"Als er im Krankenhaus lag, sollte ich Opa versprechen, dich den Islam zu lehren, wenn er nicht mehr da ist, unseren Islam, den Islam, mit dem ich aufgewachsen bin." So beginnt ein Vater Abend für Abend seiner Tochter zu erzählen – nicht nur von seiner eigenen Religion, sondern von dem, was alle Gläubigen eint, von Gott und dem Tod, von der Liebe und der Unendlichkeit um uns herum. Dieses sehr persönliche Buch ist nicht nur Verzauberung und literarisches Meisterstück, sondern ein wahrer Erkenntnisgewinn, gerade weil Navid Kermani auch ins Dunkle zu schreiben wagt und damit seiner, unserer Ratlosigkeit einen Ausdruck gibt. Und weil seine Sprache, seine Offenheit, sein Wissen aus zwei Kulturen einzigartig sind, so hell und so tief.
Es gibt einen ziemlich lustigen YouTuber, der tatsächlich viele Sprachen kann, dessen Videos aber eine einzige Parodie auf klassischen Polyglot-YouTube-Content sind. In seinem letzten video "The Hardest Thing About Each Language", meint er, das schwierigste am Arabischlernen sei es, dem Drang, sich zum Islam zu bekehren, zu widerstehen. Ich kann ihm nur Recht geben und hoffe, er liest niemals Navid Kermani! Schon bei der Lesung im Gorki vor einem halben Jahr kamen mir die Träne. Nachher im Foyer, als plötzlich auch noch Asal Dardan vor mir stand und wir über die Lesung ins Gespräch kamen, ging es mit den Tränen wieder von vorne los. So berührend und schön kam mir das, was ich gerade gehört hatte, vor. (Weinen vor Asal Dardan, bester Moment meines Wintersemesters) Die Emotionalität lässt sich sicherlich damit erklären, dass ausgerechnet der Lieblingskoranvers meiner besten Freundin, die ich an dem Abend sehr vermisste, plötzlich in der Lesung vorkam. Und generell gehen die großen Fragen der Religion ja direkt ins Herz. Es ist einfach berührend zu wissen, dass die eigenen Fragen und Ängste schon vor Jahrtausenden so präzise und poetisch ausformuliert wurden.
Wie genau es dieses Buch auf meine Leseliste geschafft hat, weiss ich nicht mehr. Aber als ich es während einer Wanderung mit meiner Mama im Klosterladen des Hildegardiskloster Eibingen liegen sah, musste es mit. Auf sehr verständliche und sympathische Art habe ich einiges über den von Navid Kermani gelebten Islam gelernt. Ich betone, den von Navid Kermani gelebten, denn er sagt selbst an einer Stelle (so oder ähnlich), dass Muslime aus dem Iran, in Deutschland im Exil lebend, wohl nicht repräsentativ für den Islam stehen.
Was möchte ich in Erinnerung behalten, das ich hier zum ersten Mal gelesen habe? • Dass Mohammed die empfangenen Botschaften nicht aufgeschrieben, sondern vorgesungen hat; • Dass deshalb die islamische Kultur geprägt ist von Musik, Vortrag und Poesie (die christliche Kunst hingegen von Bildern); • Dass unter anderem deshalb die Übersetzungen des Korans den Originaltext kaum wiedergeben können; • Dass der Islam erst seit etwa 300 Jahren versucht zu missionieren; • Dass der Hinduismus eine “Erfindung” der Briten ist, ein Versuch, die vielen Glaubensvorstellungen der Inder unter einen Hut zu bringen. Die interessanteste Stelle für mich war sicherlich die Reflexion über das lineare Zeitverständnis der Christen im Vergleich zum zyklischen Zeitverständnis der Griechen und Römer (Seite 109f).
