Im Norden der Stadt hängen die Hoffnungen so tief wie der Novemberhimmel. Wer hier liebt, rechnet nicht mit einem Happy End. Schon gar nicht Nene, Anfang Zwanzig und Bademeisterin, die für das Unglück eine ganz eigene Maßeinheit hat. Ihre Überlebensstrategie: Bahnen ziehen, versuchen zu vergessen, pragmatisch sein. Dann lernt sie im Schwimmbad Boris kennen, der Puma-Augen hat und ihr nicht sofort an die Wäsche will. Boris, der an Kinderlähmung erkrankt war, für den es keine Jobs gibt, nur Schimpfwörter oder Mitleid. Der Schmerzen hat und die Welt mit Verachtung behandelt. Ihr erstes Date wird prompt zum Debakel, aber Nene zeckt sich in Boris’ Herz, und er sich in ihres. Er kapituliert vor ihrer Direktheit und ihrem Lebenswillen, sie vor seinem Entschluss, sein Mädchen glücklich zu machen.
Annika Büsing ist als Arbeiterkind im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, mit einer ausgeprägten Vorliebe für Punkrock und Bücher. Nach dem Abitur schloss sie zunächst eine Ausbildung in einem Verlag ab, entschied sich dann aber, Germanistik und Theologie auf Lehramt zu studieren. Nach dem Studium zog es sie Richtung Norden, zunächst nach Island zum Jobben und Schreiben, dann nach Hamburg zum Referendariat. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen wieder in Bochum, wo sie an einem Gymnasium unterrichtet. Die Liebe zu Punkrock und Büchern ist geblieben. "Nordstadt" ist ihr erster Roman.
Ich mag keine Liebesgeschichten. Dieses ewig gleiche alles ist toll Gestelze, bei dem man von Anfang an weiß, dass sie sich bekommen.
Und genauso ist dieses Buch NICHT. Ja , dieses Buch ist eine Liebesgeschichte aber weit weg von rosa Plüschpopo und viel mehr "so isses" als "wünsch dir was". Dieser Roman ist echt und unmittelbar. Er tut weh und ist unglaublich schön in all seiner Verletzlichkeit, Echtheit und mit dem Mut das Unperfekte in den Fokus zu stellen.
Mit diesem Mut die Menschen einfach sein zu lassen und der Entschlossenheit das Leben und die Liebe zu beschreiben, wie sie sind, hat sich Annika Büsing direkt in mein Herz geschrieben. Dieses Buch sollte in den Oberstufen gelesen werden, sollte ganz groß rauskommen und darf in keinem Bücherregal fehlen. Denn wer Nene und Boris kennenlernt, der findet ein Stück Leben und Echtheit, das seinesgleichen sucht.
Last but not least ist dieses Buch ein Hoffnungsbuch. Ein Buch für alle, die Traumata erlebt haben, die keine schöne Kindheit hatten und die trotzdem versuchen es besser zu machen als ihre Eltern.
„ Weil du mich vollkommen abgeschrieben hast.“ „ Ich hab dich nicht abgeschrieben. Ich hab mich abgeschrieben.“
Und ganz sicher ist es das, was mir beim Lesen am meisten weh tat. Junge Leute, die sich begegnen, nicht aus ihrer Haut können und doch alles versuchen, um zu lieben und zu leben. Das Buch konnte mich so extrem überzeugen, weil es komplett ohne Kitsch auskommt. Es ist auf diesen wenigen Seiten ehrlich, schonungslos, warmherzig und herzzerreißend. Und es gibt viel, was man zwischen den Zeilen lesen kann und gerade bei diesen Thematiken ist es wichtig, genauer hinzuschauen💚.
