Wie genau es dieses Buch auf meine Leseliste geschafft hat, weiss ich nicht mehr. Aber als ich es während einer Wanderung mit meiner Mama im Klosterladen des Hildegardiskloster Eibingen liegen sah, musste es mit.
Auf sehr verständliche und sympathische Art habe ich einiges über den von Navid Kermani gelebten Islam gelernt. Ich betone, den von Navid Kermani gelebten, denn er sagt selbst an einer Stelle (so oder ähnlich), dass Muslime aus dem Iran, in Deutschland im Exil lebend, wohl nicht repräsentativ für den Islam stehen.
Was möchte ich in Erinnerung behalten, das ich hier zum ersten Mal gelesen habe?
• Dass Mohammed die empfangenen Botschaften nicht aufgeschrieben, sondern vorgesungen hat;
• Dass deshalb die islamische Kultur geprägt ist von Musik, Vortrag und Poesie (die christliche Kunst hingegen von Bildern);
• Dass unter anderem deshalb die Übersetzungen des Korans den Originaltext kaum wiedergeben können;
• Dass der Islam erst seit etwa 300 Jahren versucht zu missionieren;
• Dass der Hinduismus eine “Erfindung” der Briten ist, ein Versuch, die vielen Glaubensvorstellungen der Inder unter einen Hut zu bringen.
Die interessanteste Stelle für mich war sicherlich die Reflexion über das lineare Zeitverständnis der Christen im Vergleich zum zyklischen Zeitverständnis der Griechen und Römer (Seite 109f).
Doch an einigen Stellen störte ich mich auch. Dass man die heiligen Schriften je nach eigener Stimmung interpretiert und diese Interpretation ein Spiegel der eigenen Seele wäre, zum Beispiel, scheint mir doch sehr vereinfacht: bist du ein guter Mensch, interpretierst du den Koran positiv; siehst du die schlechten Seiten im Koran, liegt es daran, dass du schlecht denkst.... Was sagt meine kritische aber interessierte Herangehensweise, der Tatsache geschuldet, dass ich mich als Agnostikerin definiere, über mein Seelenleben aus?
Überhaupt fand ich, dass Agnostiker ziemlich unerwähnt bleiben in diesem Buch. Und Frauen darüber hinaus auch weitestgehend (bis auf eine indonesische Sängerin), was ich in einem Buch eines modernen Islamgelehrten doch bedenklich finde... Ein bisschen Gendering hätte einem in 2022 erschienenen Buch sicher nicht geschadet.
Ganz sympathisch fand ich die indiskret eingestreuten Selbstwiderlegungen. So wird der Islam einerseits mit der Autobahn als Weg zu Gott verglichen, der aber andererseits auch dringend den Strassendienst bräuchte.
Am Ende gebe ich Navid Kermani vor allem in einem Recht: “Was mich beunruhigt, ist das religiöse Unwissen, das sich ausbreitet. Denn so wie der Glaube nur in Freiheit entstehen kann, setzt ihrerseits die Freiheit das Wissen voraus.” In diesem Sinne war dieses Buch eine Bereicherung, wenn ich ihm vielleicht auch zu kritisch gegenüberstehe.
Und obwohl ich nach alledem vor allem die titelgebende Geschichte als die Beste und Aussagekräftigste des ganzen Buches in Erinnerung behalten werde.