Unterschiedlicher als Fodé und Bouhel aus dem Senegal könnten Zwillingsbrüder kaum sein. Fodé lebt als Schreiner im Heimatland und bereitet sich seit langem darauf vor, die Rolle des Kumax, des Dorfältesten und Meisters der Beschneidung zu übernehmen. Damit verbunden ist die Verantwortung für die Dorfgemeinschaft, die Ernte, Fruchtbarkeit und die Initiation junger Männer nach den Regeln der Serer-Religio. Fodés Partnerin unterstützt seine Lebensplanung, obwohl sie einen westlich geprägten Beruf als Beraterin bei einer NGO ausübt. Ngof, der betagte Inhaber des Amtes, hat seinen Nachfolger aufwachsen sehen und offenbar klug gewählt.
Fodés Zwillingsbruder Bouhel studiert in Frankreich Semiologie, schlägt sich mit allerlei Hilfsjobs durch und interessiert sich für Literatur und Musik. Er lebt zusammen mit Ulga aus Polen. Beide Familien haben Vorbehalte gegen einen Partner aus einer ihnen fremden Kultur. Bouhel findet sich erstaunlich leicht in die Sitten einer gläubigen katholischen Familie ein und nutzt den Aufenthal bei Ulgas Eltern, um das KZ Auschwitz zu besuchen. Im späteren Leben wird Bouhel mehrfach Zeit in einem Kloster verbringen, sein Betreuer Bruder Tim wird zum engen Ratgeber.
Der Clash der Kulturen und Religionen führt schließlich in Polen zu einer Bewährungsprobe für Bouhel, auf die ihn keine der Kulturen hätte vorbereiten können. Als Fodé seinem Bruder zu Hilfe eilt, stellt sich Ulga seinen magischen Kräften notgedrungen offen gegenüber und setzt sie – überraschend - ein. Ob die Kräfte der eigenen Götter auch in fernen Ländern wirksam sind, kann vorher schließlich niemand wissen.
Die Beziehung zwischen den gegensätzlichen Brüdern, ihren Eltern und ihren Partnerinnen ist, u. a. durch mehrere Erzählerstimmen, anfangs schwer zu durchschauen. Felwine Sarr spiegelt die Zwillingssymbolik, indem er Religion und Tradition jeweils einem konkurrierenden Wert gegenüberstellt: traditionelle Serer-Religion und Katholizismus, Glauben und Wahn (Erkrankung von Ulgas Bruder Vladimir), Handwerk und Wissenschaft, Tradition und Emigration, traditionelle westliche Klein-Familie contra Dorfoberhaupt, Autorenkarriere contra Klosterleben. Der im Senegal spielende Abschnitt hat auf mich besonders magisch gewirkt.
Ein kurzer, beeindruckend tiefgründiger Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte.