Ein Dorf in Ostdeutschland: Walter, ein zorniger Mann, erschlagen in der Silvesternacht von Hilde, der eigenen Frau. Nur kurz vor seinem Ende war er plötzlich sanft und ihr zugewandt. Dann ein Friedhof: Die Toten studieren die Lebenden. Walter wird zum Chronisten, sieht sich dazu verdammt, die Schicksale im Dorf festzuhalten. Und er fragt nach dem Warum. Was war der Grund für Hildes Tat? Geschah es aus Hass oder aus Barmherzigkeit?
»Vierunddreißigster September« wird zum Dorfroman einer anderen, neuen Art, er kommt den Menschen schmerzend nah. Aus Angelika Klüssendorfs Sprache strahlt eine mitreißende Kraft, sie ist präzise und voll tiefschwarzer Komik. Ein hintersinniges Meisterwerk über eine Zeit der Wut, Melancholie und Zärtlichkeit.
Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet. Die französische Übersetzung ihres Romans „Vierunddreißigster September“ stand auf der Longlist des Prix Femina 2022.
Walter ist tot. Seine Frau Hilde hat ihn erschlagen. Danach ist sie verschwunden und niemand kann sich das so richtig erklären - weder den Totschlag, noch das Verschwinden. Auch Walter nicht. Der muss nämlich feststellen, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist, sondern er und alle anderen Verstorbenen des Dorfes immer noch vor Ort sind. Zumindest solange irgendjemand an sie denkt. Ungesehen von den Lebenden beobachten sie ihre Hinterbliebenen, sind Chronisten ihres Lebens. Walter ist außerdem Detektiv. Er möchte herausfinden, was zwischen ihm und Hilde passiert ist, warum er sich kurz vor seinem Tod so verändert hat - und was nun eigentlich aus Hilde geworden ist. Die Antworten werden ihm nicht gefallen. Denn Walter war kein netter Mensch. Regelrecht terrorisiert hat er seine Frau, ihr kaum ein selbstbestimmtes Leben gegönnt. Überhaupt scheint es mit der Lebensqualität der Dorfbewohner nicht weit her zu sein. Sie alle hängen unerfüllten Sehnsüchten nach, viele haben die Wende nicht verkraftet und füllen ihre innere Leere mit Essen, Alkohol oder Gewaltausbrüchen. Walter beobachtet all seine ehemaligen Nachbarn und lernt dabei viel über Sinn und Unsinn des menschlichen Daseins sowie über die individuelle Kraft, die es braucht, um darin Erfüllung zu finden. Angelika Klüssendorf hat mit "Vierunddreißigster September" ein sehr kluges, sehr trauriges Buch über das Leben geschrieben und fragt, welchen Wert es hat, wenn der Tod es nicht wirklich beendet? (Extrem gruselige Vorstellung übrigens.) Ganz subtil macht sie das - und vor allem ganz und gar unkitschig. Weil sie das Leben in seiner rohesten Form zeigt und dort hinguckt, wo es wehtut. Weil sie mit einer präzisen, knappen Sprache erzählt. Mit bissigem Witz, viel Melancholie und mit Sätzen, die bleiben. Nach einem etwas holprigen Start habe ich dieses Buch letztendlich verschlungen und meine Bewunderung für Angelika Klüssendorfs Schreiben ist wieder einmal gestiegen.
3.5 Sterne Ich habe ein kostenloses Leseexemplar über NetGalley im Austausch für meine ehrliche Meinung erhalten. Vielen Dank dafür!
Ich mag Geschichten aus kleinen Dörfern, weil ich selber sehr ländlich aufgewachsen bin und deshalb viel wiedererkenne. Ich liebe außerdem ungewöhnliche Erzählperspektiven. "Vierunddreißigster September" hat mir beides geboten.
"Nun weiß ich endlich, was die Hölle ist - in dem Dorf, das man verlassen wollte, begraben zu sein."
Im Mittelpunkt der Handlung steht für mich das Dorf selber mit seinen vielschichtigen Charakteren. Die Erzählung beginnt mit dem gewaltsamen Tod von Walter, der dem Anschein nach von seiner eigenen Ehefrau umgebracht wurde. Die ist nach der Tat nämlich plötzlich verschwunden und gibt damit vielen Dorfbewohnern Anlass über die eigene Beziehung zu den beiden nachzudenken. Kurze Zeit später übernehmen aber ihre eignen Sorgen und Ängste wieder.
