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Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist

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Für Karsten Leiser ist es nicht Sommer, wenn es nicht nach Kamille riecht, sind Pappeln keine Pappeln, wenn sie nicht an einem Kanal stehen, sind Straßen keine richtigen Straßen, wenn es keine Chausseen sind. In einer schlaflosen Nacht erzählt er seiner Freundin Vera, warum das so ist: Seine Landschaft ist immer die Landschaft seiner Kindheit geblieben, die er eines Morgens für immer verlassen musste. »Sieh dir alles genau an, weil du es nicht wiedersiehst«, sagt die Mutter am Vorabend ihrer Flucht aus der DDR zu dem Jungen. Und Karsten prägt sich alles ein und kehrt nun jedes Mal, wenn sich der besagte Tag jährt, zu seinen Erinnerungen zurück. Ganz gleich, wie weit er als Reisejournalist reist, in wie vielen Hotels er übernachtet, um die entscheidende erste Nacht im Hotel ungeschehen zu machen, die Vergangenheit holt ihn immer wieder ein, wie jener lederne Koffer von damals, den er einfach nicht loswird. In dem schlanken, überaus kunstvollen Roman »Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist« legt Gert Loschütz, der große Vergangenheitsergründer der deutschen Gegenwartsliteratur, unerschrocken die Wut und Verzweiflung eines Mannes frei, dem jeder Mittelpunkt genommen wurde.

208 pages, Hardcover

Published February 1, 2022

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Gert Loschütz

18 books3 followers

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Displaying 1 - 5 of 5 reviews
Profile Image for Kingofmusic.
275 reviews55 followers
February 11, 2022
Lebenstrauma Flucht

„Nur der Flüchtende kann den Schwindel der Freiheit aufspüren.“ (Reiner Klüting)

Ehrlicherweise habe ich bei dem Titel „Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist“ von Gert Loschütz (Erstveröffentlichung: 1990, damals unter dem Titel „Flucht“, jetzt Neuauflage im Verlag Schöffling & Co.) zunächst an eine Art literarisches „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gedacht. Nun – damit würde ich (nach der Lektüre) aber niemandem einen Gefallen tun, darum sei mir mein kleiner Gedanken-Faux Pas schnell verziehen und vergessen *g*.

Gert Loschütz lässt den Ich-Erzähler Karsten die Geschichte (s)einer Flucht – zunächst von einen Tag auf den anderen aus der DDR – und dann von seiner (lebenslangen) Flucht vor den Jahrestagen ebenjener erzählen.

„Sie brachten uns in ein Hotel. Ich habe dir erzählt, daß es das erste Hotel war, in dem ich übernachtet habe, und daß vielleicht alle anderen, die unzähligen, die ihm später gefolgt sind, nur dem einen Zweck gedient haben, dieses erste ungeschehen zu machen, wie auch die Reisen, ja, mein Beruf diesem einen Zweck gedient haben mochten, die erste Reise über die Grenze durch unendliche Wiederholung auszulöschen.“ (S. 66)

Dabei geht der Autor nicht unbedingt stringent vor; zunächst sind es Schlaglichter von Dingen, die Karsten (von Beruf Reisereporter) an diesem Tag erlebt, gelesen etc. hat. Erst später wird daraus eine erkennbare Struktur von Rückblicken, Anekdoten (manche der Geschichte zuträglich und weiter ausgebaut, manche „sich im Sande verlaufend“) und Selbstreflektion – wenn auch (für Außenstehende) eher unkritisch, was ihm (zum Ende hin) auch von seiner (Ex-)Freundin zum Vorwurf gemacht wird

„Dieses Rückwärtsgucken, dieses Nichtdrüberwegkommenwollen […]. Neigte dazu, sich abzukapseln, fremd zu tun, der Nebendirmensch. Was ich sagte, drehte er rückwärts. Wußte: so verlier ich ihn, wie vor mir andere, an eine Chimäre, der er den Namen seiner Geburtsstadt gegeben hat, an eine Verbitterung, die grundlos ist, an den Maulwurf, den er Erinnerung nennt. (S. 192/ 193).

Nun, grundlos ist für den Erzähler die Verbitterung bestimmt nicht, aber für Außenstehende, die nicht Teil einer Flucht waren bzw. sind, ist es leicht zu sagen „Irgendwann ist auch mal gut mit Trauma, man muss auch loslassen können.“ Das als kleinen Denkanstoß zwischendrin.

