Von Alfred Polgar in ein herrliches, immer noch frisches Wiener Idiom übersetzt, unter welchem Grad der Entstellung weiß ich nicht zu sagen, aber das Resultat ist doch so verzüglich, dass man es allenfalls eine Verbesserung nennen müsste. Das Stück ist keinesfalls gealtert, wenn auch das Milieu total, und zwar restlos, verschwunden ist aus dieser Welt. Die Hauptfiguren Julie und Liliom benehmen sich beide so seltsam, und handeln dabei doch eigenartigerweise so zutiefst menschlich, dass man sich in ganz befremdlicher Weise angerührt fühlt. Eine bittersüße, melodramatisch bis tragische Groteske.
Die Figuren in diesem Stück sind beide von einer tiefen Verkümmerung und Abstumpfung des Gefühls bis hin zur Todessehnsucht, jener Empfindung, die nach Ausfall aller anderen, höheren, stets zurückzubleiben pflegt, befallen. Sie handeln als vollkommen autistische (im eigentlichen Sinne) Automaten. Julie trifft einen Mann, einen schlechten Mann, wohl etwas fesch, lässt sich seinetwegen, den sie erst seit wenigen Minuten kennt, in denen er sie bloß sexuell belästigt und angepöbelt hat, feuern und schließlich schwängern. Er wiederum ist ein Schurke, wie Julie ein zur Verbalisierung und Verarbeitung seiner Gefühle vollkommen unfähiger Mensch, der aus stummer Verzweiflung und Selbsthass ebenso wie Julie sich von einem Unglück ins nächste reiten lässt, und wenn ihm etwas Gutes begegnet, es sofort vernichtet. Er weigert sich, Hausmeister zu werden, sie weigert sich, zu heiraten; er lässt sich zum Raubmord überreden, sie sich zur Hochzeit. Der Schlüsselsatz fällt eigentlich ganz am Schluss:
Luise. Aber sag, Mütterchen, ist es dir jemals passiert, daß dich jemand geschlagen hat, und du hast es nicht gespürt?
Julie. Ja, mein Kind, das ist mir schon passiert. (Pause.)
Luise. Ist es denn möglich, daß man einen heftigen, einen so ganz furchtbar heftigen Schlag bekommt ... und daß es doch gar nicht weh tut?
Julie. Es ist möglich, mein Kind ... daß einen jemand schlägt ... und daß es doch gar nicht weh tut...
Am Ende ihrer seltsamen Allianz steht also, trotz der unbeholfenen Liebesbekenntnisse, die eher ein Versuch, sich selbst in einer solchen Konstellation zurechtfinden zu wollen, denn als ein unverfälschter Ausbruch des tiefen Gefühls erscheinen, nichts weiter da, als die schreckliche - einem damaligen Publikum in dem Wortlaut wohl romantisch anheimelnde - Feststellung, nie wirklich eine starke Gefühlsregung (miteinander?) empfunden zu haben, in einer solchen Gefühlstaubheit sich zu befinden, als dass selbst der Schlag des vermeintlich liebsten Menschen auf Erden einen eigentlich nicht wirklich angerührt hat.
Es ist eine Art Anti-Tristan und Isolde, und wie jedes Negativ im Grunde identisch; in der Maskerade einer irrationalen Amour fou tritt hier eine vollkommen grundlose, für alle Beteiligten höchstgradig verwirrende mutwillige Koexistenz auf, die nichts bedeutet, im Leben von Menschen, die nichts bedeuten, und auf ihr eigenes Ende hinausläuft. Wie auch der Tristan - an einem zynischen Tage betrachtet - ein sinnloses Leid ist, zwei Menschen, die einander nicht leiden können, die durch ein magisches Missgeschick dazu gezwungen sind, einander unter ekstatischen Qualen zu lieben bis in den sinnlosen Liebestod - war's denn das wirklich wert, für DIESEN andern zu sterben -, von der o herniedersinkenden Nacht der Liebe bis zur höchsten Lust beim Ertrinken in des Welt-Atems wehendem All, widerfährt ebenso keiner dieser Figuren etwas wirklich schönes oder gutes, sind sie beide gemartert durch und gefangen in der Unfreiheit des Willens und der grundlosen Bindung aneinander. Der Nihilismus geht soweit, dass sogar der HIMMEL bei Polgar eine dröge Bürokratie ist, die eine nach irgendwelchen beliebigen Kriterien festgelegte "Gerechtigkeit" für ein jedes Individuum zu schaffen beauftragt ist, eh es... ja, was eigentlich? Wohl zu existieren aufhört. Zwar ist der Himmel überkonfessionell, aber doch hat er, bemerkenswerterweise, schrecklicherweise, ein Fegefeuer. Liliom möchte, wie er sagt, bloß "schlafen", aber er wird noch zu einer guten Tat verdonnert, zu der er tatsächlich nicht imstande ist. Was passiert dann weiter mit ihm, dem gescheiterten? Wir wissen es nicht. Wird er für ewig im Fegefeuer brennen, für immer gefangen sein müssen in seinem kleinen, phantasielosen Kopf, in seinem stumpfsinnigen Selbsthass?
Es ist bemerkenswert, dass solch ein beklemmendes, nihilistisches Stück, wie der Liliom es ist, einen so vulgären, betulichen Kitsch wie das Rodgers und Hammerstein-Musical "Carousel" anregen konnte, und vielleicht doch ein Argument gegen das amerikanische Musiktheater, dass dieses noch dazu als Meilenstein der Form gilt. Aber vielleicht ist der Kitsch nicht per se unedler als die ebenso kleinbürgerliche lebensfeindliche Haltung, die sich diesem Stück transportiert; es ist bloß die ehrlich-niederträchtige Darstellung der Niedertracht als solche weit angemessener als die verlogen-niederträchtige Verklärung der Niedertracht als romantische Verruchtheit, und einzig erstere geeignet, ein Werk von Größe hervorzubringen.