Herbe Enttäuschung.
Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut und als ich es dann in den Händen hatte und die Einleitung las, dachte ich, dass ich es bestimmt in wenigen Tagen verschlungen haben werde. Doch mit jedem weiteren kurzen Text wuchs die Enttäuschung, bis ich den Kauf bereute. Letztendlich habe ich Monate gebraucht, um mich hindurch zu quälen.
Hier gibt es nichts neues oder weltbewegendes zu lesen. Wer sich mit feministischen oder queeren Themen beschäftigt und sich etwas auskennt, liest hier nur ein paar Variationen öffentlicher Debatten der letzten Jahre. Mal in essayistischer Form, mal in eine Erzählung verpackt, mal als "Comic" (es besteht nur aus 2 Bildern von denen sich eines 50 Mal wiederholt und nur der Text sich ändert, irgendwie lahm): Care-Arbeit sollte bezahlt werden, Männer sollten im Haushalt - falls überhaupt - nicht nur "helfen", es gibt auch andere Lebens- und Familienmodelle und die sind auch ok, und wenn man jahrtausendelange Unterdrückung und Missbrauch des einen Geschlechts umdreht und nun dem anderen Geschlecht angedeihen lässt, ist das auch nicht besser. Das ist soweit bekannt und dahingehend müsste sich Vieles ändern. Nichts neues also oder nur nicht für mich? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, was jemand, der sich weniger interessiert oder engagiert, damit anfangen soll.
Einige Texte möchte ich einzeln kommentieren.
> "Die Frau auf dem Thron" liest sich wie eine lange Replik auf eine Altfeministin. Ich weiß nicht welche, aber sie erinnerte mich an Alice Schwarzer, vielleicht ist es auch keine Bestimmte. Der Text klagt an, dass diese Feministin, statt Lösungen zu finden und in die Zukunft zu blicken, nur zurückschaut, leidet, Galle spuckt und anklagt. Anfangs fand ich den Text interessant und fragte mich wo er wohl hingehen würde. Je weniger Seiten übrig blieben, desto mehr hatte ich jedoch das Gefühl, dass dieser Text leider nirgendwo hin geht, auf der Stelle tritt und anklagt, also das, was der Figur vorgeworfen wird - und nicht viel mehr.
> "Dreizehn" hat mich irgendwie wütend gemacht, obwohl dieser Text so unfassbar langweilig, banal und abgedroschen ist, dass er außer völliger Gleichgültigkeit sonst gar nichts auslösen sollte. Wütend deshalb, weil ich wirklich selten ohne Not so viel Etepetete und Biedermeier-Mief über mich ergehen lassen musste. Es geht darin um ein modernes Wohnprojekt inkl. alternativer Familienmodelle, das hier in eine - ich möchte es wirklich nicht Kurzgeschichte nennen - Fingerübung verpackt vorgestellt wird. Die Protagonistin wird 13 Jahre alt, eine alte Frau aus einer anderen Wohnung, die für sie wie eine Großmutter ist, erzählt ein bisschen was, schenkt ihr eine Kette und stirbt. Interessanter hätte man das Thema vielleicht auch bearbeiten können, indem man das Haus Wohnung für Wohnung über die Quadratmeterzahlen und die Lage der Steckdosen vorgestellt hätte. Davon hätte man auch nicht mehr gehabt, aber immerhin wäre einem diese Banalität erspart geblieben. So las sich diese "Geschichte" leider wie die Sorte Texte, die bei einem Schreibwettbewerb in der Altersklasse unter 16 Jahre eingereicht, von eigenen Familie lautstark bejubelt und mit dem Trostpreis einer Packung Wachsmalkreiden versehen wird. Stilistisch gab es nichts zu bemängeln, inhaltlich fehlt ihm die Existenzberechtigung. Es macht mich schon wieder wütend, nur darüber zu schreiben.
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Edit: Ich habe darüber nachgedacht, warum mich dieser Text so unvernünftig wütend macht und ich glaube es liegt daran, dass mir Themen wie Feminismus, Antirassismus, Klimawandel etc. wirklich extrem wichtig sind. So wichtig, dass sie für mich den Unterschied machen, zwischen Freund und "Verzieh dich!". So wichtig, dass ich mich mit langjährigen Bekannten stundenlang per Textnachrichten streite und sie dann "entfreunde". Da geht es um meine Ideale. Und so ein banaler (anders kann man es wirklich nicht nennen) Text beleidigt für mich "die Sache". Für viele Autor:innen dieses Bandes sind es wahrscheinlich auch echte Anliegen, Ideale, Herzensthemen. Bei Mithu Sanyal weiß ich es sogar definitiv. Und dann kommt da so ein Text... Das Beleidigende daran sind nicht etwa Widersprüche, andere Auffassungen oder Falschbehauptungen, das Beleidigende liegt in der Banalität. Ich möchte der Autorin nichts unterstellen, wahrscheinlich ist ihr nichts von all dem bewusst und nur nichts besseres eingefallen. Ich finde das einfach unendlich schade, das ärgert mich, denn das Thema bzw. diese Themen verdienen unsere größten Anstrengungen, unsere besten Texte unsere Ernsthaftigkeit. Ich hoffe, dass meine eigenen Text eines Tages meinen sehr hohen Ansprüchen genügen werden. Ich werde mein ganzes Leben daran arbeiten. Ok, weiter im Text.
