, vor allem, wenn es um Dileks Ende geht. Insgesamt ein gutes Buch, das sich aufgrund geringer Seitenzahl und durch viele Absätze und halbe, leere Seiten, mit denen das Buch gesetzt ist, in guten zwei Stunden wegliest. Hätte ich es mit für 21 EUR gekauft, wäre ich vielleicht ein wenig enttäuscht gewesen (ein Hoch auf die Frankfurter Stadtbibliothek!) 4 Sterne ✨
Kangal - wie der starke bissige Hirtenhund, das ist das Pseudonym, unter dem Dilek online zu finden ist. Unter diesem schreibt sie, was man in der Türkei seit 2016 nicht mehr öffentlich sagen kann, weil sonst Gefängnis oder Schlimmeres droht. Doch nach Befragungen und Verhaftungen in ihrem Bekanntenkreis wird die Luft dünner, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man sie identifiziert. Dilek beschließt zu fliehen, weiht nicht einmal ihren Freund ein. In Deutschland hofft sie in Sicherheit zu sein, nur zu ihrer Cousine Ayla traut sie sich Kontakt aufzunehmen, denn bevor ihre Mütter sich im Streit entzweiten, waren sie unzertrennbare Verbündete, fast wie Schwestern, obwohl sie in zwei verschiedenen Ländern aufwuchsen.
Anna Yeliz Schentke greift in ihrem Debütroman ein aktuelles Thema auf. Dass sich die Lage nach dem Putschversuch für alle, die nicht auf Linie des Präsidenten sind, dramatisch verschlechtert hat, ist weitgehend bekannt. „Kangal“ schildert eindrücklich die Angst, die vor allem junge, nach Freiheit strebende Menschen begleitet, und die Schwierigkeit, ihren Landsleuten hier in Deutschland die Situation begreiflich zu machen, während diese im zweiwöchigen Sommerurlaub an den Stränden das Dasein genießen und nichts von den alltäglichen Repressalien des Mannes erfahren, dem sie aus der Ferne zujubeln.
Dileks Angst wird in der Geschichte zunehmend greifbarer. Quasi minütlich könnte sie entlarvt und ihr Pass gesperrt werden. Was genau sie online gepostet hat, bleibt dabei im Dunkeln, spielt aber auch keine Rolle in einem Staat, wo es Rechte und Rechtsstaatlichkeit nur noch auf dem Papier zu geben scheint. Auch in der Ferne kann sie sich nicht von der Angst befreien und fürchtet bei jedem Türken, dass dieser zum Verräter werden und sie auffliegen lassen könnte.
Ihre Cousine kennt die Türkei nur als Urlaubsland, hat natürlich die Nachrichten verfolgt, kann sich aber kaum vorstellen, dass Dilek sich ernsthaft in Gefahr befindet. An ihrer Figur wird das zweite große Thema des Romans angerissen: wie konservativ ist die türkische Gemeinschaft hierzulande, können sich gerade junge Frauen überhaupt frei entfalten und wie kommt es, dass viele der sogenannten Gastarbeiter sich trotz anderer Pläne ihr Leben letztlich in Deutschland eingerichtet und die Rückkehrpläne aufgegeben haben. Vor allem für Frauen scheinen sich die großen Versprechungen und Erwartungen nicht erfüllt zu haben – Grund genug, diese auch den Töchtern vorzuenthalten?
Ein kurzer Einblick in das türkische Leben dort wie hier, in dem sich vieles im Schatten oder Verborgenen abspielt, sei es wegen der gesellschaftlichen oder familiären Normen oder wegen staatlicher Drohung, die auch aus der Ferne wirkt. Interessant fand ich dabei, dass Dilek weitaus moderner und aufgeklärter wirkte als Ayla, die sich letztlich doch dem familiären Korsett fügt und nur sehr begrenzt ihre eigenen Vorstellungen von einem Leben verfolgt.
Das Ungesagte, Verschwiegene nimmt einen wichtigen Platz mit ganz unterschiedlichen Funktionen ein. In der Türkei bietet dies Schutz vor der staatlichen Gewalt, in der Familie von Dilek und Ayla steht es zwischen ihnen, die Mädchen wissen nicht, was zwischen den Müttern gesagt und vorgefallen war und trauen sich nach Jahren auch kaum die Frage danach zu stellen, sondern beginnen selbst zu schweigen. So wird das Schweigen von einer auf die nächste Generation übertragen, ohne dass diese wüsste, warum.
