Das Buch, veröffentlicht 2022, packte mich vom unvermittelten Anfang an, der mich erstmal auf eine falsche Fährte lockte.
Doch dann bekam ich einen Landlebenroman in sehr unromantischer Form. Ich fand viel wieder, was ich vom Alltag in der Landwirtschaft weiß, von der Lebenswirklichkeit auf dem Dorf - die halt auch wie alles Individuelle nicht eine Lebenswirklichkeit ist. Es überraschte mich nicht zu erfahren, dass Reinhard Kaiser-Mühlecker selbst aus der Landwirtschaft kommt. Die Geschichte nimmt uns mit nach Österreich, das prägt die Art der Landwirtschaft mit Höfen, die ein Dorf bilden (seit Ein Hof und elf Geschwister weiß ich erst, wie anders Landwirtschaft im deutschsprachigen Raum auch sein kann). Die nächst gelegene Großstadt ist Salzburg.
Der junge Jakob bewirtschaftet den Hof seines Vaters, der in seinen Augen und auch belegbar ein Taugenichts ist, fast seinen ganzen Grund verkauft hat. Der Großvater, ein tüchtiger Landwirt, ist schon länger gestorben, die greise und abweisende Großmutter lebt im Obergeschoß des Hofs. Der Roman erzählt, wie Jakob versucht, diese Landwirtschaft am Leben zu halten, seinen Lebensunterhalt und den der Familie damit zu verdienen, mal mit Fischzucht, mal mit Milchwirtschaft. Es gelingt ihm erst, als Katja in sein Leben tritt, aus unerwarteter Richtung und auf überraschende Weise. Wir lernen auch Jakobs Geschwister kennen, Bruder und Schwester, manche Nachbarn, Hilfsarbeiter.
Das Besondere: Die Erzählstimme nimmt konsequent die Perspektive der Hauptfigur Jakob ein, nahezu als Gedankenstrom. (Dennoch sind Dialoge markiert, wird auch äußere Handlung beschrieben, der Roman ist also nicht schwierig zu lesen). Und Jakob ist ein sehr eigenwilliger Charakter, zerrissen, von Affekten getrieben, oft mit sich selbst überfordert, gleichzeitig ehrgeizig und verloren, zuwendungsbedürftig und hoffnungslos.
Und die Erzähltechnik macht sichtbar, wie Jakob bestimmten Erinnerungen ausweicht, manchen immer wieder, bis sie sich kurz vor Ende dann doch nach vorn ins Bewusstsein schieben, wir sie erfahren. Und dann eigentlich lieber nicht hätten wissen wollen. Nicht nur hier ist das Buch verstörend mit seinem Blick in Abgründe.
Jakob vertritt durchaus (meine) bäuerlichen Stereotypen: Misstrauen gegenüber Leuten aus der Stadt, Misstrauen gegenüber formaler Bildung, ständiges Misstrauen, übers Ohr gehauen zu werden. Und weiß halt doch, was getan werden muss. Seine Zerrissenheit war mir im Gedankenstrom sehr nachvollziehbar, sie ist es auch, die für mich Spannung erzeugte: Wird er ein bisschen Glück finden? Einmal nicht enttäuscht werden? Das hält sich die Waage mit intensiven Umgebungsbeschreibungen: Der Lärm der nahen Autobahn, die Sinnlichkeit einer Schneeschicht, die Betäubung der vierten Flasche Bier, das Animalische an Menschen - was in dieser Verbindung fast unweigerlich symbolische Bedeutungen herbeiassoziieren lässt.
Lese-Empfehlung - nur vielleicht nicht, wenn Sie Hunde sehr gern mögen.