Doch an einigen Stellen störte ich mich auch. Dass man die heiligen Schriften je nach eigener Stimmung interpretiert und diese Interpretation ein Spiegel der eigenen Seele wäre, zum Beispiel, scheint mir doch sehr vereinfacht: bist du ein guter Mensch, interpretierst du den Koran positiv; siehst du die schlechten Seiten im Koran, liegt es daran, dass du schlecht denkst.... Was sagt meine kritische aber interessierte Herangehensweise, der Tatsache geschuldet, dass ich mich als Agnostikerin definiere, über mein Seelenleben aus? Überhaupt fand ich, dass Agnostiker ziemlich unerwähnt bleiben in diesem Buch. Und Frauen darüber hinaus auch weitestgehend (bis auf eine indonesische Sängerin), was ich in einem Buch eines modernen Islamgelehrten doch bedenklich finde... Ein bisschen Gendering hätte einem in 2022 erschienenen Buch sicher nicht geschadet.
Ganz sympathisch fand ich die indiskret eingestreuten Selbstwiderlegungen. So wird der Islam einerseits mit der Autobahn als Weg zu Gott verglichen, der aber andererseits auch dringend den Strassendienst bräuchte. Am Ende gebe ich Navid Kermani vor allem in einem Recht: “Was mich beunruhigt, ist das religiöse Unwissen, das sich ausbreitet. Denn so wie der Glaube nur in Freiheit entstehen kann, setzt ihrerseits die Freiheit das Wissen voraus.” In diesem Sinne war dieses Buch eine Bereicherung, wenn ich ihm vielleicht auch zu kritisch gegenüberstehe. Und obwohl ich nach alledem vor allem die titelgebende Geschichte als die Beste und Aussagekräftigste des ganzen Buches in Erinnerung behalten werde.
Nicht ganz fertig gelesen (bzw. gehört), irgendwann wurde es zu langweilig.
einsame Notizen:
Laut Kermani ist Religion Beziehung zur Unendlichkeit und zur Ungewissheit. Ein Muslim (Islam = sich hingeben, sich unterwerfen, Frieden schließen) ist jemand der sich aus Einsicht über seine eigene menschliche Beschränkheit dem Unendlichen unterwirft. Ein Muslim ist jemand der sich liebend und verzaubert dem Unendlichen hingibt und ein Muslim ist jemand der Frieden damit schließt, dass er von der Unendlichkeit umgeben ist und der nicht dauernd gegen das Unerklärliche aufbegehrt.
Religion setzt genau dann ein, wenn wir uns über die elementaren Erfahrung die jeder Mensch macht wundern uns über die Gedanken machen und Fragen stellen. Die Antworten auf diese Fragen bilden dann Religionen.
"Was mich beunruhigt, ist das religiöse Unwissen, das sich ausbreitet. Denn so wie der Glaube nur in Freiheit entstehen kann, setzt ihrerseits die Freiheit das Wissen voraus."
Für mich steckt im Ruf vom Muezzin all das Faszinierende am Islam, was auch Kermani in diesem Buch beschreibt. Deshalb: https://youtu.be/4e0JgJX5z54?si=S_Hva...-
Kermani versucht sich an der Frage nach Gott. Er hat seinem Vater am Sterbebett versprochen seiner Tochter den Islam näher zu bringen. Die einzelnen kleinen "Ausflüge" begleitet er mit diversen Suren aus dem Koran und schneidet auch immer wieder die Inhalte anderer Religionen an. Er schrieb das Buch mit und für seine Tochter, die klug die einzelnen Kapitel hinterfragt und dadurch neue Kapitel entstehen lässt. Interessant uns spannend. Lesepempfehlung.