Ein interessanter Roman, der viel zu schnell endet, denn die Geschichte der beiden jungen Frauen ist für mich noch nicht zu Ende erzählt, zu viel Potenzial steckt noch in Anna Yeliz Schentkes Figuren.
Kurzmeinung: Leseempfehlung! Türkei heute. Nach dem missglückten Regierungssturz 2016 in der Türkei, wird es ungemütlich für die Bevölkerung. Die paranoide Regierung wittert überall Verrat. Sie greift nicht nur hart durch, sondern ermutigt ihre Staatsbürger zur gegenseitigen Bespitzelung; Gesetze werden verändert, so dass es möglich ist, nur aufgrund einer Denunziation oder eines vagen Verdachts, Leute zu verhaften, stundenlang zu verhören, zu schlagen, zu demütigen. Es gibt quasi keinen Rechtsstaat mehr und es herrscht ein Klima allseitigen Misstrauens.
In knappen Worten und Szenen, die eindrücklich sind und unter die Haut gehen, meisterhaft mit literarischem Minimalismus spielend, zeigt Anna Yeliz Schenke auf, wie die politische angespannte Situation sich selbst auf die engsten Beziehungen auswirken. Ein Riss geht durch die Gesellschaft. Es gibt die einen, die nur in Ruhe gelassen werden wollen und so oder so jederzeit regierungstreu sind und es gibt diejenigen, die jedes Wort auf die Goldwaage legen müssen. Niemand sagt mehr ehrlich seine Meinung, längst ist der türkische Staatspräsident ein Diktator geworden. Wer ins Visier des Staatsapparats gerät oder nicht ins Bild passt, wird mundtot gemacht. Das kemalistische Prinzip von der Trennung von Staat und Glauben ist längst ausgehebelt. Dies bedeutet, dass die privatesten Beziehungen nicht mehr privat sind, man hat sich nach der herrschenden Moralvorstellung zu richten oder man ist der Willkür ausgeliefert, dem Staat, dem Mob, den Religionsführern.
Bewundernswert wie Anna Yeliz Schenke in unnachahmlich minimalistischer Manier und den kurzen Auftritten ihrer Figuren, Atmosphäre schafft, Information transportiert, die Diktatur an den Pranger stellt.
Fazit: Höchst bemerkenswertes Debüt, das zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022 steht.
Kategorie: Anspruchsvolle Literatur Verlag: S. Fischer, 2022 Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022
Ich bin traurig, dass es mir so wenig gefallen hat haha aber das Buch war, für das was es erzählen wollte, viel VIEL zu kurz (200 Seiten, die noch dazu extrem leer wirken) und auch viel zu fragmentiert. Vom Aufbau her mehr Kurzgeschichten vibes als tatsächlich ein Roman.
Ein eindringlicher Text darüber, wie sich aufgrund politischer Verhältnisse Misstrauen in Familien und Freundeskreise einschleicht. Und eine Auseinandersetzung darüber, was schief läuft, wenn Menschen politisches Wahlrecht für ein Land haben, in dem sie gar nicht mehr leben.
Anna Yeliz Schentke ist meines Erachtens ein beeindruckendes Debüt gelungen, das zurecht gleich auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Im Zentrum stehen zwei Cousinen, die einst immer den Sommer zusammen verbracht haben, bis sich die Mütter (Schwestern, die eine in der Türkei, die andere in Deutschland) zerstritten haben. Anhand der Geschichte zweier Cousinen, die sich nach Jahren wieder begegnen, sich aber nicht trauen können, wird der Widerspruch zwischen dem, was Menschen vor Ort real erleben müssen (Verfolgung, Einschüchterung, Bedrohungen, Repression) und dem verblendeten Blick der Menschen, die nicht vor Ort sind, aber von außen über den Ort mitentscheiden können, deutlich. Das Private ist hier eindeutig politisch.
Schentke gelingt es in schlichter Sprache, ein Szenario des Misstrauens und der inneren Isolation zu erschaffen. Erzählt wird aus drei Perspektiven in kurzen bis sehr kurzen Episoden, die aber sehr schnell einen immensen Sog entwickeln. In den besten Momenten fühlt man sich fast an Figuren einer Herta Müller erinnert, die in einer Art Dauermodus aus ungesunder Wachsamkeit und nie weichender Angst vor dem Geheimdienst gefangen sind. Sprachlich ist Müller eine andere Liga als es in diesem Roman der Fall ist, inhaltlich tun sich aber Ähnlichkeiten auf. Und man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei um einen Debütroman handelt.
