ich tu mir schwer dabei, diesem buch eine sternchen-bewertung zu geben. wie soll das denn bitte auch gehen bei einer autobiografie, "ey, voll fades leben, 2 sterne!" oder "cool, sex, drugs & rock 'n' roll, 5 sterne!"...? das ist mir zu blöd, und deshalb lass ich es lieber sein. stattdessen schreib ich viel lieber ein review, der vielleicht tatsächlich mal jemandem dabei hilft, sich zu entscheiden, dieses buch zu kaufen, oder eben auch nicht.
die narrative ist fast fifty-fifty in zwei geteilt: in das leben vor tokio hotel, und das leben danach. das ist eigentlich logisch, geht es doch um 30 jahre, wobei bill halt mit 15 bekannt wurde, die mathe geht auf. trotzdem war ich etwas überrascht, weil eben im zweiten abschnitt so viel mehr passiert war. was man auf den ersten 200 seiten also bekommt, ist ein detaillierter einblick in die hoffnungslose, ostdeutsche realität der '90ern, beziehungsweise eher darin, wie bill es erlebt hat, da aufzuwachsen. dieser eindurck bleibt stets aufrecht, während man das buch liest: da geht es weniger um die objektiven tatsachen, viel eher kriegt man als leser ein gefühl dafür, wie bill all das, was mit und um ihm passiert ist, wahrgenommen hat und welche gefühle die ereignisse in ihm ausgelöst hatten.
die geschichten, die er vom leben nach "durch den monsun" erzählt, werden alle, die damals hardcore fan waren, nicht überraschen. ich hab öfters geschmunzelt, wo er paparazzi-bilder erwähnt hat, von denen ich gleich wusste, dass ich sie nicht nur gesehen habe, sondern dass ich sie höchstwahrscheinlich immer noch irgendwo auf einer externen festplatte gespeichert hab. die ganze frankreich-hysterie kriegt ein halbes kapitel, und da kamen in mir auch die erinnerungen hoch, wie wir alle die franzosen damals doch gehasst haben (sorry dafür, ihr konntet eh nichts dafür). für superfans also eher nostalgie-trip als revelation. das gilt übrigens auch für die meisten kapitel in der zweiten hälfte des buches, es steht da nicht wirklich vieles drin, was man nicht eh damals schon geahnt und auf fanboards zu tode diskutiert hatte (toms gescheiterte erste ehe; der herzschmerz, der hinter "billy" steckte, usw. sind eher beiläufig erwähnt). viel interessanter ist es, zu lesen, was bill daraus für sich als bilanz gezogen hat.
und da muss ich auch meine erste warnung an (ehemalige) fans raussprechen: bitte lest das buch nur, wenn ihr ein dickes fell habt, und euch nicht so leicht beleidigt fühlt. denn wer aussagen in die richtung von "aber für die fans sind wir immer dankbar" oder "am ende war es eh alles wert, nur um dem publikum das beste zu liefern" sucht, ist hier fehl am ort. bill beschreibt stattdessen einfach, wie sauschwer es war, jahrelang kein eigenes, normales leben führen zu können, pausenlos zu arbeiten, durch die gegend zu jagen, wie am laufband alben und konzerte und andere auftritte abzuliefern. da scheint die ganze liebe der fans nichts zu helfen, eher im gegensatz.
mein fazit nach fast 400 seiten: ich glaub bill gern, dass das, was in diesem buch drinsteckt, auch wirklich dem entspricht, was er authentisch findet. ich glaub ihm gern, dass er wirklich denkt, da steht alles 100% ehrlich, schwarz auf weiß drin. aber ich wünsch ihm auch die kraft dazu, sich weiter mit seinen dämonen beschäftigen zu können, dass er sich die narben auch mal aufreißen und das trauma (professionell gestützt) durcharbeiten zu traut. denn dieses buch, diese gefühle, die da reingeflossen sind, sind nur die oberfläche, die erste wut, ein großes fuck you for ruining my life. ich wünsch ihm von ganzem herzen, dass er sich jetzt, wo er diesen ärger aus sich rausgeschrieben hat, weiter mit den themen beschäftigen und eine distanziertere, nuanciertere sichtweise erarbeiten kann. denn ich vermute da noch sehr viel unter dieser oberfläche, und ich wünsche ihm viel heilung.