„Ein Mangel ist die Langeweile, egal, aus welcher Perspektive man sie betrachtet, auch der Wunsch nach einem tröstlichen Nichts, einem Fallenlassen und danach, dass man aufgefangen wird.“Nichts fürchten wir mehr als die Langeweile. Wir sollen, wir müssen, wir könnten doch. In einer Gesellschaft, die Wert in Produktivität, Geschwindigkeit und Erfolg misst, misstrauen wir der Stille, der Langsamkeit, dem Warten. Langeweile ist Antithese in Reinform: ein leerer Raum ohne Ablenkung, den es zu füllen, eine verunsichernde Emotion, die es abzuschütteln, eine Zeitspanne, die es zu überbrücken gilt. Isabella Feimer setzt sich in einem Experiment der Langeweile bewusst aus und durchlebt sie mit all ihren Sinnen. Wie schmeckt, riecht, klingt dieser Zustand in Warteschleife? Wann verwandelt sich Nichtstun in Wut, wann in Kreativität? Zu vermeintlich eintöniger Tätigkeit verdammt, lässt Feimer ihren Gedanken, Wünschen, Ideen, Erinnerungen freien Lauf, stemmt sich Wort für Wort gegen das Diktat der ständigen Selbstoptimierung – und landet an einem Ort, an dem auf einmal alles möglich ist.
„Langeweile hat einen wandelbaren Charakter, hat viele Schichten“. Isabella Feimer macht sich zum einem autobiografisch auf die Spuren von „Langeweile“ und geht zusätzlich ein Experiment ein, indem sie sich bewusst eine Zeit lang der Langweile stellt. Dabei dürfen wir sie begleiten und ihren Assoziationsketten folgen: was dachte sie im Selbstexperiment, zu welchen ihr bekannten Schriften führen ihre Gedanken und warum...
Zudem richtet sie das Wort auch immer wieder an die Lesenden und ruft zum Mitmachen und Mitdenken auf, tolle Impulse! Macht sie das nicht, beendet sie ein Kapitel häufig noch einmal mit interessanten Zusatzinformationen (in kursiv gesetzt). Feimer versucht die (unterschiedlichen) Schichten und Sichtweisen der „Langeweile“ zu betrachten, zu beschreiben und deutlich zu machen. Sie hebt die rein negative Konnotation der Langeweile auf und bespricht, was an ihr auch positiv sein kann. Zu all dem zieht sie viele Schriften/ Zitate (darunter auch einige englische – teilweise übersetzt) von u.a. Virginia Woolf, Simone de Beauvoir, Walter Benjamin, Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche, aber auch Iggy Pop und David Bowie heran.
Sie begleitet uns ein Leben lang: Langeweile. Als Kind verspürt man sie an verregneten Tagen und in der Schule. Als Erwachsener gesteht man sie sich nur ungern ein. Auch wenn sie in Meetings oder Konferenzen oft der Grund ist, warum man sich nicht konzentrieren kann. In unserer Leistungsgesellschaft ist Langeweile verpönt. Schließlich sollte man immer und ständig irgendwie produktiv sein. Dass aber Langeweile auch ein Ruhepol für kreative Kraft sein kann, das beweist Isabella Feimer in ihrem Essay zum Thema.
Und noch mehr als das! Die Autorin macht einen Ausflug durch die Philosophie und beleuchtet in Fragmenten, die letztlich ein Großes und Ganzes ergeben, die Sichtweise auf das Thema Langeweile. Ob nun Heidegger, Kierkegaard oder die alten Philosophen aus Griechenland. Dank der Wanderung durch die Jahrhunderte bekommt man einen hervorragenden Eindruck davon, wie Langeweile im Laufe der Zeit unterschiedlich betrachtet und bewertet wurde. Und bekommt letztlich Argumente an die Hand, warum sie für uns Menschen so wichtig ist - auch, wenn man sie oft nur schwer aushalten kann.
Ein Essay, das einen schon schon fast in einen kontemplativen Zustand während des Lesens zwingt, die Zeit anhält und Achtsamkeit fordert. Es dehnt die Zeit, verkürzt sie zugleich und lässt einen damit bewusster atmen. Sehr gelungen.
** #Langeweile wurde mir als Leseexemplar von #NetGalleyDE zur Verfügung gestellt.