Das Buch hat unzählige POVs - so ziemlich jeder Dorfbewohner kommt mal an die Reihe und gibt Hinweise zum Geschehen. Derjeniger erzählt eben aber auch immer aus dem eigenen Leben: wie hat sich das Dorfleben - insbesondere vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung - verändert? Gibt es Gewinner und Verlierer? Welche Ziele habe ich und wie soll es Morgen weitergehen. Ich bin ein großer Fan dieser Momentaufnahmen. Leider können es nur kurze Episoden aus dem Leben der Dorfbewohner sein, weil das Buch recht kurz ist. Das bleibt aber auch mein einziger Kritikpunkt.
Meine Lieblingsperspektive war allerdings die von Walter und den anderen Verstorbenen. Ich mochte das Hin und Her zwischen den Lebenden und Toten, die jeweils ganz andere Ziele und Vorstellungen hatten.
Insgesamt fand ich das Buch sehr gelungen und wurde gut unterhalten. Der Schreibstil war trotz der schwierigen Themen leicht und hat mich das Buch immer wieder in die Hände nehmen lassen. Ich hätte nur an der einen oder anderen Stelle gerne einfach noch mehr gewusst.
Irgendwie erfreuen mich die Dorfromane der letzten Jahre sehr. Hier hätten es durchaus mehr Seiten und die Konzentration auf einige wenige Perspektiven sein können. So passiert auf knapp 200 Seiten eigentlich nicht viel, die Charaktere stehen klar im Vordergrund. Aber die 'große Frage' des Romans bleibt letztlich unbeantwortet, obschon einem das "Warum?" vielleicht eh egal sein sollte. Einmal für 1-2 Tage in dieses skurrile Dorf eintauchen und dann wieder unbeschwert ins Großstadtgetümmel zurücknavigieren. So habe ich es zumindest gehalten. ;)
"Das Leben ist nur eine Unterbrechung, ein kurzes Innehalten zwischen dem Nichts davor und dem Nichts danach." Sätze wie dieser grundieren den Ton dieses Buches, in dem die Autorin aus der Sicht von Toten die Unmöglichkeit eines gelungenen Lebens diagnostiziert.
«Sie hörte Walter rufen: Hilde, hast du meine Handschuhe gesehen? Obwohl sie sich nach über vierzig Ehejahren noch nicht daran gewöhnt hatte, dass er sie fragte, wo etwas lag – manchmal direkt vor seinen Augen –, blieb sie gleichmütig.»
Ein Dorfroman, Trostlosigkeit in einem Kaff in der brandenburgischen Provinz. Abgehängt, desillusioniert, schräge Dorfbewohner – in einem zweiten Stang beobachten die Toten das Dorfgeschehen, suchen die Nähe zu ihren Angehörigen, die sie nicht wahrnehmen. Hilde haut in der Silvesternacht ihrem Mann Walter eine Axt auf den Kopf. «Er machte sie klein, entwertete und erniedrigte sie.» Einst war er ein zorniger Mann, er bestimmte Hildes Leben. Durch einen Gehirntumor wandelt sich plötzlich sein Wesen, er wird sanft und aufmerksam – aber es gibt immer mehr Aussetzer. Nach der Tat geht sie zur Silvesterfeier der Nachbarn, wo sich das halbe Dorf eingefunden hat. Hilde hat gute Laune, tanzt, geht irgendwann hinaus in die Nacht und ist seitdem verschwunden.
«In der Nachmittagshitze sehe ich einen Jungen aus der Stadt an den mit Weizen überwachsenen Bahngleisen sitzen, umgeben vom Summen und Zirpen der Insekten, und für die Dauer eines Flügelschlags durchzuckt ihn das Bewusstsein der Sterblichkeit. Wer ist der Junge? Warum habe ich für ihn ein Mitgefühl, aber keines für mich?»
