Die US-amerikanische Autorin Lucia Berlin war lange Zeit nur absoluten Literaturnerds ein Begriff, bis sie die Veröffentlichung einer Auswahl ihrer besten Kurzgeschichten 11 Jahre nach ihrem Tod vor der absoluten Versenkung bewahrte. James Baldwin erfreut sich in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts einer vorher nie da gewesenen Popularität und Wertschätzung durch den Mainstream. Und nun reiht sich endlich auch Tove Ditlevsen in diese Reihe verkannter Genies ein. Auch sie war eine jener Autorinnen, deren Werke jahrzehntelang höchstens in Bibliotheken verstaubten, jedoch selten in die Hände einer literaturbegeisterten Leserschaft gelangten.
Und auch hier war eine Neuauflage bzw. Erstübersetzung ihres Hauptwerks, der sogenannten "Kopenhagen-Trilogie", ausschlaggebend. Mehr als 50 Jahre nach dem Erscheinen des dänischen Originals 1967 können wir nun endlich Tove Ditlevsens Autobiographie auf Deutsch und Englisch lesen.
Auch ich bekam von dem neu entstandenen Hype um diese Autorin mit und war sofort überzeugt davon, ihr Werk erkunden zu wollen. Zum einen las ich noch nie etwas von einer dänischen Autorin, zum anderen finde ich autofiktionale Werke bzw. Memoiren unheimlich spannend. Annie Ernaux, die streng genommen eine Nachgängerin Ditlevsens ist, konnte mich letztes Jahr mit Une femme begeistern.
Tove Ditlevsen wuchs im Kopenhagener Arbeiterviertel Vesterbro auf und lebte fast die ganze Zeit in der Stadt, bis sie sich 1976 mit 58 Jahren das Leben nahm. "Kindheit" ist der Beginn der Biografie eines Arbeiterkindes, das trotz Begabung nicht aufs Gymnasium durfte und dennoch bereits in jungen Jahren eine beeindruckende Schriftsteller-Karriere hinlegte. Sie schrieb Gedichte, Romane, Erzählungen, Kinderbücher und Essays. Wie sich die Sprache als Schutz zwischen Ich und Wirklichkeit schiebt, beschreibt "Kindheit" auf vielfältige Weise. Der Vater, ein Heizer, der in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos wird, hat als leidenschaftlicher Leser Verständnis für seine Tochter, auch wenn er Gedichte für "Schwärmerei" hält. Heimlich benutzt sie ihr Poesiealbum, um eigene Gedichte zu notieren, die später einmal belegen sollen, was für ein "Wunderkind" sie war.
Die "Kopenhagen-Trilogie" war eine Art Neustart nach einer tiefen Krise, wenn man bei einer Schriftstellerin, die unter Alkohol- und Medikamentensucht litt, von einer Ehe in die nächste schlidderte und die Psychiatrie als "Zufluchtsort" vor Männern und Kindern empfand, überhaupt von einzelnen Krisen sprechen kann.
Ditlevsen beschreibt, wie unterschiedlich Kindheiten selbst bei Geschwistern sein können: "Wherever you turn, you run up against your childhood and hurt yourself because it's sharp-edged and hard, and stops only when it has torn you completely apart. It seems that everyone has their own and each is totally different. My brother's childhood is very noisy, for example, while mine is quiet and furtive and watchful. No one likes it and no one has any use for it."
Ditlevsens Kindheit ist von Angst, Sorge und Beklemmung geprägt, nicht zuletzt aufgrund ihrer aggressiven und toxischen Mutter, die ihren Frust und Ärger gerne an der Tochter auslässt. Still sitzt sie neben ihrer Mutter am Küchentisch, während der Vater arbeiten und der Bruder in der Schule ist. Ihre Mutter wird jeden Moment aufspringen, und Tove weiß, dass sie still sein muss, damit die Mutter aufspringt, um einkaufen zu gehen, und nicht, um über die eigene Tochter herzufallen, mit Worten oder Taten. "I had to get dressed too, and the world was cold and dangerous and ominous because my mother's dark anger always ended in her slapping my face or pushing me against the stove."
Daher ist es naheliegend, dass Ditlevsen ihre Kindheit wie ein winselndes kleines Tier, "das man in einen Keller eingesperrt und vergessen hat", beschreibt. Für sie gilt: "Childhood is long and narrow like a coffin, and you can't get out of it on your own." Dieser Vergleich geht auf jeden Fall ins Mark. Vor allem für einen Menschen wie mich, der eine schöne Kindheit hatte. Ich würde meine Kindheit als weit und offen und voller Möglichkeiten beschreiben. Nichts wäre mir ferner als ein Vergleich zu einem engen Sarg.
