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Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Sommer

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Eingestimmt werden wir mit einer appetitlich detailversessenen Meditation über Eiterpusteln, Schorf, Grind und blutig gekratzte Ekzeme. „Eigenschweißallergie“ pflegte der Doktor zu nennen, was Lukas Baumgarten die Jugendzeit vergällte, da die unschöne Flechte ausgerechnet in den Sommermonaten erblühte. Das Jucken endete, als Lukas aus der bayerischen Provinz in die Großstadt wechselte. Nach geflopptem Studium beendete Lukas als Nachhilfelehrer und Kirchendiener beim schwulen Pfarrer Stevie seinen Karrierehöhenflug. Gänzlich bergab ging es, als Paul, Lukas' demenzkranker jüngerer Cousin vom Lande, Einlass im Pfarrhaus begehrte. Da war es wieder, das Große Jucken!

„Ich will ein Nutellabrot!“ -- Während Lukas von dem 29-jährigen Riesenbaby in Windeseile genervt ist, scheint Pfarrer Stevie, der schon mal gerne Haschplätzchen anstelle geweihter Hostien reicht, regelrecht begeistert von dem schrägen Gast. Jess Jochimsen hat einen oberbayerischen „Rainman“ vorgelegt, der ganz schön bissig werden kann. Ob Schwester Lena in ihrer scheinheilen Provinzwelt, deren einzige Errungenschaft im Leben der Erwerb des Doppelnamens „Baumgarten-Küppers“ war; den sich durch den Roman ziehenden Irakkrieg und die europäischen „Pace“-Apostel, die vermittels einer 0190er-Nummer eine Minute lang bei VIVA für den Frieden schweigen dürfen -- eine ganze Zeitgeistfraktion kriegt von dem scharfzüngigen Satiriker ihr Fett weg. Seinen Helden Paul bewegt indes mehr und mehr die Frage, warum die gutbürgerliche Tante Erika ausgerechnet bei ihm ihren Sohn Paul kaltblütig entsorgt hat.

Das Geheimnis um Paul führt Lukas in die tiefsten Regionen ihrer gemeinsamen Dorf-Kindheit zurück. Es wird eine Zeitreise in eine mehr als merkwürdige Familiengeschichte. Geschickt stellt Jochimsen dabei immer wieder das große Weltgeschehen dem „Provinzmief“ seiner Akteure gegenüber -- und macht sie so zum eigentlichen Mittelpunkt der Welt. Als Pauls älterer Bruder Dietsche im Krankenhaus einen denkwürdigen Tod durch Stromschlag erleidet, scheint der Spannungsgipfel erklommen (versteht sich, dass Jochimsen sich nicht entgehen lässt, die Tragik des Geschehens durch gehörige Mengen an Lachgas zu konterkarieren, das im Krankenzimmer ausströmt und die Entdeckung des Toten zur echten Brüllnummer macht). Nicht so für den inzwischen verschwundenen Paul, für den sich die Polizei brennend interessiert. --Ravi Unger

237 pages, Paperback

First published October 16, 2005

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Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Armin.
1,207 reviews35 followers
April 15, 2014
Vier Todesfälle und keine Hochzeit