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> Der umgekehrte Fall ist "Das Ende der Unterdrückung" mit dem dieser Band abschließt. Dieses Essay hatte wirklich Biss und etwas zu sagen. Leider war der Text voller sprachlicher Patzer, dass ich wirklich gezweifelt habe, ob jemand von der Redaktion oder vom Lektorat ihn überhaupt gelesen hat. Was war da los? Oder sind die Patzer erst durch Änderungen entstanden? So wirkt es teilweise. Nur einige Beispiele. S. 237: "Verinnerlichte Überlegenheit und Unterlegenheit sind aber zwei Seiten der gleichen [sic] Medaille (und zentrale Aspekte der Unterdrückung.)" Es ist sprichwörtlich "dieselbe" Medaille. Gleich im nächsten Satz dann: "Dadurch werden Ungleichheiten implizit gerechtfertigt und erlaubt es Menschen aus dominanten Gruppen, Diskriminierung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu tolerieren[...]." Ich musste das mehrmals lesen, um es zu verstehen. Da fehlt offenbar etwas. Wahrscheinlich wurde der Satz mehrmals umgestellt. Entweder "... und das erlaubt es..." oder gleich ganz umstellen, etwa so: "Dadurch werden Ungleichheiten implizit gerechtfertigt, was es Menschen aus dominanten Gruppen erlaubt, Diskriminierung, Ungleichheit, und Ungerechtigkeit zu tolerieren." S. 238: "Dass zwei Frauen heiraten und Kinder zusammen großziehen können, war noch nicht allzu lange Zeit utopisch." Was auch immer hier passiert, ist sinnentstellend, denn so klingt es, als wäre es erst möglich gewesen, dann verboten worden und ist heute wieder erlaubt und war deshalb für kurze Zeit utopisch. Gemeint ist jedoch: "Dass zwei Frauen heiraten [...] können, war bis vor gar nicht allzu langer Zeit vollkommen utopisch." S. 238 f.: "Dass damals ernsthaft geglaubt wurde, die Sklaverei könne lediglich 'reformiert' anstatt abgeschafft zu werden, ist verständlich." Das "zu" muss weg. S. 239: "Viele glauben, dass der Kapitalismus nur grüner gemacht werden soll, um gerechter, umweltfreundlicher und humaner zu werden." Auch hier ist der Sinn verändert, wenn auch nur leicht. Statt "soll" müsste es "muss" oder "müsste" heißen, denn sonst klingt es, als würde jemand behaupten, der Kapitalismus würde grüner werden und Viele glauben, dass dieser jemand dies behauptet (unabhängig vom Inhalt der Behauptung - ja, Deutsch ist echt übel). Oder besser gleich so: "Viele glauben, dass es genügen würde, den K. grüner zu machen, um...". S. 241: "Wie kann ein so einfaches System über Jahrhunderte hinweg aufrechterhalten bleiben - und dabei verleugnet werden?" Das klingt sehr holprig, "aufrechterhalten" und "bleiben" passen nicht zusammen. Es müsste heißen: "... aufrechterhalten (werden) und dabei (gleichzeitig) verleugnet werden." Oder: "... bestehen bleiben und dabei verleugnet werden." Auch S. 241: "Die Antwort ist einfach: Solange Jungen, die Röcke [...] tragen, unangenehme Gefühle in uns auslösen, und solange 'Mädchen' ein Schimpfwort für Jungen ist, heißt es, dass unsere Gesellschaft noch nicht über Misogynie hinweg ist." Auch holprig, das "es" wäre besser ein "das", aber noch besser wäre: "Solange [alles so] ist, ist unsere Gesellschaft noch nicht über Misogynie hinweg."
TL;DR: Der ansonsten gute Text wurde mir durch die sprachlichen Unsauberkeiten vermiest.
Positiv beeindruckt hat mich nur "Tamina Blue". Dieser Text fliegt einem nur so um die Ohren, radikal, angstfrei und ohne Entschuldigungen. Kein umsetzbarer und auch nicht so beabsichtigter Vorschlag für eine andere Welt, sondern ein wachrüttelndes "Was wäre wenn?". Ja, was wäre wenn all die Wut der Jahrtausende mal gebündelt und den Herren ins Gesicht geschlagen würde? Ein starker Text mit starker Wirkung. (Weil er aber inhaltlich und auch stilistisch so herausragend ist, sehen die anderen Texte neben ihm gleich noch ein bisschen blasser aus.)
Ganz in Ordnung waren "Die Matriarchin, eine Abrechnung", "Der feuchte Traum", "Queertopia" und "Heisse Luft. Eine kleine Bücherschau".
Um diese Rezension zu schreiben, habe ich das Buch noch einmal durchgeblättert, die Texte noch einmal kurz angelesen und versucht, diejenigen wiederzufinden, die ich mochte oder eben nicht. Bei den meisten musste ich feststellen, dass ich mich an kaum etwas vom ersten Lesen im April(?) erinnern konnte - und das sagt über diesen Band leider nichts gutes.