„Menschen, die kapituliert haben, flüchten sich in Romanzen“. Zu dem Schluss kommt Sunmi, nordkoreanische Dolmetscherin und eine der Protagonistinnen des Romans „Eine Liebe in Pjöngjang“ von Andreas Stichmann. Wie kommt es zu der Liebe zwischen einer jungen nordkoreanischen Frau und einer fünfzigjährigen deutschen Intellektuellen? Die Aussicht auf eine ungewöhnliche Liebesgeschichte in einem noch ungewöhnlicheren Setting hat mich zu dem Roman greifen lassen. Übrigens, ein Kandidat auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.
Claudia Aebischer, 50, Präsidentin des Verbandes europäischer Bibliotheken, international angesehene Intellektuelle, reist gemeinsam mit einer Delegation nach Nordkorea, um eine deutsche Bibliothek zu eröffnen. Es ist nicht ihr erster Aufenthalt in dem Land, sie weiß, was man besser tun bzw. lassen soll, sie beherrscht Kyŏksul, hat über diese nordkoreanische Kampfkunst sogar ein Buch geschrieben und fühlt sich mit ihren Jugend-Erfahrungen aus der ehemaligen DDR gut auf die asiatische Diktatur vorbereitet. Im Gegensatz zu ihren Mitreisenden bleibt sie entspannt, als es kein Handynetz mehr gibt und sie die hellen, modernen Städte Chinas hinter sich lassen.
Was das Setting betrifft, war ich von Anfang an nicht enttäuscht. Stichmann, der selbst Nordkorea besucht hat, konnte mit wenigen Bemerkungen die unheimliche, bedrückte Atmosphäre wiedergeben. So erfährt man, dass Reisepässe abgeben werden müssen, Touristen heimlich überwacht werden und von ihnen eine kritiklose Akzeptanz des Gastlandes erwartet wird. Der Unrechtsstaat bleibt die meiste Zeit als drohende Kulisse im Hintergrund, wird nur hin und wieder mit einer Bemerkung oder Vorausdeutung, z.B. über Mitreisende, die unangekündigt abreisen, ins Bewusstsein gerückt. Das sorgt für eine bedrohliche Stimmung und die Leserin nicht vergessen, dass die Liebe in Pjöngjang, also in einer Diktatur angesiedelt ist.
Der Fokus liegt auf den beiden Frauenfiguren und ihrer Beziehung. Claudia, so selbstbewusst sie auf ihre Mitreisenden wirkt, hält ihr Leben - zumindest nach eigenen Maßstäben - für misslungen. Ihre Stellung als Präsidentin des Bibliothekenverbandes ist ihr nicht besonders wichtig. Sie misst ihren Erfolg an ihren schriftstellerischen Leistungen. Und da hat sie das eine Buch noch nicht geschrieben, das sie gerne schreiben möchte, hält sie ihre Karriere für gescheitert. Privates Glück hat sie ebenfalls nicht vorzuweisen, sie lebt allein, hat keine Familie. Innerlich bereitet sie sich schon resigniert auf ihre Rente vor und fragt sich, wie sie die Zeit ausfüllen soll.
Claudia Aebischer ist eine wunderbare Protagonistin. Sie ist nicht nur sympathisch (Ja, ich mag Protagonisten, mit denen ich mit identifizieren kann.), sondern auch lebendig, glaubwürdig dargestellt, verfügt über Empathie, Humor und Neugierde. Sunmi wirkt in ihrer Rolle natürlich ambivalenter, aber nicht unsympathisch. Sie ist hochintelligent, beherrscht mehrere Sprache, arbeitet für das das staatliche Tourismus-Büro - und für den Geheimdienst. Ihre harte Kindheit hat sie nur knapp ��berlebt, bekam als Hochbegabte jedoch die Chance auf eine Ausbildung in der Hauptstadt. Nach Abschluss ihres Studiums war sie jedoch gezwungen, ihren weitaus älteren Deutsch-Professor Wi, einen Kriegsinvaliden, zu heiraten.
Schon bei der ersten Begegnung fühlt sich Claudia zu der jungen Frau hingezogen und auch Sunmi findet Claudia Aebischer faszinierend. Problematisch ist diese Beziehung von Anfang an dadurch, dass Sunmi vom Geheimdienst den Auftrag erhalten hat, Claudia näherzukommen und sie zu manipulieren. Keine guten Voraussetzungen für eine glückliche Liebe, aber für einen spannenden Plot!
Spannend wird die Geschichte auch durch die Erzählweise, denn sie wird aus der Perspektive der beiden Frauen erzählt. Obwohl die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind die Übergänge zwischen den Perspektiven so fließend, dass es manchmal schwer ist, festzustellen, in wessen Kopf man sich als Leserin gerade befindet. Wer verfügt über welche Information? Wird gerade manipuliert oder wissen beide Bescheid? Die einzelnen Episoden wirken darum manchmal unverbunden, fragmentarisch und es ist nicht einfach, der Handlung zu folgen.
Was den Text jedoch zusammenhält, sind die Bezüge zur Romantik. Stichmann spielt im gesamten Roman mit den Motiven der romantischen Literatur. Manches ist offensichtlich „romantisch“. Sunmi hat eine Doktorarbeit über die europäische Romantik geschrieben, Claudia schickt ihr die Werke von E.T.A. Hoffmann, Eichendorff, Tieck und Karoline von Günderode aufs Zimmer, beide einigen sich darauf, die neue Bibliothek „Die Blaue Bibliothek“ zu nennen. Beide kommen über die Doktorarbeit auf die Schlegelsche Universalpoesie zu sprechen, kommen sich über den Austausch von Gefühlen und Gedanken näher.
Manches romantische Motiv erschließt sich auf den zweiten Blick und muss entdeckt werden.
Auf den ersten Blick wirkt es her befremdlich, wenn Sunim auf einer Party denkt, Claudia sei eine „Wassernymphe mit einem grünen Wassernymphengetränk in der Hand“ (S. 57) Doch hier deutet sich mit einer romantischen Metapher schon die Verführung an, die sich in Sauna und Spa (also im Element Wasser) fortsetzt. Die sprachlichen Bilder sind manchmal lustig wie der Nixencocktail, manchmal gewöhnungsbedürftig, z.B. wenn der Text nicht von Augen, sondern von „Guckbällen“ redet oder einfach zu viel des Guten, wenn die „Abendsonne […] durch die hochblättrigen Fichten [rätselte]“ (S. 40). Oder ist das romantische Ironie?
Die Liebe der beiden Frauen wird jedenfalls auch auf „romantische“ Art und Weise geschildert: zurückhaltend, in Andeutungen. Mir selbst war diese Beziehung ein wenig zu zart, zu intellektuell-unterkühlt und zurückgenommen, zu wenig intensiv für die Folgen, die sich letztlich daraus ergeben. Mir haben die Sprache und die Bilder insgesamt sehr gut gefallen. Der Rückgriff auf die Romantik, mit dem er das Unverständliche in dieser Beziehung, aber auch das kreativ Verbindende darstellen konnte, war eine gelungene Überraschung und eine ziemliche Herausforderung für mein genaues Lesen.
Zuletzt ist der Roman auch die Geschichte einer Reise in mehrfacher Hinsicht: in ein brutales Land, einen fremden Kulturkreis und schließlich ins eigene Ich. Und auch darin sehr romantisch.