Das Schnabeltier ist ein Tier mit Schnabel, das Stachelschwein ein Schwein mit Stacheln und das Stinktier ein Tier, das stinkt. Das Faultier jedoch ist ein faules Tier - dabei hätte man es auch Hängetier, Zotteltier, Singtier oder gar Lächeltier nennen können. Alles an diesem Tier scheint ein Statement zu sein: Es verbringt die meiste Zeit seines Lebens hängend in Bäumen, ist mit seinem von grünlichen Algen bewohnten Fell im Blätterwald kaum auszumachen und führt alles Lebensnotwendige so langsam aus, dass es im Menschen immer wieder krasse Ablehnung provoziert hat. Faul sei es, behauptet sein Name in etlichen europäischen Sprachen, »hässlich«, urteilt Hegel, »mangelhaft« Buffon. Wie kaum ein anderes Tier der sogenannten Neuen Welt bringt es Kategorien durcheinander und scheint darüber – mit durchaus menschenähnlichem Antlitz – fortwährend zu lächeln. Erst die Gegenwart findet im Faultier das Sinnbild für ein entschleunigtes Leben und für Kapitalismuskritik. Tobias Keiling und Heidi Liedke folgen dem brisanten Einfluss des trägen Tiers auf die europäische Moralphilosophie, Natur- und Kulturgeschichte von den Anfängen bis heute, da es uns als Sinnbild eines entschleunigten Lebens zeigt: Es geht auch anders.
Wer ist hier faul? Und wer projiziert menschliche Eigenschaften auf die Tierwelt?
Mit dem Band über Faultiere aus der Naturkunden-Reihe wird mit Vorurteilen und falschen Annahmen aufgeräumt. Nicht nur erfährt man spannende Fakten zu den Tieren, die koloniale Weltsicht wird mit den Essays aufgebrochen und die Geschichte nach absurden Behauptungen und Abbildungen durchforstet.
Spannender Überblick darüber, wie sich das europäische, kulturelle Bild des Faultiers über die Jahrhunderte immer wieder gewandelt hat: vom Gesangskünstler über einen Scherz der Natur und verabscheuenswürdigen Faulpelz bis hin zum heutigen Vorbild für einen konsumarmen und achtsamen Lebensstil. Gerade die aktuelle Form der Kapitalismuskritik fand ich hochspannend. Genauso wie den Fakt, dass ein so weit von Europa entfernt lebendes Tier mit so viel Bedeutung aufgeladen werden kann und wie eurozentrisch die meisten dieser Bedeutungen sind, die Deutungen der Völker, die tatsächlich in der Nähe der Faultiere leben völlig außer Acht lassend.
Dieses kleine feine Buch legt all dieses Wissen klug und knapp dar. Zusammen mit der schönen Bebilderung ist es seine 20€ tatsächlich wert und ich überlege schon, welche der Naturkunden ich mir als nächstes gönne. Vielleicht Elefant? Oder Igel?