Dieses kleine Büchlein hat es in sich. Ich bin etwas traurig, dass ich jetzt nicht erfahre, wie es mit Boris und Nene weiter geht. Zwei Menschen denen das Leben ganz schön schwere Steine schon ganz früh in den Weg gelegt hat oder eigentlich auf sie drauf. So würde das Nene wohl ausdrücken. Empfehle ich gerne weiter und ich merke mir gleich mal ihr zweites Werk im Hinterkopf. Annika Büsing kann erzählen, manchem kann es kalt vor kommen, ich empfand es als ehrlich und schnörkellos. So ist das Leben für manche eben einfach. Da reicht das Geld vom Geldamt nicht, aber die Vorurteile anderer reichen ewig weit. Da schlägt einen der Vater grün und blau und säuft sich um den Verstand, man wird vergewaltigt und geht ängstlich durchs Leben (Nene), da wird man ein Krüppel, weil die Mutter gegen Impfungen ist und man an Polio erkrankt, man wird verspottet und zum Außenseiter (Boris)
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So klar, kein Schnörkel, mitten ins Herz, mitten in den Verstand. Die Autorin schafft es, dass Sätze die gesagt werden müssen, gesagt werden, ohne episches ausholen oder umschreiben. Das Buch holt Dich auf den Boden der Tatsachen, auf den Boden unserer gesellschaftlichen Diversität. Die Schlagwörter zum Buch wären: Armut, Gewalt, Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit, Lebensmut. Ich lebe in der Nordstadt und ja, ich glaube hier leben ein paar Nenes und Borise. Fazit für mich: nur mit dem Herzen sieht man gut.
It's a love story and I usually have problems with them because they often make me feel embarrassed. Now this book tells an unusual love story, the desperate attempt of two underdogs to get a foothold in life, who fail and succeed and fail again and so on. That in itself could be interesting, but the author seemed so concerned to avoid clichés that the whole thing - in my eyes - became a bloated cliché.
In addition, I constantly had the feeling that I could see the wagging finger of the religion and German teacher in the background out of the corner of my eye - despite the partly coarse language that strives for authenticity. I found it particularly embarrassing when the first-person narrator covertly praised her own religion and German lessons.
Overall, it was all too easy and too self-righteous for me. Two stars for the promising approach, though.
Hach. Lest es alle! Ist ein Underdog, hat aber mehr verdient. Wirklich ein besonderes Buch, das mir sehr nah gegangen ist. Diese direkte, atemlose Erzählweise der Protagonistin hat mich echt gefesselt. Und dann ist es auch noch haptisch so schön...uff, ich muss mich vor Begeisterung erstmal wieder einfügen und sammeln.
Annika Büsing zeigt realistische Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Und trotzdem nicht ohne Hoffnung. Ziemlich unromantisch und genau dadurch zu Herzen gehend.
Die behandelten Themen und die Protaganostin Nene mit ihrer frechen Schnautze und ehrlichen Art haben mir prinzipiell sehr gut gefallen. Ich habe lange nicht mehr eine so ehrliche Geschichte über das Leben und die Liebe gelesen.
Was mir aber leider nicht so gut gefallen hat, war die Textstruktur. Zwichendurch habe ich immer den Faden verloren, weil die Erzählerin mal Dinge vorgereift, dann wieder in die Vergangenheit springt und bestimte Momente wiederholt erzählt wurden. Der sinn dieser Erzählweise haben sich mir nicht ganz erschlossen, weil es auch gar nicht zu der Protagonistin passt, die sehr direkt ist und ziemlich genau weiß, was sie will. Daher passte dieser springhafte, unsicherer Erzählstil überhaupt nicht zum Inhalt. Außerdem gab es einige sprachliche Bilder und Motive, die sich oft wiederholt haben. Und das fällt auf gerade mal 120 Seiten dann doch schnell auf.
Nichtsdestotrotz ein tolles Debüt! Hier hat jemand etwas zu sagen und schafft ehrliche authentische Momente und Situationen dafür. Mal abwarten, was von der Autorin noch so kommt.
Obacht, hier gibts Kitsch in die Fresse! „Nordstadt“ ist eine Liebesgeschichte. Halt, bleib dran! Eine Liebesgeschichte von Ausgestoßenen des Lebens, von Nene und Boris, die vom Leben mit reichlich Wunden und Narben ausgestattet wurden. Die beiden sind hart zu sich selbst und hart zur Welt, weil ihre Biografie sie eben hart gemacht hat, und dennoch finden sie beim anderen eine weiche Stelle, in die noch etwas Liebe passt. Das macht diese Lovestory so herrlich unkonventionell, so authentisch realistisch. Annika Büsings Sprache verkörpert genau diese Ambivalenz perfekt: sie ist derb, direkt, unter die Gürtellinie und dennoch poetisch, teilweise fast kitschig. Ein schöner schmaler Roman über die Liebe, wie sie nun mal ist: ambivalent!
das Buch ist so schonungslos ehrlich und ohne Kitsch krass berührend und dabei sprachlich auch noch so spannend geschrieben dass ich es innerhalb eines Tages gelesen habe, das ging nicht anders und musste so. Die Geschichte samt Hintergrundgeschichten der beiden Protagonisten fühlen sich sehr real und sehr schmerzhaft an, aber nie konstruiert. Trotzdem ist das Buch auf seine eigene Art poetisch. Mir gefällt, dass die Szenen durcheinander ineinander greifen ohne zu verwirren. Annika Büsing muss bitte mehr Bücher schreiben, ich plädiere dafür!
Ich habe ein komplett anderes Buch erwartet, bin aber positiv überrascht. Ein sympathisches, humorvolles und doch tiefgreifendes und emotionales Buch, das die Absurdität des Lebens widerspiegelt.
„Es geht mir auf den Wecker, wenn Leute solche Sachen sagen wie: »So ist das Leben« oder »C'est la vie« oder »Wo es bergab geht, geht es auch wieder bergauf.« Diese Redensarten erwecken den Eindruck, wir hätten keinen Einfluss darauf, wie unser Leben läuft. Oder auch: als müssten wir es einfach ertra-gen. Nur verhöhnt man damit die, die einfach am Arsch sind, zum Beispiel, weil sie in bittere Armut hineingeboren werden, in Krieg, in Familien, in denen sie erniedrigt und verletzt wer-den. Man kann nicht sagen: »So ist das Leben« und damit dem Unrecht eine Absolution erteilen. Und übrigens: bergab ist viel geiler als bergauf. Schon mal drüber nachgedacht?“
Aufrichtig, nahbar und menschlich - das sind die drei Worte mit denen ich den Roman, seinen Inhalt als auch den Schreibstil, zusammenfassend beschreiben würde.
Das ist nicht der Roman über Klasse, den wir brauchten. Er ist der Beweis dafür, dass ein wirklich schöner Schreibstil allein keine Geschichte macht. Als real life Nene aka ehemaliges Nordstadt-Kind mit Jugendamt Beraterin, fühle ich mich berechtigt zu sagen, dass dieser Roman alles andere tut, als das, was er gerne können würde. Statt Sichtbarmachung übersehener Lebensrealitäten, leistet Büsings Geschichte einen weiteren Beitrag zur wirklichkeitsverzerrenden Stigmatisierung von (Kinder-)Armut in Deutschland.
