In einem Start-up-Büro verliert ein Werbetexter den Verstand. Unter der Stadt verstopfen Fettberge die Kanalisation, während sich in einer Sozialbausiedlung ein unerwünschter Mitbewohner in eine Kröte verwandelt. Der berühmteste Elvis-Imitator des World Wide Webs nimmt sein letztes YouTube-Video auf und jeden Monat gehen elternlose Jugendliche mit Fahrrädern und Kanthölzern auf Menschenjagd. Und immer wieder taucht eine bedrohliche, stetig wachsende Untergrundbewegung auf, die die Sozialen Medien mit einer einzigen Frage flutet: »Do you like scary movies?«
Die Geschichten in »Supermilch« erzählen von einer unruhigen, nervösen Zeit: von der Transformation der Arbeitswelt, von digitalem Alltag und der Zerstörung der Natur. Die Menschen sind überfordert von ihrer Lohnarbeit, die doch angeblich mehr sein soll als nur Arbeit. Sie sind ermüdet von der beständigen Suche nach der besten Version ihrer selbst und können doch nicht davon lassen. Sie haben Angst, aber können nicht sagen wovor. Einen normalen Tag herumzubringen, scheint in dieser Welt das Einfachste und Schwerste zugleich zu sein. Also stürzen sich ihre Bewohner in Privatobsessionen, suchen ihr Glück im Ausstieg, steigern sich in obskure Internet-Phänomene hinein oder wählen sinnlose Gewalt als letztes Mittel. »Supermilch« wirft einen Blick in die Zukunft – und die ist bedrohlich, flimmernd und weird.
Supermilch“ ist Superlative und alle Geschichten haben eines gemeinsam: . Scheinbar alltägliche Szenarien aus unserer schönen neuen Welt werden einer besonderen Metamorphose unterzogen, die sie mutieren lässt. Es entstehen Geschichten, die uns in Sicherheit wiegen und dann so richtig unter die Haut gehen, weil Wohlbekanntes doch plötzlich so absurd erscheint. Mal ist es eine Firma, die auf dem Fundament der Wissenschaft, Begegnungen, Dialoge mit Verstorbenen ermöglicht, mal eine Gruppe jugendlicher Krieger*innen, die im Morgengrauen zur Menschenjagd aufbricht. Die Stimmung brodelt und im Untergrund schließt sich eine Bewegung zusammen, die allen Protagonist*innen und uns Leser*innen die Frage stellt: „Do you like scary movies?“ . Schneller, weiter, immer höher. Philipp Böhm setzt in seinen Erzählungen „Supermilch“ unser Gegenwart den Spiegel vor und entwirft bedrückende, schaurige und kuriose Szenarien einer Zukunft, die sich durch Unruhe, Nervosität und Schnellebigkeit auszeichnet. Äußerst klug verbindet er dabei den Geist unserer Zeit, geprägt von Überlastung, dem Gefühl nie genug zu sein und zu leisten und dem offen/digitalen Lebensstil, den die meisten von uns mittlerweile führen. Ganz bewusst setzt er bei seinen Stories auf Übertreibungen, gibt ihnen Auswüchse, die gleichwohl Beklemmung als auch eine gewisse Skepsis auslösen im Hinblick auf das, was uns allen noch bevorsteht. Philipp Böhm spielt hervorragend mit aktuellen Ängsten, die uns alle immer irgendwie begleiten und hat seinen Finger genau am Puls der Zeit. . Einige Geschichten lasen sich insgesamt flüssiger, waren stimmiger als andere. Besonders toll: „Unser Flecken“, „Das MacDougall-Projekt“ und „Bei Pac-Man gewinnen“. . Eine kurios-atmosphärische Kurzgeschichtensammlung, die uns alle betrifft!
Phil Böhms Erzählband Supermilch ist eine sehr lesenswerte Sammlung von Kurzgeschichten, die allesamt recht bizarr und grotesk sind. Großartig erzählt finde ich die Geschichte „Unser Flecken“. Sie handelt von einer Vierer-WG, die beschließt, entschleunigt zu leben und deshalb ein Haus auf dem Land kauft. Der Anfang der Erzählung mutet wie eine Aussteigergeschichte an, doch dann plötzlich liegen schimmernde Kisten auf dem Feld vor dem Haus und Hilde träumt, es läge jemand in ihnen ... Die surrealen Momente der plötzlich auftauchenden Kisten haben mich sehr an Mills Blechhausgeschichte erinnert. Nach und nach entwickelt Phil Böhm hier ein subtiles Grauen, was unter der Oberfläche wabert. In keiner Zeile wird es explizit und doch entsteht solch eine Spannung, dass ich nur so durch die Seiten geflogen bin, um das Ende /das Schicksal des Protagonisten zu erfahren. Meiner Meinung nach die beste Geschichte im Band, die Böhms großes erzählerisches Talent zeigt und ihn als Meister des Ungesagten präsentiert.
Die Geschichte von Saubermann, der mit Friedrich, der Kröte in einem eigenartigen Ort, einem Wohnblock außerhalb der Stadt lebt, konnte ich nicht so richtig einordnen. Orte und Zeiten verwischen hier und ich wusste oft nicht auf welcher erzählerischen Ebene ich mich gerade befinde. Das Erzählte - die sprechende Kröte, Saubermann, der immer wieder an der gleichen Stelle mit dem Hackfleisch in der Hand in die Wohnung tritt, der Wohnblock mit den Lasershows bei Nacht - erschien mir grotesk. Und wunderlich.
Erwähnen möchte ich als letztes noch die Geschichte Sterben mit den Philistern, in der eine Horde elternloser Jugendlicher und ihr Anführer an jedem ersten Mittwoch im Monat auf Fahrrädern und mit Kanthölzern jagt auf Diplomaten macht ... ein bißchen dystopisch und gruselig, aber auf eine gute Art, die wachrüttelt.
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