Olha Kobylianska ist eine Autorin, die in der Bukowina gelebt hat. Als sie 1863 geboren wurde, gehörte die Bukowina zum Österreichischen Kaiserreich (ab 1867 Österreich-Ungarische Monarchie). Sie starb 1942. Zu diesem Zeitpunkt gehörte Czernowitz, wo sie fast 50 Jahre lebte, zu Rumänien. Heute ist Chernivtsi eine Stadt in der Ukraine.
Olha Kobylianska war das vierte von sieben Kindern. Ihr Vater war Ukrainer und Ihre Mutter kam aus einer polnisch-deutschen Familie. Zuhause wurde deutsch, polnisch und ukrainisch gesprochen. Sie besuchte eine deutsche Volksschule für nur vier Jahre, danach war kein Geld mehr da für ihre weitere Ausbildung. Vier der sieben Kinder waren Buben und deren Ausbildung war vorrangig. Sie war allerdings wissbegierig und lernte autodidaktisch weiter. Dafür war sie bereit auch ungewöhnliche Schritte zu unternehmen. Ein Bruder erzählte ihr von einem exzentrischen Professor, der gerne eine junge Frau heiraten wollte, die ihn in Ruhe lasse, so dass er sich ganz seinen Studien widmen könnte. Sie schrieb daraufhin einen Brief und bot an, dass sie zu einer solchen Ehe bereit sei, wenn sie im Gegenzug seine Bibliothek nutzen und ohne Beschränkungen lesen und lernen dürfte. Am Ende schickte sie den Brief nicht ab, aber die Episode zeigt ihre Entschlossenheit zu lernen.
Außergewöhnlich ist, dass Olha Kobylianska sowohl auf Deutsch als auch auf Ukrainisch schrieb. Zunächst begann sie auf Polnisch einige Gedichte zu schreiben. Schnell wechselte sie aber ins Deutsche und schreib daraufhin Gedichte und Erzählungen in deutscher Sprache. Sie war damit durchaus erfolgreich und konnte sie in Zeitschriften, die v.a. in Wien aber auch in einigen deutschen Städten herausgegeben wurden, veröffentlichen. Bemerkenswert ist allerdings, dass sie sich ab Mitte der 1890er Jahre entschied, die Sprache zu wechseln und seit diesem Zeitpunkt v.a. auf Ukrainisch schrieb. Sie beschloss also, dass sie lieber eine ukrainische Schriftstellerin werden wollte, statt einer deutschen. Das Nachwort zum Buch hebt hervor, wie ungewöhnlich die Entscheidung war, v.a. da sie anfänglich durchaus Schwierigkeiten mit der ukrainischen Sprache hatte, was sie auch in ihrem Tagebuch festhält. Gleichwohl war es ihr so wichtig, dass sie alle Schwierigkeiten überwand und sogar ihre zunächst auf deutsch geschriebenen Werke ins Ukrainische übersetzte.
Mit ihren ukrainischen Werken erhielt sie erheblich mehr Anerkennung als mit ihren deutschen Werken. Viele führenden Intellektuelle und Schriftsteller begrüßten und lobten ihr Werk. Sie war auch mit vielen ukrainischen Schriftstellern befreundet. Dies gilt insbesondere für Lesia Ukrainka, mit der es einen langandauernden und intensiven Briefwechsel gibt (der, soweit ich das sehe, leider weder auf Deutsch noch auf Englisch übersetzt ist).
Lesia Ukrainka hat ihre Hinwendung zum Ukrainischen wie folgt beschrieben:
"In der deutschen Kultur wäre sie ein ewiger Gast geblieben, wenn auch ein gewünschter, während sie in der kleinrussischen Literatur zu Hause ist".
Das Buch ist ein Sammelband mit sechs Erzählungen, sieben Skizzen und einem Essay ("Über Tolstoi"). Außerdem gibt es ein interessantes Nachwort, das viele weitere Informationen über die Autorin enthält. Alle Text in dem Buch wurden zuerst auf Deutsch veröffentlicht. Die meisten Texte wurden auch auf Deutsch geschrieben, lediglich einige der Skizzen sind Übersetzungen aus dem Ukrainischen.
Im Zentrum vieler der Erzählungen in dem Buch (und auch generell in ihrem Werk) steht die Frage nach der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Die Hauptprotagonisten sind häufig Frauen, die nicht dem traditionellen Rollenbild der Frau der entsprechen, wie etwa die Künstlerin oder die Musikerin in der Erzählung "Valse melancolique". In dieser Erzählungen leben drei Frauen zusammen in einer Wohngemeinschaft. Bevor die dritte Frau hinzukommt, spricht die Ich-Erzählerin sogar davon, dass sie und die Künstlerin wie ein Ehepaar zusammenleben. Sie stimmen auch darüber überein, dass sie keine Männer brauchen, sondern bewusst einen Lebensentwurf leben wollen, der den traditionellen Vorstellungen entgegengesetzt ist.
"Dann werden sich unsere Zuschauer überzeugen, dass die unverheiratete Frau nicht ein Gegenstand stillen Mitleides oder Spottes, ein Objekt ständigen Bedauerns sein muss, sondern ein Wesen, das sich ungeteilt entwickelt habe und lebe, d.h. wir werden weder Ehefrauen noch Mütter sein, wohl aber Frauen für sich allein".
Auch in der Erzählungen "Eine Unzivilisierte", "Über den Hotar" und "Die Waldmutter" geht es um Frauen, die teilweise am Rande der Gesellschaft stehen, aber immer wissen, was sie wollen und entsprechend ihrer eigenen Ideen und Moralvorstellungen handeln und leben. In einigen Erzählungen spielt die Natur eine besondere Rolle, die zum Teil fast mystisch und personalisiert ist. Das gilt v.a. für die beeindruckende Erzählung "Eine Schlacht".
Mit haben die Erzählungen "Valse melancolique", "Eine Unzivilisierte" und "Eine Schlacht" am besten gefallen, sowohl im Hinblick darauf, was sie erzählt als auch im Hinblick auf die Sprache. Aus heutiger Sicht ist es manchmal ein wenig irritierend, wenn sie von "kleinrussisch" oder "ruthenisch" spricht statt von "ukrainisch", aber der Sprachgebrauch hat sich eben geändert. Auffällig fand ich, wie oft auch in diesen frühen Erzählungen, die auf Deutsch geschrieben wurden, ihre Figuren auf Ukrainisch sprechen und auch mit dieser Sprache eine besondere Verbundenheit haben.
Ich denke, Olha Kobylianska ist eine interessante Schriftstellerin, die es verdient gelesen zu werden - auf Deutsch, auf Ukrainisch und in Übersetzungen in andere Sprachen.