Mir fällt es schwer, Nordstadt-hate zu verkraften. Und damit meine ich keineswegs dieses Buch (any criticism welcome), sondern den titelgebenden Stadtteil, auf dem es basiert. Denn Beschreibungen wie ���wer hier lebt, rechnet nicht mit einem happy end“, werden dem Dortmunder Norden und seinen vielen kleinen Nenes einfach nicht gerecht. Klar, sind die Armutsraten hier höher. Ja, auch die Kriminalitätsraten ähneln nicht denen des Südens. Und trotzdem ist das Bild, das in dem Roman gemalt wird ein inakkurates. Ein Großwerden in der Nordstadt ist nämlich vielseitig. In Büsings Roman lesen wir über Kinderschl*ger, V*rgewaltigungen und emotionale Gewalt. Was fehlt, sind die bunten, schönen und erfolgreichen Realitäten, die zu dieser Welt dazugehören. Zwar trifft Büsings Entscheidung, Nene völlig reuelos über ihre Familienentscheidungen zu gestalten, die unheimlich wichtige Aussage, dass Gewalt niemals gerechtfertigt oder entschuldigt werden kann. Womit sich Opfer dieser Gewalt jedoch tatsächlich konfrontiert sehen, sind meist Schuldgefühle, innere Kämpfe und Komplexität. Genau diese Coexistenz von Liebe und Gewalt macht es für Betroffene so schwierig, den Gewaltkreislauf zu unterbrechen und ist für Außenstehende oftmals missverständlich. So oft musste auch ich mich erklären und nicht-Betroffenen ausmalen, dass ein Kontaktabbruch keine einfache Entscheidung ist und dahinter mehr steckt als ein einfaches Weglaufen mit der Volljährigkeit. Und damit bin ich nicht allein. Mir ist Büsings Geschichte zu einseitig. Sie schafft es nicht, Nene als normalen Charakter mit untypischer Familiengeschichte zu zeichnen, sondern rutscht durch ständige Wiederholung von Klischees ebenfalls in die „Mitleidsschiene“, die einfach nicht der Realität entspricht.
Selbstverständlich sorgt nicht nur der Titel der Geschichte für Redebedarf: viele Kommentare hier haben ein Problem mit dem fragmentierten Schreibstil, das stört mich nicht. Auch die mediocre Liebesgeschichte langweilt mich weniger als erwartet. Was mich jedoch wirklich kein Auge zudrücken lässt, ist Büsings Versuch, die Protagonistin Nene sich ungehoben ausdrücken zu lassen. Abgesehen davon, dass gehobene Sprache für die meisten Kinder aus Armutsverhältnissen Gang und Gebe ist (weil ihnen durch ihre Klasse von der Gesellschaft nur halb so viel verziehen wird), wirkt Nene vor allem in der ersten Hälfte des Buches dadurch nicht authentisch und liebenswert, sondern völlig kindlich. Mich wundert es kaum, dass einige Leser*innen schreiben, dass sie immer wieder vergessen, dass die Protagonistin 25 ist und nicht 15 ist. Schließlich werden ihre, in der Ich-Perspektive erzählten, Gedankengänge am Anfang des Romans auf die nötigsten Informationen und die simpelste Sprache reduziert, was Nene stellenweise zu einer flach-geschliffenen Figur macht.
An den Roman bin ich nicht mit meinen klassischen Erwartungen an eine Leseerfahrung gegangen. Ich habe die Lektüre gewählt, weil sie teilweise mit meiner eigenen Lebensgeschichte resoniert und vor allem in dem Stadtteil spielt, den ich so lieben gelernt habe. Entsprechend konzentriert sich meine Kritik auch auf genau diese Aspekte. Trotzdem würde ich den Roman allen empfehlen, die sich (statt Nostalgie und Repräsentation) nach einer schnellen, unterhaltsamen, sympathischen Geschichte sehnen.
„Es tat weh, wenn mein Vater gesagt hat, ich sei ein dummes Stück Scheiße. Aber noch mehr tat es weh, wenn er mich geboxt hat. Boxen tut richtig weh.“
Das Schwimmbad ist Nenes Ausweg aus einer schwierigen Kindheit. Und dann ist da Boris, dessen Leben auch verkorkst ist. Sprachlosigkeit wechselt sich mit pointierten Beobachtungen ab.