Auf dem Friedhof versammeln sich die Toten und studieren die Lebenden. Walter will das Schicksal der Bewohner als Chronist festzuhalten. Und er fragt sich, was Hilde zu dieser Tat trieb. Handelte sie aus Hass oder aus Barmherzigkeit? Hatte sie ihn jemals geliebt? Er fragt die anderen Toten, was an ihm abscheulich gewesen sein könnte. Seine Wut – aber so war er nicht immer. Wann hatte er angefangen, sich zu einem zornigen Mann zu wandeln?
«Die Erde macht weiter, sie braucht uns nicht. Die Menschheit ist nichts weiter als eine Episode auf diesem Planeten.»
Angelika Klüssendorf ist Meisterin in der Prägnanz. Hier sitzt jeder Satz – insbesondere die unsichtbaren Zeilen, das Ausgesparte. Und in diesem Roman beweist sie einen tiefgründigen schwarzen Humor, der sich über das Elend legt. Nüchtern und distanziert betrachten die Lebenden und Toten das Dorfgeschehen, beschrieben in profunden Porträts: Röschen wohnt im Wald, 97 Jahre alt, sie wartet noch immer auf die Rückkehr ihres Sohns aus dem Krieg – Norbert ist der tote Sohn, der zur Friedhofsgemeinschaft gehört. Walter, einst Wendeverlierer mutierte nach dem Mauerfall zum Tyrannen; seine Nachbarin, ist Schriftstellerin, bei der irgendwann der Trommler einzog; Wolfgang, der verzweifelte Bio-Bauer wandelt sich zum heimlichen Dorfsheriff; «Bipolarchen», der hin und wieder austickt; das «Rollschuhmädchen»; Heinrich, den man «Schlucki» nennt, der arbeitslose Säufer ist Einsatzleiter der Freiwilligen Feuerwehr, der einen Brand im Delirium verschläft; der bekiffte Leo baut Haschisch an; Eisenalex wohnt in dem halb verfallenen Haus seiner verstorbenen Mutter, sucht mit dem Metalldetektor nach Gold. Doris, die Ortsvorsteherin, hängt verdrossen DDR-Zeiten nach. Ihr verstorbener Mann war ein Kaderleiter; ein Wessipaar, das ein altes Herrenhaus kaufte und restauriert, lässt sich außerhalb der Mauern nie blicken; die dicke Hubert passt kaum durch eine Tür; sie ist fresssüchtig – Spielberg hast ihr geschrieben, dass er das Leben ihres Großvaters verfilmen will. Ihr Sohn sitzt im Rollstuhl. Der schöne Karl (ein Toter), schleicht eifersüchtig auf Schritt und Tritt seiner Witwe, der Wirtin Blanka, hinterher – er verstarb beim Orgasmus, trägt nun als Toter eine Dauererektion vor sich her. «Nun weiß ich endlich, was die Hölle ist – in dem Dorf, das man verlassen wollte, begraben zu sein.» Selbst die Toten wollen hier weg! Frustration umgewandelt in Wut, Sucht oder Depression schwingen in allen Charakteren mit, ein Blick in existenzielle Abgründe – eine zerbrochene Dorfgemeinschaft; die Verbliebenen sind Kranke, Säufer, einsame und verbitterte Menschen, ein Sammelsurium von enttäuschten Hoffnungen vom Leben.
«Wir könnten was erfinden, überlegt Eisenalex, einen neuen Tag zum Beispiel. Wie wäre es mit dem vierunddreißigsten September? Warum vierunddreißig, fragt Leo, und sein Kiefer knackt beim Gähnen. Meine Glückszahl. Was machen wir an dem Tag? Alles anders. Und was? Wir probieren Sachen aus, wie … wie was? ... Warum wird man überhaupt geboren, fragt er. Für welche Idee würdest Du sterben? Eisenalex zuckt die Achseln.»