Sprachlich agiert Gert Loschütz auf einem überragend hohen Niveau – ich habe schon lange nicht mehr so viele Stellen, die von Metaphern, Wortspielereien und –neuschöpfungen strotzen, markiert. Das Ganze ist von einer intensiven und tiefen Melancholie durchzogen, die dem ein oder der anderen evtl. auch zu viel des Guten sein kann. Wie gut, dass Geschmäcker und Empfindungen verschieden sind!

Für mich steht fest, dass ich nach diesem überaus gelungenen Erstkontakt mit dem Autor alle weiteren Werke von Gert Loschütz lesen werde, um mich wieder von der Sprache be- und verzaubern zu lassen.

Ganz klare 5* und eine absolute Leseempfehlung!

©kingofmusic
Profile Image for auserlesenes.
365 reviews17 followers
February 28, 2022
Karsten Leiser ist es als Reisejournalist gewohnt, an fremden Orten zu sein. Doch die Sehnsucht nach der Heimat, der ersten, lässt ihn nicht los. Als Zehnjähriger musste er mit seiner Mutter aus der DDR fliehen. Das ist zwar schon rund drei Jahrzehnte her. Aber vor allem an jedem Jahrestag des Ereignisses holen ihn die Vergangenheit und das Heimweh ein, wie er seiner Freundin Vera in einer schlaflosen Nacht berichtet.

„Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist“ ist ein Roman von Gert Loschütz, der erstmals bereits 1990 unter dem Titel „Flucht“ erschienen ist.

Meine Meinung:
Die Struktur des Romans ist raffiniert und auf beeindruckende Weise verschachtelt. Erzählt wird nicht streng chronologisch, sondern es gibt immer wieder Zeitsprünge zwischen unterschiedlichen Punkten der Vergangenheit. Das ist besonders am Anfang recht verwirrend und herausfordernd. Dennoch sind die Verflechtungen und Verknüpfungen der einzelnen Episoden sehr gelungen.

Auch in sprachlicher Hinsicht ist der Roman durchaus überzeugend. Kreative Wortneuschöpfungen, eine starke Atmosphäre und eindringliche Bilder machen für mich den Stil aus. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Karsten, der sich jedoch nach und nach als unzuverlässiger Erzähler entpuppt und zum Teil auf die direkte Ansprache zurückgreift.

Inhaltlich hat mich der Roman hingegen enttäuscht. Das liegt einerseits in der Person des Protagonisten begründet, der meiner Ansicht nach ein nur schwer erträglicher Charakter ist. Mit seinem ständigen Selbstmitleid und seiner wehleidigen und gleichzeitig wenig empathischen Art strapazierte Karsten meine Nerven. Zwar gibt es solche unsympathischen Menschen durchaus im wahren Leben, was ihn authentisch erscheinen lässt. Seine Verzweiflung und sein Leiden sind für mich jedoch überhaupt nicht nachvollziehbar. Ich wollte ihm gerne zurufen: „Heul leiser, Karsten!“

Andererseits konnte mich auch die Flucht aus der DDR, eigentlich ein reizvolles Thema, nicht fesseln. Bei der Lektüre hatte ich das Gefühl, dass ich eine solche Geschichte schon vorher mehrfach und in unterhaltsamerer Umsetzung gelesen habe. Trotz der nur rund 200 Seiten hat der Roman daher seine Längen.

Interessanterweise nimmt der Autor diese Kritik sogar ein wenig vorweg, indem er eine Figur den Egoismus Karstens und die Belanglosigkeit der Geschichte ansprechen lässt. Leider sind die Erwiderungen darauf aber nicht geeignet, diese Vorwürfe zu entkräften, sodass ich mich in meinem Empfinden bestärkt sehe. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Passagen auch nach den letzten Seiten für mich befremdlich und nicht zu entschlüsseln waren.

Das stimmungsvolle Cover ist sowohl ansprechend als auch passend. In der Nachbemerkung erklärt der Autor, warum der ursprüngliche Titel „Flucht“ aktuell keine gute Wahl ist. Den neuen Titel finde ich aufgrund des Wortes „Ballade“ allerdings auch etwas unglücklich.

Mein Fazit:
Mit „Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist“ konnte mich Gert Loschütz in sprachlicher Sicht zwar beeindrucken. Auf der inhaltlichen Ebene konnte mich der Roman hingegen nicht begeistern.
Profile Image for Wal.li.
2,574 reviews72 followers
February 13, 2022
Verlust der Heimat

Mit seiner Mutter fährt der Junge vom Osten in den Westen. Der Vater ist schon dort. Doch der Junge vermisst seine Heimat, die Großeltern, das Haus. Die Klassenkameraden und sogar die Lehrer sind nicht immer freundlich zu dem Flüchtlingskind. Seine Eltern schont der Junge, so wie es Kinder manchmal machen. Allerdings erkrankt die Mutter relativ kurz nach der Ankunft in der neuen Stadt und als sie ins Krankenhaus muss, ist es als ahne sie schon, dass sie nicht mehr wiederkommt. Später beginnt das ehemalige Flüchtlingskind zu reisen, vielleicht ist dies ein Ausdruck seines Heimatverlustes.

