Eine bislang weitgehend ignorierte Diskriminierungsform prägt unsere Gesellschaft fundamental: Klassismus. Diskriminierung aufgrund von sozialer Herkunft und Position wirkt schon vor der Geburt und bis über den Tod hinaus. So ist etwa der Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung davon geprägt, und selbst die Art, wie wir bestattet werden. Klassismus kann sogar lebensbedrohlich werden. Und die längerfristige gesellschaftliche Entwicklung verschärft die sozialen Unterschiede, die Schere zwischen Arm und Reich geht seit Jahren immer weiter auseinander: In Deutschland z.B. verfügt gegenwärtig das reichste Zehntel der Bevölkerung über 65 % des Gesamtvermögens, während die untere Hälfte nur 1 % besitzt. Die Schranken zwischen den Klassen werden immer unnachgiebiger. Es ist also unabdingbar: Wir müssen über Klassismus reden!
Ich habe mir dieses Buch als Leseexemplar bestellt, weil ich hoffte, dass es mit seinen etwa 130 Seiten für 9€ ein sinnvolles Angebot für die Menschen wäre, um dessen Ungleichbehandlung es in diesem Text in elf kurzen Kapiteln geht. Unter anderem auch, weil es in der Vorschau von Christian Baron gelobt wurde, dessen Beiträge zum Thema Klasse bzw. „Klassismus“, die ich bisher gelesen habe („Proleten, Pöbel, Parasiten“, „Ein Mann seiner Klasse“, „Faul, Frech, Dreist: Die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit durch BILD-Leser*innen“) ich bisher sehr interessant fand. Da ich die unter anderem von ihm herausgegebene Anthologie „Klasse und Kampf“ noch nicht gelesen habe, in der auch ein Beitrag von Francis Seeck ist, kann ich nicht sagen, ob er von seinen mir eigentlich bis dahin vergleichsweise stringent argumentiert erscheinenden Beobachtungen nun abgekommen ist. Es hat von vornherein einiges darauf hingedeutet, dass dieses Buch mehr Fragen als Antworten liefern würde aber die Art und Weise wie der Themenkomplex angegangen wird und der Schreibstil haben mich doch überrascht... Positiv zugutehalten möchte ich dem Buch, dass viele der Fragen, die es stellt, durchaus wichtig und nicht uninteressant sind. Die Umsetzung allerdings... Also wenn man in elf von elf Kapiteln über die Ungleichheit in der Klassengesellschaft redet, als ob die Lösung des Problems bessere Aufstiegsmöglichkeiten und die Sensibilisierung der klassenprivilegierten Menschen wäre... und nicht die Abschaffung der Klassengesellschaft überhaupt und eine gerechte Welt, in der alle Menschen nach ihren Fähigkeiten überleben und leben können und dabei angemessen versorgt werden... um dann im letzten Absatz des elften Kapitels und dann im abschließenden Appell zu behaupten genau das wäre eben nicht der Ansatz des Buches gewesen... Na, da frage ich mich dann ob entweder ich für dumm verkauft werden soll oder die Person, die das Buch verfasst hat gar nicht merkt, dass sie die eigenen Positionen augenscheinlich nur im Abstrakten vertritt und nicht im Konkreten. Diese rhetorisch-inhaltliche Widersprüchlichkeit zieht sich durch das gesamte Buch. Es ist voll von Anglizismen, die nicht oder unzureichend erklärt werden, Neologismen, die ähnlich wenig erklärt werden oder nachvollziehbar sind (wieso sei z.B. „einkommensarm“ weniger klassistisch als „einkommensschwach“? Zumal diese Wortschöpfung auch völlig ungelenk klingt...) und kritisiert ebendieses Phänomen dann ohne jegliche erkennbar selbstkritische Eigenwahrnehmung. Unklar war mir dabei bis zum Schluss, wer für das Zielpublikum dieses Buches gehalten wird. Wen soll das ansprechen? Adressiert werden größtenteils Menschen, die vermeintlich „Das Mikrofon weiterreichen“ sollten oder ihren Klassismus reflektieren sollten, während über Betroffene größtenteils aus Fallbeispiel-Perspektive berichtet wird, mit mehr oder weniger sinnvollen Zitaten und Einschüben. Insgesamt schien mir das Buch unbeholfen und unentschlossen. Dass beispielsweise erst das letzte Kapitel den Kapitalismus zum Hauptthema macht, während vorher Marx‘ Analysen, vermutlich stellvertretend für die marxistische Wissenschaft überhaupt, als unzureichend abgetan wurde ohne dass auch nur ein einziger Text von ihm rezipiert wurde, ist mehr als irritierend, es ist peinlich. Das insgesamt grobe Missverständnis oder aber die schockierende Unwissenheit über die Geschichte des Klassenkampfes, der dem Kapitalismus entwachsenen Arbeiterklasse, der nationalen und internationalen Arbeiterbewegungen geht auch daraus hervor, dass in einer vermeintlich progressiven aber faktisch ahistorischen Klitterung, eine „Entdeckung“ des Phänomens, das der Klassismusbegriff zu beschreiben sucht, in den subkulturellen Kämpfen feministischer und sozialistischer Bestrebungen der Siebziger Jahre in den USA verortet wird. Wenn auch schwarze Feministinnen das Konzept „classism“ entwickelt haben mögen, ist dessen Gegenstand, also der Klassenhass, natürlich so alt wie die Klassengesellschaft und im speziellen der Kapitalismus selbst. Dass sich seit der Industrialisierung