Fazit: ein fesselndes Stück zeitgenössischer Literatur, vielleicht besonders den E.Anhängern in diesem Land empfohlen (dessen voller Name im Buch übrigens nie genannt wird, der aber trotzdem permanent über dem Geschehen schwebt). Leseempfehlung? Unbedingt - auch für alle Anderen.
Beklemmende Geschichte mit offenem Ende über das Risiko in der Türkei Kritik an der Regierung zu üben, den Druck, der dadurch auf Familien und Freunden lastet und das damit einhergehende permanente Misstrauen.
S.79: „Ich kann die Nationalflagge nicht mehr sehen, ohne an diesen Tag zu denken, ohne an die Toten zu denken, höre, wie Hunderte Männer „Allahu ekber, Allahu ekber“ brüllen. Polizisten stehen mit auf den Panzern. Väter sind mit ihren Söhnen gekommen, sie sollen lernen, wofür es sich zu sterben lohnt. Die Putschisten sind umzingelt, in der Mitte der Brücke. Die Panzer wollen nicht schießen, dann schießen die Menschen und zertrümmern Köpfe und Leben. Seit diesem Tag ist es ein Bekenntnis, die Flagge zu tragen, und jeder in diesem Land weiß, was das bedeutet.“
S.128: „Nur weil wir eine Sprache sprechen, haben wir noch nichts gemeinsam. Nur weil wir aus einem Land kommen, haben wir noch nichts gemeinsam.“
Nachdem ich über die Tatsache hinweg gekommen bin, dass Kangal wieder ein neuer teurer Roman mit großer Schrift, wenig bedruckten Seiten und somit wenig Inhalt ist, war ich anfangs verwirrt, die Beziehungen der vielen Personen zueinander zu greifen. Als ich das allerdings begriff, war ich begeistert - tolles Buch aus einer sehr aktuellen Sicht heraus, welches Gefahren beschreibt, die die meisten Menschen nicht verstehen können.
The book can be read quickly. It is written in a German-Turkish language. Turks born in Germany know what I mean.The story has an open ending, which I personally don't like. What happens to Dilek? Why did her mother and aunt fall out? Are Ayla and Dilek actually siblings?
This entire review has been hidden because of spoilers.
ich bin vielleicht biased weil die Autorin eine Dozentin von mir ist und ich sie total toll finde aber dieses Buch ist SO GUT (ist es Einschleimen wenn ich ihr das sage?)
erinnert mich an „drei kameradinnen“, aber echt nur wegen der türkisch-politisch-rebellischen storyline. die charaktere sind nett gestaltet, es ist super einfach zu lesen und hat teilweise sehr poetische passagen. trotzdem bin ich etwas enttäuscht von den ganzen unbeantworteten fragen, ich glaub ein bisschen dass die autorin selber nicht so richtig wusste wo die reise am ende hingehen soll. tolle idee, geht-so-umsetzung….
Dilek hält es nicht mehr aus. Seit dem Putschversuch der Armee im Juli 2016 ist es in Istanbul für Kritiker des Regimes noch unsicherer geworden, als zuvor. Deswegen war Dilke bisher vor allem in der Anonymität des Internets tätig. Als Kangal1210 hat sie ihre Meinungen verbreitet, aber als einer aus ihrer Gruppe verhaftet wird, packt sie ihre Sachen und fliegt nach Deutschland. Ohne ihren Freunden oder ihrem Lebenspartner Tekin ein Wort zu verraten. In Deutschland ist Dileks Cousine Ayla. Aber in Deutschland ist auch die Erkenntnis, dass ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen keine Frage des Aufenthaltsortes ist.
Aus vier Perspektiven erzählt Anna Yeliz Schentke in ihrem Debüt „Kangal“ über das Lebensgefühl junger Türken in unseren Zeiten. Zum einen ist da Dilek, die, von der Angst getrieben, die Frage danach, wem man vertrauen, wem man sich öffnen kann, auf die eigene Familie ausweiten muss. Die ihre Grenzen kennt und lieber geht, bevor die Polizei sie holt. Ihr fast diametral gegenüber steht ihr Freund Tekin, für den Flucht keine Option ist, egal, wie gefährlich es wird. Ayla schließlich lebt zwar in Deutschland, fühlt sich aber durchaus auch als Türkin. Durch ihr Leben außerhalb der Türkei fehlt es ihr aber an einem echten Zugang zu der dortigen Lebensrealität. Und dann sind da noch die namenlosen Stimmen, in einer anderen Schriftart gedruckt, die man nicht genau zuordnen kann. Gehört eine davon Dilek? Dem Freund im Gefängnis? Unbekannten, die mit ihren Worten das Puzzle vervollständigen sollen?
