Johannes Braun hat in seinem Podcast (Erweckt leben) eine sehr angenehme und seelsorgerliche Stimme, die man auch hier im Buch heraushört. Er zeigt viel Verständnis für Menschen und ihre Probleme in Bezug auf Berufung und Lebensgestaltung und verknüpft seine persönlichen Beobachtungen mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und ausgewogenen Einschätzungen aus der Bibel und der Welt des Coachings und der Persönlichkeitsforschung. Seine Ausführungen zur Berufung sind gerade in den ersten Kapiteln hilfreich.
Er hat eine ganzheitliche Sicht auf die Berufungsfrage, indem er zwischen persönlicher Bestimmung (z.B. der eigene Charakter), Gottes Wille (z.B. Nächstenliebe) und Talente/ Dienst (konkrete Aufgaben) unterscheidet. Was mir auch gefiel ist seine Erklärung zur Spannung von Tun vs. Sein - hier geht er nicht den einfachen Weg der modernen Christenheit, ausschließlich für das "Sein" zu plädieren und "Tun" nur als Leistungsdruck und Werksgerechtigkeit abzutun. Auch seine Kritik an dem US-geprägten Trend, eine persönliche Vision haben und erfüllen zu müssen, ist wichtig und plausibel. Jedes Kapitel wird mit hilfreichen Reflexionsfragen abgeschlossen, die einem auf den Berufungsweg gute Schritte aufzeigen können.
Zwei kritischere Anmerkungen habe ich jedoch:
1.) Roter Faden wird etwas loser: Ab etwa der Mitte des Buches holt Johannes in seinem Bestreben, Berufung umfassend und ganzheitlich zu behandeln, ganz weit aus und behandelt Themen, die eher nur indirekt mit Berufung zu tun haben. So breitet er z.B. verschiedene Angsttypen ausführlich aus, erklärt die 6 "Lebensphasen" eines Christen, beschreibt Krisenmomente im Leben empfiehlt Kraftquellen etc. Man kann zwar mit etwas Überlegung schon Verknüpfungen zum Thema Berufung in diesen Ausführungen sehen, mir persönlich erscheint es jedoch eher so, als ob Johannes in seinem ersten Buchprojekt möglichst viel von seiner gesammelten Erfahrung und seinem Wissen unterbringen wollte. Insgesamt fiel es mir schwer, am Ende den roten Faden zu sehen und glaube, etwas weniger wäre mehr gewesen.
2.) Zu subjektiv: Johannes ist Coach und das merkt man auch. Seine berufliche Tätigkeit befähigt ihn, wertvolle Systematiken zu teilen und anregende Fragen zu stellen. Gleichzeitig, und das hat vielleicht eher mit mir als dem Buch zu tun, durchzieht sich in dem Buch eine Coaching-Sprache, die mir manchmal "too much" war und die auch aus meiner Sicht etwas den Blick für Menschen außerhalb der Coaching-Welt verliert. Ein gutes Beispiel ist S. 206, wo er Kernbegabungen zitiert und lauter positive Buzz-words verwendet: "Brückenbauer sein", "Wege erforschen", "Räume öffnen", "Wärme erzeugen", "Hindernisse überwinden". Alles gute Dinge, aber man hat den Eindruck, dass die meisten guten Berufungsmöglichkeiten eigentlich damit zusammenhängen, selbst ein Coach zu werden und Menschen zu "befähigen" - ein weiteres gern-genutztes Wort. Dem Buch mangelt es an praktischen Beispielen von Krankenschwestern, Maurern, Juristen, Lehrern, Arbeitslosen, Rentnern, Teenagern, usw. Der Leser kann nach dem Lesen des Buches zwar gut Johannes' Reise als Schüler, Lehramsstudent, christlicher Vollzeitreferent und nun Berater nachvollziehen und bekommt auch ein paar gute Anregungen und Fragen für seine eigene Berufungsreise, aber es gibt nur relativ wenige praktische und konkrete Einblicke in die Berufungsreise anderer Menschen, v.a. denen aus säkularen Berufen.
Trotz dieser kleinen Punkten ist das Buch wirklich hilfreich und lesenswert, gerade für Menschen, die ihren Lebensweg und ihre Ausrichtung / Berufung bedenken und erspüren möchten, was Gott gerade mit ihnen vorhat. Besonders die ersten vier Kapitel waren wirklich hilfreich für mich und auch aus den anderen kann man Gewinn ziehen :)