»Der Wecker schellt zum vierten Mal, ich kann ihn nicht mehr ignorieren. Halb zwei, gute Zeit, um aufzustehen. Ich habe mich dazu entschieden, das Jahr 2021 festzuhalten. Für mich, für die Nachwelt. Nach Vorbild der drei großen ›S‹ (Sloterdijk, Strunk, Speer) werde ich meine Gedanken zum Weltgeschehen niederschreiben und den Menschen präsentieren. Na ja, Hand aufs Herz, es wird viel ums Saufen gehen, so, wie ich mich kenne. Aber vielleicht kommen ja auch ein paar Erkenntnisse dabei rum.«
Ein Tagebuch zwischen Komik und Tragik, dem dauerhaften Aufbegehren, sich selbst zu genügen und andere zu begeistern.
Das ist wohl eine Tragikomödie. Ein Jahr, heruntergeschrieben auf 286 Seiten. Man möchte manchmal fast selbst dabeigewesen sein, so erstaunlich sind die Vorfälle die hier erzählt werden. So unverblümt ehrlich und einzigartig artikuliert, dass man garnicht aufhören möchte zu lesen:
"Durch lustige Zufälle bin ich jetzt Gesellschafter einer Immobilien GmbH. Fühlt sich mächtig an, am liebsten würde ich ein Dekret beschließen, dass ich von nun an nur noch 'Köhn-Meister' genannt werden darf. Schade, dass das nicht geht, trotzdem fühle ich mich wie ein Großgrundbesitzer. Oder nein, noch besser - ich fühle mich wie der Sohn eines Großgrundbesitzers."
"Unter diesem Schirm vor der Doppelschicht, prasselnder Regen, betrunkene Fußball-Fans um mich herum, ballt sich eine Mischung aus Langeweile und Abscheu. Abscheu vor diesem Brot-und-Spiele-Fick, vor meiner eigenen Sucht und meiner eigenen Angst, als unbeschriebenes Blatt durchzuweichen und die wenig lesenswerten Informationen unbrauchbar zu machen. Selbstzweifel und Selbstüberschätzung liegen nah beieinander."
"Lange nicht mehr so versumpft, habe quasi eine ganze Traubensorte ausgelöscht. Weinvölkermord."
"Fühle mich wie ein lonesome Cowboy, ein einsamer Wolf, alleine gegen die Kosten- und Finanzierungspläne. Dabei bin ich doch so bedürftig, was Harmonie, Liebe, Zuneigung angeht. Wie ein Furby laufe ich durch die Welt: 'Liebe mich, streiche mich, ich bin süß und brauche Pflege!' Doch niemand füttert mich. Ein menschgewordenes Tamagotchi, welches sich mit jedem Atmenzug der steilen Klippe, dem Abgrund nähert. Das Leben ist eine Suppe und ich bin eine Gabel."
"Mit dem Enthusiasmus einer Schildkröte creepe ich durch die Wohnung, wische ein wenig notdürftig rum, nichts Halbes, nichts Ganzes."
"Ich sitze auf einer Bierbank und trinke Bier, begleitet von der dauerhaften Panik, dass die Bank umkippt. Bierbänke und alle möglichen Unfallvariationen mit ihnen sind eine deutsche Urangst. [...] Bierbänke sind die proletarische Version der Couch. Hart im Nehmen, rau, unbequem. Bierbänke sagen ihre Meinung auch wenn es mal wehtut. Doch nach all den Jahren verschiedener, schwitzender Männerkörper, die sich auf ihnen Bier hinter die Kiemen sprengen, da wird auch das härteste Holz mal morsch. Wir alle brechen irgendwann, kleiner Bankfreund, wir alle."
"Ich bin unfassbar schlecht darin, Kontakte zu halten, außer ich will etwas von den Personen (Liebe, Job, Geld, Anerkennung). Ich will gar nicht wissen wie viele Freundschaften schon daran zerbrochen sind. Ich vergesse einfach unfassbar schnell Menschen. Das ist nicht mal böse gemeint, sie sind halt einfach weg, und dann kommt ab und zu dieser kurze Moment, in dem ich denke, dass ich mich mal wieder melden müsste, aber dann tu ich das nicht."
"Vielleicht war es einer der schönsten Monate meines Lebens, es fühlt sich an wie die Art absoluten Glücks, von der man im Leben nur so weit erfahren darf. Der Zug könnte jetzt entgleisen, es wäre okay. [...] Ich bin glücklich, aber auch leer. Ich will nichts mehr. Es kann doch nichts mehr kommen, was besser ist als das."
"Kniffeln mit Köhn heißt Kurzer bei Kniffel. Und Mutti wirft einen nach dem anderen. Es ist noch nicht einmal halb zwölf und wir haben schon einen halben Kasten Bier, eine Flasche Amarone, eine Flasche Crémant und fast den ganzen Kräuterlikör ausgetrunken."
Dies verdient 5 Sterne, aber aus einem ganz anderen Grund als alle anderen Romane und Erzählungen, die mir sonst so begegnet sind... 5/5 ✨
Brutal, traurig, witzig und an vielen Stellen sehr sehr rührend, einfach gut geschrieben. Hätte nie gedacht, dass ich das Tagebuch einer anderen Person während Corona spannend finden würde.