niemand mit der Entmenschlichung unterdrückter Menschen verschiedenen Geschlechts und verschiedener Herkunft und kultureller Zugehörigkeit beschäftigt haben sollte, bis es US-amerikanische Feministinnen endlich taten und die Klassenfrage von ihrer „männlichen Weißheit“ befreit hätten, ist hanebüchen. Das ist fachidiotisch und ahistorisch blind für historischen Kontext außerhalb subkultureller/queerfeministischer Ansätze zur Erklärung der Welt. Insgesamt ist das Buch trotzdem nicht schlecht und enthält einige interessante Gedanken, Zahlen und Verweise auf Statistiken. Dennoch scheint es mir alles in allem sein eigenes Ziel zu verfehlen, insbesondere weil es die Klassenförmigkeit der Gesellschaft nicht richtig begreif und insofern immer wieder Ursache und Wirkung nicht erkennt, geschweige denn auseinander halten kann. Ich würde es nur unter Vorbehalt und mit deutlichen Hinweisen auf seine Schwächen empfehlen können. Interessierten, die sich bisher nicht oder kaum mit dem Thema Klasse beschäftigt haben, würde ich es wahrscheinlich eher nicht empfehlen, da es mehr irreführt als soziologische oder ökonomische Einsicht zu ermöglichen.
Francis Seecks Buch hält, was es verspricht und liefert auf rund 100 Seiten einen gut verständlichen Einstieg in das Thema Klassismus. Dabei finden neben allgemeineren Themen auch spezifische Aspekte für den deutschen Kontext Erwähnung, bspw. das dreigliedrige Schulsystem, Hartz 4 oder die Verschränkung von Klassismus und Ostdiskriminierung. Wer sich intensiver mit dem Thema Klasse und Klassengesellschaft befassen möchte, findet am Ende eine ausführliche Quellen- und Literaturliste, die zum Weiterlesen einlädt.
Bei der Buchpremiere in Berlin sagte eine Person aus dem Publikum: "Das ist das Buch, auf dass ich mein Leben lang gewartet habe!" Dem möchte ich mich anschließen. Francis Seeck spannt in diesem glasklar geschriebenen Buch einen Bogen von der Wiege bis zur Bahre und zeigt auf, warum es in der Klassengesellschaft unabdingbar ist, sich mit Klassismus auseinander zu setzen und diesen zu bekämpfen. Mit einem solidarischen und differenzierten Blick, beschreibt Seeck die Auswirkungen klassistischer Unterdrückung auf diejenigen, die am wenigsten vom Kapitalismus profitieren. Dabei macht Seeck deutlich: "Klassismus ist eine Ideologie, die die kapitalistische Klassengesellschaft und die Ungerechtigkeit, Gewalt und Ausbeutung, die mit ihr einhergehen, aufrechterhält." und schließt: "Es geht also nicht darum, Leute individuell zu ermächtigen aufzusteigen, sondern um Empowerment und kollektive Selbstorganisierung mit dem Ziel grundlegender struktureller Veränderung." "Zugang verwehrt" kommt auf meine immer-wieder-lesen und all-time-Geburtstagsgeschenk Liste!
Ich setze mich schon viele Jahre mit Klassismus und der Klassengesellschaft auseinander. Deshalb freut es mich, dass gerade viele Bände dazu entstehen. Seecks "Zugang verwehrt" ist auf jeden Fall niedrigschwellig und leicht zu lesen. Man kann sich darüber streiten, ob es wirklich Streitschrift genannt werden kann, fehlen doch überwiegend konkrete Forderungen jenseits des allgemein bekannten und abstrakten Appells, Barrieren in der Klassengesellschaft abzubauen. Das Buch untergliedert sich in viele "Kapitel", die sich unterschiedlichen Themen widmen und in der Regel nur 2 bis 3 Seiten lang sind. Dabei wird häufig Ursache und Wirkung verwechselt, etwa im Kapitel zu Gentrifizierung. Es kommt zu massiven Verkürzungen und meines Erachtens nach Fehlrezeptionen, wenn Bourdieu und Marx gegeneinander aufgespielt werden. Im Kapitel zu Klassismus im Theater wird individualistisch Argumentiert und die Strukturebene der Klassengesellschaft ausgespart. An vielen Stellen ist das Buch redundant (was aber auch gut sein kann, um sich die Inhalte besser einzuprägen) und verwendet ein uneinheitliches Vokabular, was mich persönlich verwirrt hat. Mir hat das Buch keine neuen Erkenntnisse gebracht, eher sogar den Willen hervorgebracht, tatsächlich gegen die Streitschrift zu streiten, aber eben nicht auf der Basis einer gemeinsamen Gesprächsgrundlage sondern aufgrund der starken Verkürzungen und Verdrehungen. Ich persönlich finde das vor allem dann gefährlich, wenn sich nicht erfahrene Lesende an das Buch machen und sie keine anderen Debattenbeiträge kennen, um die Darstellungen in Zugang verwehrt kritisch einzuordnen. Ich empfehle in diesem Fall Andreas Kempers und Heike Weinbachs "Klassismus. Eine Einführung" oder Klassiker der feministischen Working Class Studies aus dem englischsprachigen Raum. Man muss Seeck zu Gute halten, dass bereits zu Beginn der Streitschrift betont wird, keine wissenschaftliche Einführung sein zu wollen. Trotzdem wird eben an einigen Stellen mit wissenschaftlichen Quellen argumentiert, die dann zumindest doch genau eingesetzt werden sollten, zumal Seeck mit diesem Buch derzeit an viele Bildungseinrichtungen geht und eben die im Buch festgehaltenen Gedanken vorstellt.