"Nordstadt" von Annika Büsing erzählt eine spezielle Liebesgeschichte zwischen der Bademeisterin Nene und dem an Kinderlähmung erkrankten Boris. Zwei Außenseiter, die sich finden und gemeinsam versuchen, ihren Weg zu gehen. Diese Ausgangslage hat definitiv Potenzial für eine berührende und tiefgründige Erzählung. Doch leider konnte mich das Buch nicht überzeugen, und ich habe es nach den ersten 24 Seiten abgebrochen. Ein wesentlicher Punkt, der mir nicht gefallen hat, war der Schreibstil und der Textaufbau. Die Erzählerin greift ständig vor, springt in die Vergangenheit oder wiederholt sich - und das bereits auf den ersten Seiten. Diese Erzählweise machte es mir schwer, einen flüssigen Lesefluss zu finden und in die Geschichte einzutauchen. Hinzu kommt, dass das Buch mit seinen 123 Seiten nur aus drei Kapiteln besteht, was die Unstrukturiertheit noch verstärkt. Obwohl es Absätze gibt, hilft dies wenig, das Chaos für mich zu ordnen. Zudem hat mich die sehr umgangssprachliche und schnoddrige Art des Erzählens nicht angesprochen. Normalerweise kann eine authentische, lockere Sprache eine Geschichte bereichern, doch in diesem Fall hat sie für mich nicht funktioniert. Die ersten Seiten schafften es nicht, mein Interesse zu wecken oder mich an die Charaktere zu binden, sodass ich das Buch nicht weiterlesen wollte. Insgesamt bleibt "Nordstadt" für mich eine verpasste Chance. Die Grundidee einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern ist vielversprechend, aber die Umsetzung hat mich enttäuscht. Daher habe ich mich entschieden, das Buch vorzeitig abzubrechen. Schade, denn ich hatte mir durch so viele positive Rezensionen mehr erhofft. Das war einfach nicht meine Geschichte.
"Wut ist ein Allrounder. Man kann damit vieles kaputtmachen, auslöschen, wegbürsten, man kann sich regelrecht den Weg freisprengen." Nene lernt Boris kennen. Doch beide haben ihre Päckchen zu tragen, hat eine Beziehung eine Chance. Annika Büsing schreibt schnörkellos und sehr direkt. Ihr Schreibstil spiegelt die Gedanken der Protagonistin Nene wieder, unsortiert, ungefiltert. Man ist als Leser sehr nah dran an ihr und einiges, was sie erzählt, ist schwer auszuhalten, tut weh. Die Gedanken springen, manches wiederholt sich, manche Überlegungen kann man erst später zuordnen. Das Buch hat trotz seiner Kürze viel Tiefe und nimmt mich mit. Eine Story, die noch lange nachhallen wird.
"Was willst du mit der altmodischen Badekappe von einer toten Frau? Ich sage es dir: Ich werde sie mir hin und wieder auf den Kopf setzen und in der Badewanne ein Glas Champagner trinken und mich daran erinnern, dass das Leben zum Tod führt. Von mir aus können sie das auf Wasserflaschen, auf Toastpackungen und aufs Klopapier drucken. Denn vielleicht raffen wir es dann endlich mal."
Das Buch hat mich von Anfang an gefesselt und fasziniert. Tolles Buch - unbedingt lesen.
Sprachlich echt unangenehm zu lesen, ich bin ehrlich, ich steh nicht auf vulgärsprachliche Bücher. Die Story war okay, aber es fehlt, was vielleicht auch am geringen Umfang liegt, an Tiefgang. Für mich waren die/der Protagonist:in schablonenhaft und sehr unsympathisch. Schade.
