Der Einstieg in Eowyn: Das Erwachen der Jägerin fiel mir anfangs etwas schwer – was allerdings weniger am Buch lag und mehr an der Tatsache, dass Müdigkeit und Lesen ungefähr so gut zusammenpassen wie „nur noch ein Kapitel“ und Schlafenszeit. Sobald ich aber wach genug war, hat mich die Geschichte richtig gepackt. Und zwar nicht erst nach hundert Seiten, sondern ziemlich zügig: Es ist fast durchgehend Spannung da, vor allem weil ständig irgendwo Geheimnisse lauern – und man genau merkt, dass keine Partei einfach nur „nett“ ist, weil sie heute mal gute Laune hat.
Eowyn als Protagonistin hat mir dabei besonders gut gefallen. Sie ist selbstsicher, kompetent und gehört zu den Besten ihres Ordens – wirkt dabei aber nicht arrogant oder unangenehm überheblich. Ihre Stärke kommt nicht aus dem „Ich bin halt die Krasseste“-Modus, sondern aus Erfahrung, Training und einem Leben, das sie geprägt hat. Genau das macht sie glaubwürdig: Sie ist nicht unverwundbar, sondern wachsam, manchmal verschlossen und spürbar gezeichnet von dem Überfall, der sie vor Jahren aus ihrer Heimat vertrieben hat. Das Trauma wird nicht ausgeschlachtet, sondern sitzt wie ein Schatten hinter ihren Entscheidungen – und macht sie als Figur umso interessanter.
Ein weiteres Plus: Im Klappentext wird nicht groß mit Romantik gewunken, und das Buch hält sich da auch angenehm zurück. Es gibt eine leicht unterschwellige Romance, ja – aber sie dominiert nicht, sie übernimmt nicht die Handlung und sie zerstört auch nicht sämtliche Logik nur, damit irgendwer „endlich mal küsst“. Stattdessen ist sie eher ein Bonus, der die emotionalen Einsätze erhöht, ohne die Geschichte zu kapern. Und genau so mag ich das.
Sehr spannend fand ich auch Eowyns Umgang mit Gefühlen generell. Sie kann damit nicht besonders gut umgehen – nicht weil sie „kalt“ ist, sondern weil ihr Leben keine Stabilität zulässt. Als Jägerin ist sie nie lange an einem Ort, Bindungen haben automatisch ein Ablaufdatum, und sie sucht eher etwas Echtes als einen kurzweiligen Zeitvertreib… wenn sie sich überhaupt Nähe erlaubt. Wenn, dann fühlt es sich am ehesten bei Harad so an – dem Leibwächter des Prinzen. Und genau das macht es für sie so kompliziert, weil Harad nicht nur „praktisch“ ist, sondern gefährlich nah an „könnte wirklich was sein“ herankommt.
Die Dynamik zwischen Eowyn und Harad ist dabei angenehm unaufdringlich. Sie lebt nicht von kitschigen Szenen, sondern von Vertrauen, gemeinsamen Situationen und der Tatsache, dass Harad ihre Grenzen respektiert, sie aber trotzdem immer wieder aus der Reserve lockt. Das ist keine Romance, die den Plot überrollt, sondern eine, die leise mitschwingt und die Figuren menschlicher macht.
Das Worldbuilding ist – wie ich es von Elvira Zeißler kenne – absolut on point. Die Universitätsstadt Xinda wirkt wie ein Knotenpunkt aus Wissen, Einfluss und Interessen, und die Welt entfaltet sich Schritt für Schritt, ohne je in Infodumps zu ertrinken. Besonders gut ist, wie viele verschiedene Parteien und Motive hier aufeinandertreffen. Man spürt ständig, dass Informationen Macht bedeuten und Vertrauen eher ein Luxus ist. Dadurch entsteht ein stabiler Spannungsbogen, der nicht nur von Action lebt, sondern von dem, was verschwiegen wird.
Auch der Plot funktioniert richtig gut. Was als Auftrag beginnt – zwei Männer sicher ins Nachbarreich eskortieren – wird schnell zu etwas Größerem, bei dem Eowyn selbst zur Gejagten wird. Die Bedrohung wirkt nicht wie ein zufällig eingesetzter Endgegner, sondern hängt spürbar mit ihrer Vergangenheit zusammen. Genau dieses Rätsel sorgt dafür, dass man nicht nur wissen will, was passiert, sondern warum. Und ja, ich liebe genau diese Art von „Da steckt mehr dahinter“-Geschichten.
Der Schreibstil ist super flüssig, und sobald man nicht mehr wie ein Zombie über die Seiten blinzelt, fliegen sie wirklich nur so vorbei. Man merkt einfach, dass Elvira Zeißler ihr Handwerk beherrscht – und dass sie es versteht, Spannung über Geheimnisse, Figuren und Weltaufbau zu erzeugen, statt nur über Daueraction.
Unterm Strich: Eowyn: Das Erwachen der Jägerin ist für mich wieder ein Beweis, warum Elvira Zeißler eine meiner Auto-Buy-Authors ist. Starke Protagonistin, stimmiges Worldbuilding, konstante Spannung und ein Hauch Romance, der nicht nervt – was in Fantasy inzwischen ja fast schon ein Kunststück ist.