Ich mag die Romane von Angelika Klüssendorf, ihre ausgefeilte Sprache. Mit diesem Werk hadere ich ein wenig. Sprachlich wie immer ein Meisterwerk. Walters Beobachtungen halten hier alles zusammen. Trotz allem wirkt der Roman wie eine Ansammlung von Kurzgeschichten, Kurzportrais. Skurrile Gestalten, schwarzer Humor, bis kurz hinter die Mitte war ich begeistert, doch dann machte sich ein Gefühl von Wiederholung und ein wenig Langeweile breit. Mir fehlte die kunstvolle Ausarbeitung der Figuren aus ihren anderen Geschichten, die Tiefgründigkeit. Wer eine geringe Chance hat, verlässt dieses Dorf, zurück bleibt ein trostloser Haufen. Der ein oder andere wird der Trostlosigkeit ein Ende machen – aber weiß leider nicht, was ihn drüben erwarten wird. Ist es wirklich so? Was aus Hilde geworden ist, erfahren wir nicht – aber Walter findet einen kleinen Hinweis: Ihr geht es gut.
Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Roman-Trilogie «Das Mädchen», «April» und «Jahre später», deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet.
Hilde gefiel mir als Figur super. Bei den anderen Leuten aus dem Dorf habe ich mich irgendwann gefragt, ob ein 200 Seiten Buch wirklich so viele Figuren braucht... Alles in allem aber dennoch lesenswert! Ich gebe 3,5/5*
Dorfromane als neues Genre, das Dorfleben wie es war oder wie es wieder wird? Hier auf dem Dorf ist es ganz anders. Bei Angelika Klüssendorf leben nicht nur die einzelen Dorfcharakteren, es mischen sich auch die toten noch mit ein. Der kürzliche erschlagene Walter frustriert von der WEnde und erstaunt von seinem Tod durch seine Ehefrau ist Chronist im Dorf der Toten und berichtet all die kleinen Verwicklungen und Vertrickungen des Dorfes während seines Bestehens und den großen Umbruch - die WEnde. Es ist manchmal ganz witzig und es gibt wunderbar skuril gezeichnete Dorfcharakteren, aber auf den knapp 200 Seiten ist es sehr dicht, es gibt unzählige Charakteren und man kommt beim Hören doch einiges mal ins Schlingern, wer nun wer ist und wie das jetzt alles zusammenhängt. Es ist Bewegung im Dorf. Es ist schön zu lesen, man erfährt viel vom Dorf, aber weiss man nachher mehr? Die Sprecher waren professionell wirkten aber manchmal etwas unambitioniert
Der Roman Vierunddreißigster September ist relativ kurz, aber Angelika Klüssendorf Schaft es in Kürze eine dichte Atmosphäre aufzubauen, die ein Dorf im Osten nach der Wende zeigt, damit auch einen gewissen Stillstand. Im Mittelpunkt steht zunächst ein älteres Paar, Walter und Hilde, die schon lange verheiratet sind. Wie der Klappentext schon andeutet, wird der schwerkranke Walter von seiner Frau getötet. Das ist aber mehr nur ein Aufhänger durch einen rasch wechselnden Blick auf die Dorfbewohner deren Eigenheiten und Beziehungen zueinander zu erzählen. Dabei ist Walter sogar als Toter noch dabei. Obwohl Angelika Klüssendorf in ihren frühen Romane Das Mädchen und April den Leser näher an die Hauptfigur kommen lässt, überzeugt Vierunddreißigster September stilistisch und wirkt kompakter als z.B. Juli Zehs Unterleuten.
Eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Todtraurig, gleichzeitig auf morbide weise hoffnungsvoll. Viel mehr kann ich gar nicht dazu sagen, aber es lohnt sich, es gelesen zu haben, und es lohnt sich, es nochmal zu lesen.
Walter ist tot. Seine Frau Hilde hat ihn umgebracht. Nun will er herausfinden, warum. „Vierunddreißigster September“ ist ein kurzes Buch (nur etwa fünf Hörstunden) von Angelika Klüssendorf, die mit der April-Trilogie mein Herz für sich gewinnen konnte. Und wieder setzt sie Sprache pointiert und schonungslos ein, schafft damit Momente der Überraschung, die mich laut lachen ließen. Inhaltlich war dieser Roman durch die Vielzahl der Figuren des Ortes, die alle beleuchtet werden, etwas unübersichtlich. Womöglich habe ich beim Hören einige Verbindungen verpasst, was ich bedaure. In jedem Fall mochte ich die Sprache und die ungewöhnliche Sichtweise.