Nene möchte gerne vergessen. Die Schläge ihres Vaters, die furchtbare Tat von Hannes auf dem Spielplatz. Und sie fährt ganz gut mit ihrer Strategie. Ihre Arbeit als Bademeisterin liebt sie, sie kennt alle Stammbadegäste mit Namen und mit ihren Kolleg:innen versteht sie sich gut. Als dann Boris ins Schwimmbad und damit in ihr Leben tritt, scheint sie sogar noch zufriedener zu werden - sie verlieben sich. Doch auch Boris trägt sein Päckchen mit sich herum und nimmt es außerdem nicht so genau mit der Wahrheit. Und Nene kann ihre Vergangenheit eben doch nicht so einfach vergessen. Das klingt nach einer durch und durch dramatischen Geschichte, ist aber eines der wunderbarsten schnoddrig-einfühlsamen Bücher, das ich je gelesen habe. Annika Büsing hat mit Nene eine Protagonistin geschaffen, die trotz ihrer Vergangenheit kein Opfer ist. Eine, die sich wehren kann. Mit Worten und zur Not auch mit der Faust. Die wütend ist und laut und trotzdem sensibel und verletzlich. So ähnlich ist auch die Liebesgeschichte zwischen ihr und Boris und genau deswegen so wahr und berührend. Ich mochte so ziemlich alles an diesem Buch: Die Figuren, die Story, die Sprache, den Stil. Zeitlich springen wir in Nenes Gedanken hin und her, manches wiederholt sich, alles ist intensiv und doch niemals Effekthascherei. Eine dringende Leseempfehlung mit Triggerwarnung (häusliche und sexuelle Gewalt ist Thema)!
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Nene. Sie lebt im Norden der Stadt, da wo die sozial Schwächeren zu Hause sind. Nene wurde in ihrer Kindheit mit Gewalt durch ihren Vater konfrontiert. Mehrere Male musste das Jugendamt eingreifen. Trotz aller Widrigkeiten hat sie es geschafft einen Beruf zu erlernen. Nene ist Bademeisterin. Schon als Kind hat ihr das Schwimmen viel bedeutet. Heute arbeitet sie in dem Hallenbad, in dem sie als Kind und Jugendliche immer schwimmen gewesen war. Dort lernt sie auch Boris kennen. Boris hatte als kleines Kind Kinderlähmung. Seine Beine sind verkrüppelt. Auch er hatte als Kind viel über sich ergehen lassen müssen. Wurde immer gehänselt und als Krüppel bezeichnet. Nene verliebt sich in Boris. Die beiden verbringen einen schönen Sommer. Doch Boris tischt Nene immer wieder Lügen auf, die sie nach einer Weile durchschaut.
„Nordstadt“ ist der Debütroman von Annika Büsing. Die Geschichte wird aus der Sicht von Nene erzählt. Die Autorin schreibt in einem leichten und lockeren Schreibstil und bringt ihren LeserInnen dadurch die eigentlich recht schwere Geschichte auf eine lockere Art näher. Beim lesen wird man mit Themen wie Gewalt, Mopping, Behinderung und dem Klassenunterschied konfrontiert. Die Geschichte erzählt aber auch von Liebe und Vertrauen, von Lügen und Verstehen.
„Nordstadt ist eine recht kurze Geschichte. Das Buch hat nur 123 Seiten dafür aber einen gewaltigen Inhalt. Ich habe das Buch in einem Rutsch verschlungen und freue mich jetzt schon auf den neuen Roman von Annika Büsing. Koller soll am 28.2.2023 erscheinen.
R E Z E N S I O N zu "Nordstadt" von Annika Büsing.
Aufgrund einiger Lobeshymnen zu dem Buch musste ich es natürlich auch lesen. Umso besser, dass es in der Onleihe verfügbar war.
Wir begleiten Nene, die im Norden der Stadt aufgewachsen ist. Im Norden der Stadt ist es düster, die Aussichten sind nicht gerade rosig. Nene möchte vergessen. Für Nene haben Liebesgeschichten kein Happy End. Nene ist Anfang 20, Bademeisterin. Auf Arbeit lernt sie Boris kennen, der ein Schwimmbrett bei ihr ausleihen möchte. Mit der Zeit entwickelt sich eine mehr oder weniger gute Liebesgeschichte.
