Hatte ich mir leider mehr von versprochen. Kurt Krömer/Alexander Bojcan hat an sich eine Menge zu erzählen – trockener Alkoholiker, Ex-Depressionskranker, alleinerziehender Vater, dazu erfolgreicher Comedian mit ewig langer Karriere, andere Leute würden fünf Biographien daraus schustern. Dazu ist er ein ziemlich guter Typ, mit dem man sicher gern mal einen Abend verbringen würde (schon, um z.B. über gelebte statt behauptete Solidarität zu diskutieren). In meiner Rezension geht es daher auch nicht darum, die Person Bojcan oder die Figur Krömer zu demontieren, ich will mir auch gar nicht anmaßen, über seine Leidensgeschichte als jahrzehntelang undiagnostizierter Depressionskranker zu urteilen; ich finde nur, dass dieses Buch so viel besser hätte sein können, gerade vor dem Hintergrund, durch Bojcans Geschichte anderen Depressiven zu helfen und das Bewusstsein für diese Krankheit zu schärfen sowie eine Diskussion anzuschieben.
Denn leider ist das Buch in der vorliegenden Form ein formloses Kuddelmuddel. Da geht es immer mal um die Depression und Bojcans Befindlichkeiten, und seine überwundene Alkoholsucht (die in einer knappen Handvoll Seiten abgehandelt wird, als wäre das keine Leistung… schade, ich hätte gern mehr darüber erfahren, immerhin schafft ein Großteil der Alkoholabhängigen es nicht aus der Sucht heraus), und über seine Freundin, und seine Karriere, und seinen Urologen, und dies und das und jenes, alles immer irgendwie häppchenmäßig und durcheinander. Wie sich das eben so liest, wenn man etwa durch alte Tagebücher oder sonstwie der derzeitigen Verfassung geschuldeten Aufzeichnungen blättert. Da hätte das Verlagsteam viel mehr (bzw. überhaupt etwas) an Struktur hineinbringen müssen.
Was mich weiterhin sehr genervt hat: Bojcan macht unheimlich viel aus dem Umstand, dass er alleinerziehend ist. Klar, das ist nicht einfach, zumal mit vier Kindern. Nur: Er ist auch und gerade als Alleinerziehender unfassbar privilegiert. Seine Exen/die Mütter der Kinder sind präsent und involviert, ganz anders als etwa ein Großteil der Kindsväter in der durchschnittlichen Lebenssituation von Solo-Müttern. Wieviele Alleinerziehende haben Sie im Bekanntenkreis, die finanziell sorglos aufgestellt sind? So sorglos, dass sie eine Vollzeit-“Kinderfrau” einstellen können (die sich dann gleich auch noch um die kompletten Mahlzeiten kümmert)? Welche Alleinerziehende hat die Kohle für mal eben zwei Wochen Griechenland-Urlaub mit vier Kindern, und zwar so üppig, dass das Finanzielle in der Planung nicht mal in Erwähnung fällt? (Hier fließt das Geld so unbekümmert, dass selbstverständlich auch die Kinderfrau sowie die eigene Mutter mitfliegen. Sieben Personen, zwei Wochen, Ferienhaus mit Pool.)
Kennen Sie Alleinerziehende, die das Thema Haus und Garten ähnlich beherzt abhandeln wie der Autor, nämlich so: “Ich werde mich in meinem Leben mit dem Haus nicht mehr auseinandersetzen. Ich werde mich bis zum Ende meines Lebens mit meinem fetten Arsch in die Hollywoodschaukel setzen und das, verfickte Scheiße, einfach nur genießen.”?
Ich glaube Herrn Bojcan unbesehen, dass er ein guter Vater ist, der seine Kinder liebt und Freude an der Vaterrolle hat. Auch das Geld sei ihm von Herzen gegönnt. Es ist nur so, dass die oder auch der durchschnittliche Alleinerziehende eine ganze Menge anderer Probleme hat, als seinem Kind zum Geburtstag den perfekten Kuchen zu backen. Das ganze Existenzielle, das das Großziehen von Kindern ohne Unterstützung durch einen Partner in Deutschland so hässlich und ätzend macht, spielt im Hause Bojcan schlicht keine Rolle. Es gibt in Deutschland keinen höheren Risikofaktor für Altersarmut, als allein ein Kind aufzuziehen. Wie Herr Bojcan uns gleich zu Beginn (und alle paar Seiten wieder) wissen lässt: Er hat eine tolle Karriere, er hat einen großes Haus und einen Garten und keinerlei finanzielle Sorgen. Sich vor diesem Hintergrund das “alleinerziehend, ach so schlimm”-Mäntelchen umzuhängen und sich damit auf dieselbe Stufe zu stellen wie die unzähligen Solo-Mütter, für die schon ein unvorhergesehenes Extra wie Marken-Jeans oder Waschmaschinenreparatur oder gar Klassenfahrt die Kasse irreversibel sprengen würde, finde ich da schon etwas befremdlich. Das ist Jammern auf olympischem Niveau.