Also hat bissl länger gedauert aber endlich fertig😂. War sehr interessant und tatsächlich kam mir sehr vieles sehr bekannt vor (props and Herr Beile), fands schade dass der Islam irgendwie nicht so im Zentrum stand. Es ist eher ein Philosophie Buch. Vielen Dank Nils fürs Ausleihen :)
This book was commissioned in an unusual way. The author’s father, an Iranian physician who had immigrated to Germany years earlier, was on his deathbed. He extracted a promise from his German-born son to teach Islam to his young daughter, the dying man’s granddaughter. Kermani was already the author of several books on Islam and Christian-Muslim dialogue, but this was different. How to catch and hold the attention of one’s own child, on the cusp of puberty? The result is a slightly-fictionalized record of their conversations, although the child’s questions and responses only appear indirectly. The Islam Kermani depicts is multi-faceted. He draws not only on the Quran but on Sufi mysticism, particularly the poet Rūmī and the mystic scholar Ibn Arabī. The result is a tolerant and merciful way of life based on a sense of wonder. This is reinforced by frequent reference to the insights of quantum mechanics. Kermani acknowledges the other face of Islam, the violent, authoritarian, intolerant side, but maintains that this reflects neither the Quran nor the best of the long tradition of interpretation. He also draws frequent comparisons with Christianity and Judaism, always respectful and open-minded. As a result, I not only came away with a view of Islam quite different from the form that captures news headlines but also insights into Christianity from the perspective of a sympathetic outsider. Nevertheless, the form of the book, which was wide-ranging, like an actual discussion, made it difficult at times to pay attention or retain what I’d read. At other times, a thought would strike me so forcefully that I had to stop and savor it for a while. One example is when he likens the universe to a long poem God sings to mankind. Thus, the long-term effect of this book will be to have served as a way of whetting my appetite to read and learn more from other sources, including more books by this author.
Ich bin wirklich kein Fan von Religionen. Das vorweg. Ich denke aber, dass alle das glauben sollten, was für sie das richtige ist und was ihnen hilft durch's Leben zu kommen. Wichtig ist für mich dabei, dass man nicht erwartet, dass alle es einem gleich tun müssen, sondern, dass man verschiedene Glaubensrichtungen und auch nicht Gläubige akzeptiert und respektiert. Gerade weil ich so überhaupt keine Berührung mehr zur Religion habe, freue ich mich, wenn ich neues lernen und andere Perspektiven verstehen kann. Daher hat mir dieses Buch sehr gefallen. Die Schreibweise ist wirklich schön und es macht Spaß zu lesen.
Gut um theologische Grundlagen aufzubessern, speziell über den Islam, ohne dabei ein rein wissenschaftliches Buch zu lesen. Da er es für seine jugendliche Tochter schreibt ist es gut verständlich zu lesen. Mich hat es etwas von der starken Abneigung gegenüber Religion abbringen können, welche heutzutage in unserer westlichen Welt herrscht. Ist aber kein Buch was man mal eben so auf entspannt liest, ich jedenfalls habe dann doch etwas gebraucht und auch mal etwas kämpfen müssen.
سأقرر النسخة الألمانية علي بناتي ليقرأوها متي تمكنوا من القراءة، تناول صوفي عاطفي وعقلي جميل وبسيط للدين علي يد مهاجر من الجيل الثاني لابنته يقدم رؤية جميلة للدين عموما والإسلام خصوصا، وقبل كل هذا عن "الله"
Ich mochte den dialogischen Stil und fand viele Gedanken ermutigend oder zumindest bemerkenswert. Ein bisschen mehr Struktur hätte freilich nicht geschadet.
Navid Kermani schafft es, sich in diesem Buch voller Respekt an alle Menschen, ob gläubig oder nicht, ob Muslime oder nicht, zu richten, während er von seinem eigenen Glauben erzählt. Er schreibt ehrlich und gleichzeitig liebevoll über das Leben selbst, über das, was uns alle als Menschen ausmacht und über das, was "Gott" für uns sein kann oder nicht.
This book beautifully shares the author’s reflections on conversations with his daughter about God. They grapple with big questions with grace and thoughtful consideration. I not only enjoyed reading this book, but also learned a lot from reading it.