„Ich bin“ zeichnet die Lebensreise der Hamburger Designerin Bisrat Negassi nach. Anfang der siebziger Jahre in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, geboren, erlebte Bisrat bereits als Kind die grausame Realität des Krieges, den 30 Jahre andauernden Widerstandskampf gegen das äthiopische Militärregime. Als Bisrats Vater sich auf einer Todesliste wiederfand, verließ die Familie umgehend das Land. Die Flucht dauerte über zwei Jahre und führte sie über den Norden Eritreas und den Sudan nach Deutschland. Dort kam die Familie zwar an – doch Bisrat war entwurzelt. Und fragte sich, was bedeutet das überhaupt: ankommen? Wie fühlt es sich an, zu Hause zu sein? Statt Zugehörigkeit zu erfahren, sah sich Bisrat mit etwas konfrontiert, das sie vorher nicht kannte: Rassismus. Und wurde wütend. Doch sie beschloss, dass Wut nicht der richtige Ratgeber ist, stattdessen ließ sie daraus eine kreative Power entstehen und vertraute ganz auf ihren Mut. Bisrat studierte in Deutschland und erfüllte sich nach einigen Umwegen ihren Kindheitstraum: Sie wurde Modedesignerin. Schon immer hatte es sie fasziniert, einzelne Fäden miteinander zu verweben und etwas Neues daraus entstehen zu lassen. Nach einer Initiation beim Designer Xuly Bet rief sie in Paris ihr eigenes Modelabel NEGASSI ins Leben. 2016 co-gründete sie mit Freunden:innen in Hamburg den Artspace M.Bassy, um kreativen Stimmen aus Afrika und der Diaspora Raum zu bieten und Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen und Kulturen zu zelebrieren. Heute ist Bisrat Modedesignerin, Künstlerin, glückliche Ehefrau und Mutter. „Ich bin“ erzählt ihre inspirierende Lebensgeschichte: Wie sie lange suchte, im Angesicht zahlreicher Widerstände über sich hinauswuchs und zu ihrer vollen Stärke, Kraft und kreativen Energie fand.
Dieses Buch hat mich sehr gefesselt und ich musste mich bemühen, es mir einzuteilen, um nicht zu schnell durch zu sein.
Ich habe sehr viel von der Autorin gelernt, denn über den jahrelangen Eritreischen Unabhängigkeitskrieg von Äthiopien war mir (Shame on me!) gar nichts bekannt. Ebenso haben mich die 2-jährige-Fluchtgeschichte und die, schließlich in Deutschland angekommenen, allgegenwärtigen Rassismen sehr berührt.
Über diese Ereignisse hinaus hat es Bisrat Negassi geschafft, mich in die Spuren ihres Lebens, die wegweisenden Entscheidungen und ihre Gefühle auf eine ganz besondere und tiefe Weise mitzunehmen.
Die Sprache ist so schön so weiß Negassi darum, sehr bildlich und mit all ihren Sinnen zu erzählen. Eine großartige biografische, erkenntnisreiche, nachdenkliche sowie absolut inspirierende Lektüre, die ich jeder und jedem ans Herz legen möchte!
Die Geschichte von Bisrat Negassi geht ziemlich unter die Haut. Wir lernen sie als kleines Mädchen kennen und erfahren, wie sie aus ihrer Heimat Eritrea fliehen musste.
Zunächst bleibt sie mit ihrer Familie innerhalb Afrikas und sie findet Freund*innen und Kontakt zu vielen anderen Geflüchteten. Ihr Vater hat sich von der Familie getrennt, um woanders eine sichere Heimat zu findet. Eines Tages holt er sie alle nach Deutschland.
Und in Deutschland wird Bisrat zum ersten Mal mit Rassismus konfrontiert.
Eine Klassenkameradin lädt sie zu sich ein. Doch statt das Bisrat herzlich die Gastfreundschaft der Deutschen kennenlernt, wird sie Opfer widerlicher „zur-Schau-Stellung“. Ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll. Denn Bisrat sitzt da und wird von allen angefasst, begutachtet und „ausgestellt“. Und während diese Familie zu Mittag isst, bleibt das irritierte Mädchen einfach im Flur sitzen. Ohne Essen oder Trinken. Danach wird sie wieder weggeschickt. Was dieses Verhalten soll, hab ich nicht verstanden. Also das Verhalten der deutschen Familie.
Und während sie das einzige schwarze Kind in der Schule ist, landet ausgerechnet der einzige Skinhead in ihre Klasse. Plötzlich aber hat dieser Junge weitere, die sich so anziehen wie er, auf seiner Seite.
Das Buch hat mich zutiefst bewegt und auch geschockt. Es waren vielleicht andere Zeiten so in den 1980ern. Aber das gibt den Menschen noch lange nicht das Recht, so mit einem Kind umzugehen.
Doch Bisrat Negassi zeigt Mut und als sie sieht, wie ein Mädchen von anderen quasi gejagt und verspottet wird, baut sie sich förmlich vor ihnen auf und beschützt das Mädchen vor den anderen.
Da ich mich selbst wenig mit Mode beschäftige, kannte ich Bisrat Negassi vorher nicht. Ich bin aber froh, ihre Geschichte gelesen zu haben.
Ein Weckruf in so vieler Dingen.
Wir begleiten sie weiterhin nach Paris und anderen Orten und erfahren, wie ihr Leben mittlerweile aussieht.
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Allerdings hatte ich auch Schwierigkeiten mit dem Schreibstil zu Beginn. Es hat lange gedauert, bis ich ins Buch gefunden habe und danach konnte ich teilweise nur wenige Seiten oder ein Kapitel pro Tag lesen.