Doch natürlich ist es vollkommen klar, dass Ditlevsen als Arbeiterkind und Mädchen in den 20er- und 30er-Jahre ganz andere Dinge durchmachen musste, als ich 80 Jahre später. Ich würde die "Kopenhagen-Trilogie" durchaus als feministisches Werk bezeichnen. Ditlevsen erzählt sehr eindrücklich davon, wie sie als Mädchen eingeengt und limitiert wurde. Ihr Bruder durfte die Schule fertig machen, sie nicht. Als sie ihrem Vater von ihrem Wunsch erzählt, Dichterin zu werden, antwortet dieser entgeistert: "A girl can't be a poet." Es ist diese Aussage (oder besser gesagt Absage), die Ditlevsen dazu verleitet, ihre Träume nie wieder mit jemand anderem zu teilen. Ständig vergleicht sich die kleine Tove mit ihrem älteren Bruder Edvin. Edvin ist hübsch, sie ist hässlich. Edvin ist schlau, sie ist dumm. Und ihre Unsicherheiten werden vor allem durch die Mutter stark befeuert.
Obwohl die Mutter quasi als Tyrann in Ditlevsens Kindheit auftaucht, finde ich diese Tochter-Beziehung mit am spannendsten, denn Ditlevsen führt zögerlich auch die Beweggründe der Mutter für ihr toxisches Verhalten an. Ihre Mutter war eine Frau, die sich nur zuhause machtvoll fühlen konnte. In der "echten Welt" hatte sie einen schlechten bzw. gar keinen Stand, aufgrund ihrer niederen Klasse und ihres jungen Alters; außerhalb ihrer Familie hatte sie keine Autorität. Und auch sie musste schon in jungen Jahren alles aufgeben und ihre eigene Freiheit und Bedürfnisse der Familie unterordnen. All dies entschuldigt nicht ihr ausfallendes Verhalten ihrer Tochter gegenüber, aber es erklärt es. Es passt ebenfalls ins Bild, dass Ditlevsen ihren Vater eher positiv in Erinnerung behalten hat – "Down in the bottom of my childhood my father stands laughing." – er war schließlich nicht derjenige, der die Verantwortung für die Erziehung der Kinder trug.
Obwohl Ditlevsens und meine Kindheit nicht unterschiedlicher hätten sein können, gibt es trotzdem viele Stellen, an denen ich mit ihr relaten und mitfühlen konnte, wie beispielsweise bei den universellen Ängsten und Unsicherheiten, die man als Kind (und vor allem als Mädchen) eben hat, wie dem Gefühl, nie gut genug zu sein, oder dem Gefühl, nie Liebe außerhalb der eigenen Familie finden zu können, oder der Wut Erwachsenen gegenüber, die sich nie eigene Fehler eingestehen können.
Was mich persönlich jedoch am meisten abgeholt hat, waren die Zukunftsängste, die Ditlevsen so eindrücklich beschreibt: "Whenever I think about the future, I run up against a wall everywhere, and that's why I want to prolong my childhood so badly." und "The future is a monstrous, powerful colossus that will soon fall on me and crush me." Das sind harte Sätze und doch fühle ich sie ganz tief in mir drin. Und all den Leuten, die stets zu sagen pflegen, "ach, das wird schon alles", möchte man entgegenschreien, dass es eben nicht immer so glimpflich ausgeht. Tove Ditlevsen wurde von der Zukunft erdrückt. Von unzähligen, unglücklichen Ehen, von einer Medikamentensucht, die sie in die Klinik trieb, und schließlich in den Tod. Es ist nicht immer "Ende gut, alles gut". Das Leben ist verdammt schwierig und es kann verdammt schrecklich sein.
Ditlevsens Prosa ist feinsinnig und brutal, genauso wie ihr Leben. Sie holt Vergangenes ganz und gar in die Gegenwart. Und so hat es ihr Werk mehr als verdient ebenfalls zurück in die Gegenwart geholt und gefeiert zu werden. Was für eine brillante Wiederentdeckung! "Kindheit" ist der furiose Auftakt und kurioserweise mein liebster Band in dieser Trilogie.