"Tatsache ist: Familie sollte ein sicherer Ort sein. Alles, was du am Ende hast, sind Erinnerungen. Ich will es vergessen." - S. 36 (eBook)
Die Geschichte ist bedrückend, berauschend und springt in den Zeiten. Sie erzählt von alten Narben und dem Mut, diesen alten Narben neue hinzuzufügen. Büsing hat für mich einen Pageturner geschrieben, der mich leider nicht komplett überzeugen konnte. Eventuell liegt das an den hohen Erwartungen meinerseits. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mir beide Protagonisten nicht ganz zugesagt hatten und die Geschichte für mich manchmal etwas wirr und durcheinander war. Für mich persönlich ist es ein Buch für zwischendurch, und dafür absolut empfehlenswert. Es lässt sich schnell und locker lesen.
Buchdetails: erschienen im Februar 2022 im Steidl-Verlag | gelesen als eBook aus der Onleihe | Seitenanzahl: 128 (HC), 83 (eBook) | 20,00 € (HC), 8,99 € (eBook)
'Nordstadt' von Annika Büsing ist ein kurzer, rauer und ehrlicher Roman über die unkonventionelle Liebe zwischen Nene und Boris. Beide hatten und haben kein leichtes Leben und lernen sich nun auf recht schnörkellose Art und Weise an Nenes Arbeitsplatz, dem Schwimmbad denn sie ist Bademeisterin kennen. Nene ist mittlerweile Elternlos und ihre Kindheit wurde geprägt von der Gewalt des Alkoholkranken Vaters und Boris ist als zweijähriger an Kinderlähmung erkrankt und seitdem mit verkrüppelten Beinen gezeichnet. Dieser Roman lässt uns komplett ungeschönt am kennen- und liebenlernen der Beiden teilhaben. Gerade der ungeordnete Erzählstil von Nene und die oftmal brutal ehrlichen Aussagen Beider haben mich überrascht, kurz schockiert und mich dann ans Buch gefesselt. Dieser kurze Roman hat trotz seiner tragischen Themen eine wertvolle hoffnungsvolle Message und ich mochte ihn sehr gerne lesen.
Ich habe das Buch nur gelesen wegen meinem Dozenten und bin überrascht, dass es gar nicht so schlimm war, wie ich dachte. Im Gegenteil es hat mir gefallen. Sehr wichtige Themen werden aufgegriffen. Das Leben zwischen Arm und reich. Die Menschen, die in unterschiedliche Schichten unterteilt werden. Das Vorurteile handeln gegenüber dieser Menschen. Ein ganz wichtiges Thema: Kinder, die an ihrer eigenen Familie zerbrechen.
Nene ist mit Gewalt aufgewachsen. Ihr Vater hat sie und ihre Mutter geschlagen. Sie hat nach einem entkommen gesucht. Sich versteckt in ihrem Schrank, angst gehabt abends wieder die schmerzhaften Geräusche ihrer Mutter zu hören. Sie wollte nicht nachhause kommen, weil sie ihrem Vater aus dem Weg gehen wollte, der nebenbei süchtig war. Sie ist kaputt groß geworden und hat den Bezug zur Liebe nicht gespürt. Deshalb hat sie die Liebe bei anderen gesucht, wie Boris. Oder ihre Halbschwester. Doch am Ende wurde ihr trotzdem klar, dass sie immer alleine sein wir. Das nicht die Liebe gewinnt, sondern der tot. Kein Kind sollte so etwas durchmachen. Angst haben nachhause zu kommen, weil sie eventuell wieder geschlagen wird und lügen erzählen, um aus der Situation rauszukommen.
Ein schönes kurzes Buch, was die Schichten in unserer Gesellschaft erklärt.
Am besten komplett in einem Zug durchlesen. Und dann nochmal von vorn.
Toll kombinierte Erzählung, sehr genau hingeschaut und hingeschrieben. Eine dieser seit Eribon irgendwie populärer gewordenen Milieudarstellungen, die viel leiser ist als zB Das Ende von Eddy und dadurch nichts an Eindrücklichkeit verliert.