Bereits im Jahr 1990 unter dem Titel „Flucht“ ist dieser Roman zum ersten Mal erschienen, wobei der nun gewählte Titel mindestens als ebenso passend erscheint. Denn der Erzähler kann von dem Tag, an dem sich die Flucht jährt und der auch der Todestag seiner Mutter ist, nicht loskommen, ihn nicht überwinden. Er bleibt ruhelos und auch seine Freundschaften und Beziehungen wirken nicht sehr tief gehend. Zu groß ist wahrscheinlich das Trauma, das seine Kindheit überschattet hat. Am anhänglichsten ist da wohl der Koffer, der noch aus der Heimat mitgekommen ist. In einer Nacht berichtet der Erzähler von seinem Leben.

Von seinen neueren Werken wohlbekannt lernt man hier eine andere Herangehensweise des Autors kennen. In episodenhafter Weise lässt er seinen Erzähler von seiner Kindheit berichten und von seinem Erwachsenenleben. Wobei die späteren Jahre wohl die Ruhelosigkeit widerspiegeln, deren Grundlage in der Kindheit gelegt wurde. Berührend sind die Schilderungen der Kindheit, die Reise in den Westen, die sich als Flucht entpuppt, die Mühe des Ankommens, der tragische krankheitsbedingte Tod der Mutter, der eine Lücke reißt, die der Vater nicht zu füllen vermag. Sind dem Leser oder der Leserin Erzählungen mit einer fortlaufenden Handlung lieber, kann der vorliegende Band nur bedingt begeistern. Dennoch überzeugt die Geschichte einer gebrochenen Jugend, die auch in späteren Jahren nicht wirklich verheilt. Ein prägender Moment ist dabei hervorragend in dem ansprechenden Coverbild festgehalten.

3,5 Sterne
Profile Image for Circlestones Books Blog.
1,146 reviews34 followers
February 13, 2022
„Ich habe dir erzählt, daß es das erste Hotel war, in dem ich übernachtet habe, und daß vielleicht alle anderen, die unzähligen, die ihm später gefolgt sind, nur dem einen Zweck gedient haben, dieses erste ungeschehen zu machen, wie auch die Reisen, ja, mein Beruf diesem einen Zweck gedient haben mochten, die erste Reise über die Grenze durch unendliche Wiederholung auszulöschen.“ (Zitat Seite 66)

Inhalt
Karsten Leiser ist zehn Jahre alt, als er an diesem Tag im Mai buchstäblich über Nacht aus seinem gewohnten Umfeld und Landschaft seiner Kindheit gerissen wird. Der Zorn darüber, nicht gefragt worden zu sein, von seinen Eltern nicht auf die geplante Flucht aus der DDR vorbereitet worden zu sein, hindert ihn daran, in Wildenburg im Westen anzukommen. Er wird Reisejournalist, rastlos, getrieben, doch jedes Jahr an genau diesem Tag kommen die Erinnerungen an damals zurück, immer wieder holt ihn die Vergangenheit ein und löst ihn aus seiner Gegenwart, in der er nie wirklich ankommt.

Thema und Genre
Als dieser Roman 1990 zum ersten Mal erschienen ist, trug er den Titel „Flucht“. Es geht um dieses Gefühl des „Entwurzelt-Werdens“, das Unverständnis und die Wut eines Menschen, der plötzlich die vertraute Heimatstadt, seine Freunde und damit seinen Lebensmittelpunkt und seine Wurzeln verliert, als die Familie in den Westen flieht. Ein wichtiges Thema sind auch die Erinnerungen.