Alles in allem hat mir „Kangal“ gut gefallen, weil es mir einen Teil türkischer Geschichte und wohl auch Lebensrealität näher gebracht hat, den ich nur noch dunkel in Erinnerung hatte, und über dessen Auswirkungen bis in unsere Zeit ich gar nichts wusste. Man neigt schnell dazu, Gruppen von außen als eine glatte Einheit zu erfassen, ohne die Kluften, die durch diese Gruppe geht, Familien und Freundschaften zerstören kann, wahrzunehmen. „Kangal“ deckt diesen Fehler auf, erinnert einen daran, dass eine Gesellschaft nicht nur vielschichtig ist, sondern auch von tiefen Klüften durchzogen sein kann, die ein Zusammenleben schwer bis fast unmöglich machen.
Schade fand ich, dass bei Schentke alle Stimmen gleich klingen. Die kurzen Kapitel sind mit dem betreffenden Namen überschrieben, aber ohne den hätte ich nicht sagen können, in wessen Gedanken wir uns gerade befinden. Dadurch haben die Charaktere für mich an eigener Dynamik und Tiefe viel verloren, eine Verbindung, ein echtes Interesse an ihren Schicksalen, ist bei mir nicht entstanden.
„Kangal“ ist dieses Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Ich hätte es dort nicht gesehen, denn obwohl ich es als ein recht gutes Buch bezeichnen würde, hat mir der Wow-Effekt gefehlt. Trotzdem würde ich es weiterempfehlen, weil es mir neue Aspekte und Stoff zum Nachdenken geliefert hat. Ein Kriterium, das ich hoch schätze. Und weil ich finde, dass es ein mutiges Buch ist. Darum gibt es eine leicht verhaltene Leseempfehlung.
"Kangal" von Anna Yeliz Schentke hat es nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis geschafft. Sehr schade, denn dieser Roman ist ein Geniestreich. Mit wenig Worten und viel Luft auf den Seiten wirkt der Text fast skeletthaft, reduziert auf die Essenz. Das Grauen liegt im Dazwischen, im Nicht-Sicher-Sein, im 'Vielleicht'.
Die Geschichte handelt von Dilek, die aus der Türkei nach Deutschland flieht und ihrem Partner, Tekin, der nicht weiß, wo sie ist. Dilek, Tekin und ihre Freund*innen haben sich während der Gezi-Proteste 2013 politisiert und leben jetzt, Jahre nach dem Putschversuch 2016, in permanenter Angst vor Überwachung, Verrat und Inhaftierung.
Die Bedrohung ist omnipräsent für die Oppositionellen, doch bleibt sie eben oft vage. Wie viel wissen die Geheimdienste? Wem kann man vertrauen? Ist der Sitznachbar im Sprachkurs ein präsidententreuer Spitzel oder einer von uns? Denn auch in Deutschland ist Dilek nicht sicher. Fast 70% der hier lebenden Türk*innen haben dem, 'der keinen Namen braucht' ihre Stimme gegeben. Die App mit der Regierungskritiker*innen dem Türkischen Staat gemeldet werden können, existiert tatsächlich.
Anna Yeliz Schentke hat ein hochpolitisches Romandebüt geschrieben, das Leser*innen in die Schwebe versetzt, in der sich auch die Figuren befinden. Übertreibt Dilek? Ist sie paranoid? Oder ist es genau das, was das Regime will? Dass sich niemand jemals sicher ist?
Eben dieses Grauen im Dazwischen lässt uns auch nach den knapp 200 Seiten nicht los und bringt uns denen näher, die mittendrin sind und es trotz der Angst mit den Wölfen aufnehmen."
Der Roman beginnt, dass die junge Frau Dilek im Flugzeug aus Istanbul nach Frankfurt reist. Sie flieht vor einer drohenden politisch motivierten Verhaftung, aber das ist nur eine Facette der Geschichte. Die Sprache Anna Yeliz Schentkes ist nüchtern, trocken, journalistisch. Mir gefällt der analytische Blick auf deutsche und türkische Identität. In der Spannung zwischen Tradition, Familie, Freundschaft und Sehnsucht nach individueller und nationaler Identität.
60/208 Seiten dann abgebrochen. Es geht um die Flucht aus der Türkei.. ich will den sehr kurzen Kapiteln aus verschiedenen sichten erzählt, ist aber auch nach fast 60 Seiten. Super uninteressant.. sehr langweilig und unspektakulär geschrieben. Konnte mich nicht dazu durchringen weiter zu lesen