Jan Kraus ist Sterbebegleiter. Tag und Nacht kümmert er sich um Menschen, deren Tod bevorsteht in deren eigenen Wohnungen. Überfahrt nennt er es, die Menschen, die er begleitet sind seine Matrosen. Aber der 99-jährige Winterberg ist noch nicht so weit, er will mit sich ein paar Dinge auf einer letzten Reise klären, die die beiden durch das ehemalige Österreich-Ungarn führen.
Winterberg und Kraus stammen beide aus Böhmen, der eine als deutschsprachiger, der andere als tschechischsprachiger Böhme. Aber nicht nur die Herkunft verbindet sie, beide haben etwas in ihrer Vergangenheit, über das sie nicht sprechen können, das sie zu vergessen suchen. Zunächst bemerkt man jedoch die Unterschiede.
Winterberg ist ein Eisenbahnfan und leidet an „historischen Anfällen“ wie er es nennt. Für ihn begann der Untergang 1866 mit der Schlacht bei Königgrätz, aber 1913 war für ihn die Welt noch einigermaßen in Ordnung. Deshalb liebt er den Baedecker-Reiseführer aus diesem Jahr, mit dem sie die Reise unternehmen. Es ist eine besondere Reise, in der der Leser nicht nur einiges über Orte der ehemaligen k. u. k.-Monarchie erfährt, sondern sehr viel über Eisenbahnbauten, Eisenbahnpioniere, über Kriege und Schlachten, über die Feuerbestattung und über Friedhöfe, über die Ermordung des Kronprinzen und die Trottel der Geschichte. Und nicht zuletzt über persönliches Schicksal und persönliche Schuld, die sich nicht verdrängen lässt.
Der Schreibstil ist außergewöhnlich. Winterberg ist ein äußerst anstrengender Protagonist. Er redet nicht nur ununterbrochen, in dem er z. B. lange Passagen aus dem Baedecker vorliest, sondern hat eine begrenzte Anzahl von Floskeln, die sich ständig wiederholen. Da mein Opa im hohen Alter auch Sprüche wiederholte, machte es für mich die Figur Winterberg glaubhaft. Die veränderte Kombination der Floskeln, die ständig neuen Verbindungen zwischen den Themen Eisenbahn, Tod, Krieg und persönlichem Schicksal fand ich raffiniert und gut gelungen. Überhaupt ist der Schreibstil geprägt durch Anaphern, die ich in dieser Menge noch nie in einem Buch gesehen habe. Es gab Momente, da gingen mir die Wiederholungen auf die Nerven, manchmal hätte es etwas weniger auch getan, finde ich.
Besonders der erste Teil der Reise durch Böhmen löste bei mir eine Unmenge an Erinnerungen aus. Auf S. 71 z. B. heißt es „Dort ist die Burgruine Trosky, ja, ja, keiner in Deutschland kennt Trosky...“ doch, klar kenne ich Trosky von den vielen Pfingstfahrten ins Böhmische Paradies, klar kenne ich Reichenberg (Liberec) vom Winterurlaub, klar kenne ich Königgrätz (Hradec Kralové) von der Radtour an der Elbe oder Königinhof (Dvur Kralové), der Ort, aus dem mein Schwiegersohn stammt usw. Aber die Geschichte, die sich z. B. in Königgrätz abspielte, die kannte ich nicht.
Für mich ein empfehlenswertes Buch, das Orte in Mitteleuropa in den Blick rückt, die meist weniger im Blick liegen und das ein Plädoyer für die Beschäftigung mit Geschichte ist, der man nicht entkommen kann. (S. 167: „Die Menschen von heute lassen sich eher von einem stummen Eisbären im Zoo berühren als von der Geschichte, ja, ja, das macht mich ein wenig melancholisch.“) sowie ein Buch, das von Schlachten handelt und den Frieden preist. Ich hätte selbst Lust, die Orte mit dem Zug zu bereisen, aber auf S. 105 heißt es „Touristen sind die Krieger von heute, nein, die Touristen sind noch schlimmer, sie überfallen und zerstören alles.“
Noch eine kleine Bemerkung am Schluss: Rudiš als tschechischsprachiger Autor hat mit diesem Buch sein erstes Werk auf deutsch geschrieben. das ist sehr beachtlich, hätte aber beim Lektoriat etwas mehr Aufmerksamkeit erfordert. Eine noch akzeptable Menge an grammatikalischen oder Rechtschreibfehlern wurde für mein Empfinden überschritten. Schade.