Überhaupt stieß mir das ewige Geschmücke mit dem Papa-Label nach der neunten Wiederholung ziemlich auf. Ja, wir wissen’s jetzt, du hast vier Kinder, und die ziehst du alleine groß. Jedenfalls drei davon. Aber sonst: vier Kinder, ja doch. Und alleine. Und voll anstrengend, und Riesenaufgabe, weil: vier Kinder, und alleinerziehend. IST GUT JETZT. Letzten Endes ist das die Lebenssituation unzähliger Menschen in Deutschland, es ist nicht so fucking special, Diggi. Und wie gesagt, geschätzt 90% davon haben’s längst nicht so kuschelig wie du.
Dann, die Depression. Herr Bojcan stellt im Rahmen seiner Therapie fest, dass er offenbar seit seinem elften Lebensjahr depressiv ist. Zum einen halte ich das für eine vergleichsweise haltlose Behauptung – da wird es im Verlauf seiner Kindheit und Jugend immer mal wieder depressive Phasen, auch behandlungswürdige und –bedürftige, gegeben haben, aber eine jahrzehntelange andauernde schwere Depression? Nee, Diggi. Glaub ich nicht. Zumal du dir nebenbei auch noch eine fette Karriere im künstlerischen Sektor aufgebaut hast, das packt ein schwer Depressiver nicht, den, wie du ja selbst sagst, schon der Einkauf im Supermarkt überfordert. Das fand ich ein bisschen undifferenziert; da hätte nochmal jemand mit entsprechendem medizinischen Hintergrund drübergehen müssen. (Überhaupt, Grüße ans Lektorat: Da erzählt uns Herr Bojcan, dass er vor dem Griechenland-Urlaub acht lange Jahre nicht weggefahren war, beklagt aber gleich im ersten Kapitel einen extrem un-genossenen Rom-Urlaub aus dem Jahr 2020. Guten Morgen.)
Zum anderen: Das bleibt alles recht blass. Ich hätte gern, wenn er dieses Fass denn schon aufmacht, noch ein bisschen mehr über die Vorgeschichte von Herrn Bojcan erfahren, nicht nur die Beschreibung, dass er als kleiner Junge mal traurig am Fenster der großmütterlichen Wohnung gestanden hat. Klar ist es denkbar, dass Kindheitsgeschichten und dergleichen nicht zum Paket gehören und der Autor sich einfach nicht so tief ins Wohnzimmer gucken lassen will, bloß: Dann lass diese Tonne zu. Der kleine Junge am Fenster, das ist ein starkes Bild, unbestritten, aber der allein macht den Kohl nicht fett. Wenn man für sich in Anspruch nimmt, über dreißig Jahre depressiv gewesen zu sein, sollte man das vielleicht auch noch mit dem ein oder anderen Beispiel untermauern, einfach, um den Leser tiefer eintauchen zu lassen in die Problematik und die eigene Geschichte.
Letzten Endes ist das Buch so nämlich ruckzuck erzählt – Single-Vater mit vier Kindern stellt fest, dass es ihm psychisch nicht gut geht, absolviert schnell mal acht Wochen Therapie und fühlt sich hinterher besser als seit vielen Jahren. Das ist alles. Die Abläufe sind einfach und flott, es gibt weder nennenswerte Hürden noch Rückschläge, und der Erfolg steht aufgrund der Erzählstruktur nicht nur von vornherein fest, seine Dauerhaftigkeit wird auch nicht weiter angezweifelt – die Erfahrungen des typischen psychisch Kranken bildet das natürlich in keinster Weise ab. Die Zeit in der Klinik bleibt auf Anekdotenniveau, inklusive lustiger Gespräche mit Co-Patienten und ulkiger Therapiegruppen. Was die Klinik ihm konkret an Hilfestellungen an die Hand gegeben hat, insbesondere in Sachen medikamentöser Einstellung, bleibt extrem schwammig; würde ich als Betroffener aktuell darüber nachdenken, mich in Behandlung zu begeben, wäre mir das schlicht zu dünn und unsachlich.
