Manchmal „überfällt“ es jede*n von uns: das Böse. Warum habe ich böse Gedanken? Neige ich zur Gewalt? Wie gehe ich mit ihnen um, aus psychologischer, aber auch spiritueller (in weitester Sicht) Perspektive? Die Forensische Psychiatrie hat verschiedene Erklärungsansätze für böses Handeln. Warum der Mensch aber überhaupt zum Bösen befähigt ist, bedarf einer Vernetzung mit Antworten der Entwicklungspsychologie, der Hirnforschung, Epigenetik, bei der auch der spirituelle Blick auf das Menschsein nicht fehlen sollte. Die Erfolgsautorin Nahlah Saimeh spricht in diesem Buch über das Böse in jedem Menschen. Sie profitiert dabei von ihrer Erfahrung aus ihrer langjährigen Arbeit mit Straftäter*innen. Ein spannendes Buch für jede*n der dem Bösen auf den Grund gehen und die Ursache der eigenen schlechten Gedanken finden möchte.
Ich schätze Frau Saimeh sehr und habe auch schon einiges von ihr gelesen, aber hier kann ich leider nur (wohlwollende) 2 Sterne geben.
Bereits zu Beginn des Buches, das insgesamt eher den Charakter eines Essays hat, stellt Frau Saimeh da, wie Komplex die Thematik von "gut und böse" ist und dass es zahlreicher Disziplinen bedarf, sie zu beleuchten. Und genau da liegt das Problem. Frau Saimeh verliert sich in einem leider auch nur lose thematisch strukturieren "Stream of conciousness", in dem ihre Expertise als Psychiaterin nur wenig zum Tragen kommt. Dadurch bleiben die Ausführungen oft sehr abstrakt und theoretisch. Teils entfernen sie sich auch weit vom eigentlichen Thema.
Abgebrochen habe ich aber aus einem anderem Grund. In einem Abschnitt ungefähr bei der Hälfte geht es um falsche Verdächtigungen. Hier führt Frau Saimeh unter anderem den Fall Kachelmann an und moniert, dass man nicht jede Anschuldigung sexueller Gewalt direkt glauben dürfe. Das hat mich ehrlicherweise sehr schockiert, weil ich annehme, dass Frau Saimeh das Justizsystem sehr gut kennt und weiß, wie selten solche Vorfälle sind und wie oft im Gegenzug sexuelle Gewalt ungesehen bleibt.
Hinzukommt, dass ihre Ausführungen über den Kachelmann-Prozess schlichtweg falsch sind. Das Gericht hat in seinem Urteil sehr deutlich gemacht, dass Kachelmann aus Mangel an Beweisen freizusprechen war, seine Ex-Partnerin aber keine vorsätzliche Falschaussage getätigt hat. Die Unschuldsvermutung gilt für beide Seiten - und dass Frau Saimeh hier eine Frau ohne jeden juristischen Beweis als Lügnerin hinstellt, finde ich ein starkes Stück. Das war dann der Moment, wo ich abgebrochen habe. Ich denke, ich geb das Hörbuch auch zurück, denn das war ein echter Fehlkauf.