Guter Einstieg in Klassismuskritik mit Anleitung zum eigenen Reflektieren und Aktivwerden. Die Erklärungen, wie Klassismus soziale Ungleichheit fördert, geraten leider manchmal sehr kurz. So wird noch nicht deutlich, WARUM das problematisch ist. Aber so bleibt das Buch sehr gut für alle mit Neugierde lesbar.
Hat mir nicht gefallen. Viel zu viele Behauptungen ohne Erklärung oder Begründung. An einer Stelle berichtet sie von einer Lehrerin, die in einem "sozialen Brennpunkt" arbeitet und angepöbelt und sexuell belästigt wird und deren Erfahrungen ziemlich schrecklich sind. Ihre Erwiderung darauf ist: Schlimm, dass es solche Vorurteile und Klischees gegenüber armen Menschen gibt! Äh....? Das sind ihre Erfahrungen. (Und diese Erfahrungen und Erlebnisse kenne ich auch von anderen Lehrer*innen.) Da geht die Autorin aber mit keiner Silbe drauf ein. Das Bildungssystem ist böse und lässt die Menschen aus unteren sozialen Schichten chancenlos zurück. Dass die meisten Lehrer*innen zum Teil mal sehr enthusiastisch allen und jedem helfen wollten, und sich irgendwann kaum mehr an ihren Arbeitsplatz trauen und völlig desillusioniert sind, wird dagegen nirgendwo erwähnt.
Interessant fand ich die Gedanken zum Thema kulturelles Kapital. Auch dass Kultur immer nur das ist, was die bürgerliche Oberschicht dafür hält, fand ich einen guten Ansatz. Hier wird aber behauptet, dass das was untere soziale Klassen an Kultur haben, nicht als solche wahrgenommen oder anerkannt wird. Aber was ist z.b. mit Rap, HipHop oder Grafitti-Kunst? Was ist mit Mundart-Theater?
Insgesamt viele Behauptungen ohne Kontext, ohne Erklärung, die mir teilweise nicht stimmig erschienen.
Ansonsten bin ich vor allem froh, dass ich durch dieses Buch auf andere Bücher gestoßen bin, die mir viel besser gefallen haben. Christian Baron's "Ein Mann seiner Klasse" zum Beispiel.
"Marx' Verständnis von Klasse betrachtet allerdings nur ökonomische Verhältnisse. Bei Klasse geht es, wie der Soziologe Pierre Bourdieu 1982 beschrieb, jedoch um den Zugang zu oder das abgeschnitten sein von verschiedenen Formen von Kapital. Eines davon ist das ökonomische Kapital, das Marx analysiert." (S. 26)
"Klassismus kann und sollte allerdings nicht nur auf der Ebene der Sprache und Anerkennung begegnet werden. Denn es geht zusätzlich um jenen strukturell verankerten Klassismus, der eingeschrieben ist im Gesetz, ins Gesundheitssystem, in die Familienpolitik, ins Bildungssystem, um nur einige Beispiele zu nennen. Naheliegende Maßnahmen umfassend eine Vermögenssteuer, eine Erbschaftssteuer, die Erhöhung des Mindestlöhne, die Abschaffung von Hartz IV, die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystend; eine weitere ist die Aufnahme vin sozialer Herkunft und sozialem Status als Kategorie in das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Langfristig gesehen sollten wir für ein Wirtschaftssystem kämpfen, das weder Menschen noch andere Lebewesen ausbeuten, das die Belastungsgrenzen der Erde achtet und in dem die Bedürfnisse aller im Mittelpunkt stehen - und nicht die Kapitalinteressen weniger. Kapitalismus ist ein ungerechtes Wirtschaftssystem." (S. 101)
Wichtiges Thema aber das Buch bringt dazu leider nur wenig Neues. Der Inhalt ist grossteils deskriptiv, Lösungen werden nur kurz am Ende auf einer Seite angesprochen.