Kaśka Brylas manischer Realismus zieht uns in seinen Bann. „Die Eistaucher“ ist ein hochaktueller und schmerzhaft intensiver Roman.
Iga, die Skaterin, die schöne Jess und der pummelige Ras sind Außenseiter*innen in ihrer Schulklasse, doch gemeinsam bilden sie eine verschworene Gruppe, die unzertrennlichen „Eistaucher“. Als die Jugendlichen eines Nachts Zeugen eines brutalen polizeilichen Übergriffs werden und diese Schandtat folgenlos bleibt, beschließen sie, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Zwanzig Jahre später taucht ein geheimnisvoller Fremder auf, der von der damaligen Rache zu wissen scheint und das prekäre Gleichgewicht gefährdet… Gekonnt verwebt Kaśka Bryla eine packende Story über die Ursachen von Radikalisierung mit einem Plädoyer für Solidarität und Liebe. Dieser Roman ist nichts für schwache Nerven und alles für brennende Herzen!
Ich hatte vorab mehrere positive Rezensionen über das Buch gelesen. Vielleicht waren deshalb meine Erwartungen zu hoch? Jedenfalls war es mir einfach zu weird. Und die Handlungs-Motivation der Charaktere erschien mir an mehreren Stellen wenig logisch und wenig nachvollziehbar. Ein wenig nachdenklich hat es mich gemacht. Deshalb zwei Sterne.
Er lebt in einem kleinen Haus am Waldrand, wo er den Sommer über Hütten für Wanderer und Naturfreunde vermietet. Kurz vor Saisonende kommt ein letzter Besucher vorbei; eigentlich ist es schon zu kalt, um in den Hütten zu übernachten, doch der Gast will und will nicht abreisen. Erst durch stufenartige Rückblenden erfährt man, weshalb er aufgetaucht ist: als Jugendliche sind seine Freunde Zeugen eines Verbrechens geworden, das sie nun, zwanzig Jahre später, einholen soll.
«Die Eistaucher» ist ein aussergewöhnlicher Coming-of-Age-Roman. Es geht um Freundschaft, Liebe und das Erleben von Ungerechtigkeit. Die beiden Erzählstränge, Gegenwart und Vergangenheit, laufen einander chronologisch entgegen, was Tempo und Spannung erzeugt; hinzu kommen magische Elemente – ein Longboard, das Zeitreisen ermöglicht, Tierkörper, die blutleer aufgefunden werden – die wiederum über die Vertrauenswürdigkeit der Erzählstimmen rätseln lassen. Ein toller und intensiver Roman.
In zweimal zehn Kapitel taucht man durch die Welten, Zeiten... ich hab mich in einem Bücherladencafé in Wien in dieses Buch verliebt, und was es auf den ersten Seiten verspricht, spinnt sich sagenumwogen, geisterhaft, so lebhaft durch die restlichen Kapitel: Ein Verbrechen und deren Rache, Liebe und Verrat, Sühne und die ewige Frage, wo uns unsere Entscheidungen hinführen beschäftigen die Teenager der Vergangenheit, und den Erzähler der Jetzt-Zeit.
Unglaublich realistisch und immer mit einem Hauch von Magie umwogen.
Iga, die Skaterin, die schöne Jess und der pummelige Ras sind Außenseiter:innen in ihrer Schulklasse, doch gemeinsam bilden sie eine verschworene Gruppe in einem katholischen Internat Mitte der 1990er Jahre: Sie sind die unzertrennlichen «Eistaucher». Eines Nachts werden sie Zeugen eines brutalen polizeilichen Übergriffs. Weil diese Tat nicht bestraft wird, beschließen sie, das Recht selbst in die Hand zu nehmen.
«In einer Welt ohne Teufel geschieht ein Ereignis aus dem Nichts heraus.»
Das Thema ist Missbrauch an katholischen Schulen, die Konsequenzen des eigenen Handelns, im späteren Leben, ein Coming of Age und ein Coming-out. Im Mittelpunkt steht die Skaterin Iga. Jess und Iga haben ihr lesbisches Coming-out, Ras, der Poet mit Migrationshintergrund, ist schwul. Ein weiterer Beteiligter ist Saša, eine Waise und der beste Freund von Iga, der sie liebt. Iga beginnt eine Beziehung mit der Französischlehrerin. Die Eistaucher bekommen mit, dass ein drogenabhängiges Mädchen nachts von Polizisten vergewaltigt wird. Weil den Polizisten nichts passiert, wollen die Jugendlichen das Recht vollstrecken. Was war damals geschehen? – Darauf hat Saša seit langem gewartet, deswegen hat er sich in den allerletzten Winkel verzogen – er betreibt am Rande eines Naturschutzgebietes einen Campingplatz, auf dem sich die Jugendfreunde regelmäßig treffen – zwanzig Jahre hat er gewartet: Und nun ist es soweit, die alte Sache holt sie ein: Ein Fremder mietet sich auf dem Platz ein, der behauptet, zu wissen, was damals geschehen ist; Martin, der Sohn eines der Polizisten.
«Was wäre eine Handlung wert, wenn man wüsste, dass man sie rückgängig machen kann? Wenn man weder ein Risiko einzugehen bräuchte noch Schuld auf sich laden müsste? Darüber haben wir damals wiederholt gesprochen, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.»
Aus verschiedenen Perspektiven und in einem Wechsel aus Vergangenheit und Gegenwart wird immer wieder angedeutet, was damals geschehen ist – der allwissende Erzähler wechselt in der Perspektive der Eistaucher, während Sašas in der Ich-Perspektive angelegt ist. Im Prinzip mag ich Romane, die erst in Puzzlestücken ein Ganzes ergeben. Doch die Fäden in dieser Geschichte laufen nicht parallel, sondern als Knoten, den der Leser zunächst aufschnüren muss – sodass mir oft ein Stöhnen beim Lesen entglitt. Das Ganze ist doppelseitig angelegt: Während Saša seine Schuld rückwärts aufblättert, erleben wir die Eistaucher-Geschichte chronologisch. Ich habe mich durchgequält. Denn obendrauf gibt es eine kleine Portion Myst (vielleicht auch als der psychotische Einschub eines Protagonisten angelegt), der «Horla», eine Albtraumfigur geistert durch die Geschichte. Dazu Gesellschaftsprobleme, philosophische Fragestellungen und Geschichtsexkurse ins Nazireich und die Kolonialgesellschaft. Der Roman war mir letztendlich zu verworren – ziemlich anstrengend zu lesen, vollbepackt wie der Sack vom Nikolaus. Zunächst dachte ich an eine Kriminalgeschichte – die es in der Anlage auch gibt. Allerdings würde ich das Buch keineswegs als Kriminalliteratur bezeichnen, auch nicht im Genremix. Zeitgenössische Literatur – die sicher interessant ist – für ein geduldiges Publikum.
Kaśka Bryla zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor:innennetzwerk «PS-Politisch Schreiben» mitbegründet. Sie lebt und arbeitet am liebsten in kollektiven Zusammenhängen. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge, erhielt 2013 das STARTStipendium, 2018 den Exil Preis für Prosa. 2021 wurde ihr Theaterstück «Das verkommene Land» uraufgeführt. 2020 erschien ihr hochgelobter Debütroman «Roter Affe».
What a great counterpart to Eve Out Of Her Ruins - another group of youngsters, albeit from quite privileged backgrounds, going to a private school in Vienna. And yet...