Charaktere
Am Tag der Flucht in den Westen ist Karsten zehn Jahre alt. Inzwischen ist er längst erwachsen, doch es ist ihm nicht gelungen, seine Erinnerungen hinter sich zu lassen und sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Alle Ereignisse in seinem späteren Leben bezieht er auf diesen Tag. „Dieses Rückwärtsgucken, dieses Nichtdrüberwegkommenwollen“ (Zitat Seite 192)

Handlung und Schreibstil
Der Ich-Erzähler, Reisejournalist, schildert Episoden aus seinem Leben, prägende Erinnerungen und Erlebnisse mit unterschiedlichen Handlungsorten. Rastlos schweifen seine Gedanken immer wieder ab, gehen zurück in die Vergangenheit, er erzählt über die Landschaft seiner Kindheit in Plothow, die Stunden der Flucht, dann wieder ein Fragment, ein Erlebnis von einer seiner Reisen viele Jahre später. Auch dabei bleibt er bruchstückhaft, wechselt Ort und dort erlebte Geschichte, um im späteren Verlauf irgendwann den Faden wieder aufzunehmen. Genau genommen sind es viele Fäden und manche bleiben auch am Schluss der Geschichte lose, lassen uns mit Fragen und eigenen Versuchen zurück, das Gelesene zu entwirren und zu deuten. Großartig dagegen ist die Erzählsprache des Autors, er brennt Bilder und Gefühle in unsere Gedanken und kommt mit gut zweihundert Seiten für eine intensive, dichte Geschichte aus, wofür andere sechshundert Seiten brauchen.

Fazit
Dieser Roman ist weniger die Geschichte einer Flucht, sondern vielmehr die Schilderung der nachfolgenden Auswirkungen dieser einen Nacht im Mai, dieser Bahnfahrt aus der DDR in den Westen, auf einen damals zehn Jahre alten Jungen und sein ganzes späteres Leben.
Profile Image for Luisa.
283 reviews
February 18, 2022
Gert Loschütz gelingt mit seiner „Ballade, vom Tag, der nicht vorüber ist“ ein kleines Kabinettsstückchen. Er legt einen Roman vor, der in seinen Deutungsmöglichkeiten so komplex wie ein Gedicht ist, spielt in seiner Erzählführung immer wieder auf die im Titel geführte Balladenstruktur an und fordert den Leser so unablässig zu Interpretation und Mitdenken auf. Die Geschichte ist kurz skizziert: der Protagonist Karsten floh als Kind mit seiner Mutter aus der DDR in den Westen. Der Tag der Flucht hat sich als lebensveränderndes Moment in seine Erinnerung eingebrannt, mehr Trauma als Befreiung, sodass der Erzähler unfähig ist, sich dieses Ereignisses zu entledigen, es emotional loszulassen und sich der Zukunft zuzuwenden. Stattdessen wird sein Leben von Rückblenden, Heimatverlust, Heimatsehnsucht und Unrast geprägt – ein glückliches, erfülltes, konstantes Dasein ist im langen Schatten der unerreichbaren geliebten und auch glorifizierten Heimat nicht möglich.

Inhaltlich sollte man keine allzu hohen Erwartungen haben: der Roman bietet keinen spannenden Plot, die sich auf verschiedene Schauplätze aufspaltende Handlung gleicht eher fragmentarischen Episoden, deren Zusammenhang durch das Motiv des Heimatverlusts hergestellt wird. Damit man sich zwischen den unterschiedlichen Settings nicht verliert, nimmt Loschütz bei Orts- und Zeitwechseln den Faden des letzten vorangegangenen Moments in dieser Umgebung wieder auf. Dies gelingt ihm ausgezeichnet, denn es entsteht nicht der Eindruck von Wiederholung, sondern eher von spiralenhaftem Erzählen mit deutlichen Reminiszenzen an den Refrain, den man von Balladen kennt.

Auch mit den Figuren kann man sich in der „Ballade“ schwertun: der Protagonist ist ein unzuverlässiger, inaktiver, leidender Erzähler, dem man in seinem ganzen Weltschmerz nicht allzu viel Sympathie entgegenzubringen vermag. So wie er nicht fähig ist, Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen, gelingt es ihm auch nicht in Bezug auf den Leser. Tatsächlich schwebt man immer wieder am Rand des Überdrusses im Angesicht dieser konsequenten Rückwärtsausrichtung.

Allerdings ist der Roman trotzdem ein sehr lohnenswerter, denn Loschütz spielt virtuos mit Andeutungen, Anspielungen, Hinweisen, Motiven und Symbolen. In fast jeder Passage verbirgt sich ein Subtext, der das Konzept „Heimat“ umreißt und Ansichten zu „Heimatverlust“ transportiert. Sprachlich ist der Roman außerordentlich gelungen, atmosphärisch auf den Punkt mit zahlreichen treffenden Formulierungen. So entsteht ein sehr anspruchsvoller, höchst fordernder und sehr dichter Text, der in seinen Deutungsmöglichkeiten der Lyrik gleichkommt. Wer Freude am Spiel der Interpretation hat, kommt hier voll auf seine Kosten.
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