Herr Bojcan spricht einige der verbreiteten Ängste an, etwa die, nach erfolgreicher Therapie nicht nur die Depression, sondern seine Kreativität und Aspekte seiner Individualität und seines Selbstverständnisses gleich mit zu verlieren, bügelt diese Überlegungen aber direkt wieder ab; da hätte ich mir ein bisschen mehr Tiefe gewünscht. Auch die Tatsache (und daraus entstehende Ängste), dass eben nicht jeder geheilt aus der Therapie geht, fällt unter den Tisch. Passt nicht in das Weltbild des Buches, hier wird man geheilt und fröhlich, und sollte die Depression doch nochmal zurückkommen, lässt man sich halt wieder was verschreiben und ist nach zwei Wochen wieder happy. Ja, wär schön, wenn’s so einfach wäre…
Was mich dann aber endgültig vergrätzt hat, waren Herrn Bojcans Worte zum Thema ärztliche Versorgung/Krankenversicherung. Auch hier ging es wieder um den Aspekt des (Über)Privilegs; immerhin ist dem Autor an dieser Stelle bewusst, wie gut es ihm geht, denn: Normalsterbliche warten ewig auf einen psychiatrischen Termin, Privatversicherte… not so much. Und Herr Bojcan? Natürlich bei den Privaten, weil: Er wollte nur das beste für seine Kinder. An dieser Stelle einmal ein herzliches WTF?!? (verhält es sich in Berlin tatsächlich so, dass kranke Kinder mit gesetzlicher Versicherung in Sachen ärztlicher Versorgung nicht besser dran sind als Slumbewohner in Bogota? So lässt Herr Bojcan es zumindest klingen), richtig geschmäcklerisch wird es aber, als Herr Bojcan von seiner früheren Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse erzählt, damals, als er noch nichts verdiente und sich dort ergo für einen Appel und ein Ei versichern konnte. Damals war das gut genug, jetzt aber nicht mehr, gleichwohl er im selben Abschnitt beteuert: “ich würde mir wirklich wünschen, dass das überall so läuft wie bei der Künstlersozialkasse, dass man einfach sagt: ‘Wer mehr verdient, knallt auch mehr rein.’ Das würde bedeuten: Ich zahle weiterhin dasselbe, was ich jetzt zahle, bin aber gesetzlich versichert und kann durch meinen hohen Beitrag andere Familien unterstützen, die vielleicht nicht so viel einzahlen können.” Ja genau, Diggi, das nennt man “Solidaritätsmodell”, und das funktioniert auf lange Sicht tatsächlich nur, WENN REICHE SÄCKE WIE DU SICH NICHT ABSEILEN. Du bist Teil des Problems, Diggi, das ist dir schon klar, oder? Künstlersozialkasse, ja klar, geiles Konzept, voll gerecht – UND WARUM BIST DU DANN KEIN MITGLIED, du “alter Punk”, du??
Depression ist scheiße, schlimm und schrecklich, keine Diskussion. Das wusste ich aber schon vor der Lektüre dieses Buches. Aus “Glaube nicht alles” nehme ich vor allem mit, dass das Leben, auch und gerade mit Depression, viel, viel einfacher läuft, wenn man richtig gut verdient – auch das keine neue Erkenntnis. Wie gesagt, das Geld sei Herrn Bojcan gegönnt, es ist ihm nicht in den Schoß gefallen, sondern (wie bei erfolgreichen Künstlern generell) das Ergebnis harter Arbeit und einer ordentlichen Portion Glück. Mich nervt nur, dass das Buch von Autor und Verlag als “Du bist nicht allein”-Fibel für Depressive vermarktet wird, dabei aber die Lebenswirklichkeit der Zielgruppe weder abbildet noch mit in Rechnung nimmt. Depressiv zu sein, ist schon das Gegenteil von spaßig; depressiv und alleinerziehend, das geht schon in Richtung Super-GAU. Da ist es dann IMO nicht wirklich hilfreich, wenn der Typ, der einem als Hoffnungsspender oder was auch immer präsentiert wird, davon schwadroniert, wie er halt einfach den Druck rausnimmt, indem er seinen Garten von einem Profi machen lässt. Danke, Diggi.
Sprachlich ist das Buch bestenfalls na ja. Der schnoddrige Ton stört mich überhaupt nicht, auch der Humor ist nett, aber ein großer Stilistiker ist Herr Bojcan nicht. Da hätte das Lektorat noch gern etwas Feinschliff betreiben dürfen; man stolpert immer wieder gegen Sätze, die einfach nur undurchdacht und schief sind: “Entweder war der Rücken verspannt oder es war ein Nerv eingeklemmt, weil ich eine Getränkekiste angehoben hatte oder husten musste und zack, Nerv eingeklemmt.” Man sollte eine gewisse Resilienz gegenüber “Diggi” und ähnlichem Dödelsprech mitbringen, sonst wird man hier nicht glücklich. Eindeutiges Lieblingswort des Autors übrigens: “dann”. Laut Kindle erscheint das Wörtchen “dann” 508mal im Text. Was viel ist für ein Buch, das nicht mal 200 Seiten auf die Waage bringt.
Überhaupt, die Länge. Mir gefiel die erste Hälfte des Buches deutlich besser als die zweite, ab einem bestimmten Punkt beschlich mich das Gefühl, dass hier und da doch kräftig auswattiert wurde – nicht unbedingt zum Vorteil des Autors (siehe das Krankenkassen-Kapitel). Man erfährt etwa einiges zum Thema Maniküre (schicke Sache und gar nicht so teuer) oder Gartenarbeit (hat der Autor keinen Bock drauf und sich entschieden, das bei Gelegenheit an einen Gärtner zu delegieren, “und dann macht der das so, wie ich es mir vorstelle, und fertig ist die Laube.”). 192 Seiten sind nicht viel, aber auch die wollen gefüllt werden.
Ob man dafür dann 20 Euro (17 für das Ebook) hinblättern möchte, muss jeder selbst entscheiden. Ich persönlich hätte eine Rückerstattung angefordert, hätte ich das Buch für mich gekauft.
Meinen Dank an Netgalley und den Verlag für die Bereitstellung eines Leseexemplars; leider hätte das Buch m.E. etwas mehr Substanz und Struktur gebraucht, um richtig gut zu werden.