Nach zwei erfolgreichen Anekdotenbüchern im Generation-Golf-Stil wollte der Kabarettist zum Romancier upgraden und sich als eine Art deutscher Nick Hornby profilieren.
Dieser Versuch ist gründlich gescheitert, da es dem Autor an den technischen Fertigkeiten fehlt, auch wenn sich das Thema gar nicht mal so uninteressant liest.Ein abgebrochener Student, der es sich in seiner Looser-Ecke als Nachhilfelehrer und Glöckner einer evangelischen Kirche gemütlich eingerichtet hat, wird von seinem an einer seltsamen Form der Demenz erkrankten Vetter heimgesucht.
Dieser Einbruch der Vergangenheit ins Bohemien-Idyll wird zum Ausgangspunkt für eine Reise in die Vergangenheit mit zahlreichen mehr oder minder komischen bis peinlichen Erinnerungen. Die Rückreise in die Heimat führt zu Begegnungen mit Ex-Freundinnen und der plötzlich erreichbaren Superfrau von einst, die aber nun in die zuvor schon reichlich beackerte Kategorie der allein erziehenden Mütter fällt.
Schließlich wird Lukas nicht nur der Nachhilfe wegen geordert, allerdings erreicht den von Vetter Dittsche in die A-Klasse eingestuften Lukas das abgelehnte Angebot der Bundesliga-Braut auch zum denkbar falschen Zeitpunkt, denn er ist gerade mit der Sozialpädagogin Patrizia zusammen.
Allein die Art und Weise in der weibliche Hauptperson eingeführt oder auch nicht eingeführt wird, spricht Bände über die Erzählkompetenz.
In der Mitte des Buches ist Patrizia auf einmal da und im Bett und Leben von Lukas. Vielleicht wurde sie ja vorher irgendwann einmal kurz erwähnt, aber Jochimsen müllt den Leser derart mit einer Flut von Erinnerungen an schlechten Sex und peinliche Angebote zu, dass man in Sachen Frauen so dement wird wie der arme Paul und sein eigenes Merkheft führen muss, um noch durchzublicken. Insofern könnte man einen Extra-Stern für die gelungene Vermittlung des Phänomens der Demenz vergeben.
Im Verlauf der Handlung erfährt Lukas immerhin, wie banal die letzten Momente seiner Eltern vor dem tödlichen Autounfall verliefen, da sich Passagier Paul in einem lichten Moment ausgerechnet daran erinnern kann.
Und der Leser, dass die fatale Fahrt zum Baumarkt vollkommen überflüssig war. Übervetter und Hansdampf-in-allen-Gassen Dittsche wird beim Besuch beim Koma-Erbonkel Sepp von einem alten Heizlüfter zu Tode gegrillt. Der ach so teure Anverwandte lässt sich mit dem Sterben immerhin noch genug Zeit, dass Tante Erikas Überlegungen zum Rabatt beim Beerdigungsunternehmen hinfällig werden.
Natürlich gibt es die eine oder andere nette Stelle in Sachen Alltagshumor, aber da dem Romancier Jochimsen jegliches Gespür für Struktur und Erzählrhythmus abgeht, gerät sein Roman zur weitgehend zusammenhangfreien Anekdotenhopserei. Das Lesevergnügen ist in etwa so hoch, wie wenn das Nachbarskind auf dem Glockenspiel „Freude schöner Götterfunke“ hämmert.
Auch sonst lässt sich Jochimsens Dilemma für mich am besten in einen musikalischen Vergleich packen, da versucht sich jemand, der ein paar ganz nette Kinderlieder hinbekommen hat, an einer Sinfonie und legt eine ganz gewaltige Bauchlandung hin. Zum Glück ist Detlef Jöcker nie auf derartige Ideen gekommen. Jochimsen war immerhin selbstkritisch genug zu kleineren Erzählformen zurückzukehren oder den aberwitzigen Humor des Alltags abzufotografieren.
Fazit: Wer Hi Fidelity fünf Sterne gegeben hat und keinen allzu großen Wert auf Erzählrhyhthmus und eine gewisse Musikalität des Erzählens legt, könnte es vielleicht bei drei Sternen belassen, aber allein das erste Kapitel von „Hi Fidelity“, auch wenn der Roman über die volle Länge durchaus nervtötende Qualitäten entwickeln kann, macht deutlich, dass ganze Galaxien zwischen diesen beiden Erzählern liegen.
P.S. Jochimsen verweigert seinem Helden jegliche Veränderung der Lebensumstände oder den Gewinn einer Einsicht, die ihn zumindest über die Traumata seiner Kindheit wegkommen lässt. Nichts ändert sich, auch nicht Pauls Zustand, der sein Leben wohl weiterhin im Wechsel Nutte, Kloster, evangelische Kirche verbringen wird. Vielleicht ist diese Verweigerung gegenüber sämtlichen Erzählkonventionen, sogar denen des offenen Endes. ja Absicht. Aber nachdem zuvor schon alles mögliche kreuz und quer in den Roman wie in einen gestopft wurde, erscheint mir der Schluss eher als ein Symptom.
Profile Image for Anne.
165 reviews12 followers
July 18, 2011
A novel as funny, thinkful, sad and strange as life itself ... if you don't feel concerned, you cannot be alive! Really amazing German writing style, I remember to have read something similarly written years ago - and this book has shown me that I miss it. Great story, great feelings, great humor and great background.
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