Ich habe etwas Seichtes erwartet, doch das kleine Buch überraschte mich mit einem stimmungs- und anspruchsvollen Beginn. Ein blinder Straßenverkäufer in Griechenland macht den auktorialen Ich-Erzähler. Er hört Stimmen und Geräusche an verschiedensten Orten des Geschehens, beamt mich nach Frankreich (wo der Eisenbahner, Motorradfahrer und Vater Jean lebt), in die Slowakei (wo die Ingenieurin, Ideologin und Mutter Zdena lebt) und nach Italien (wo Gino sich in Ninon verliebt).
„Blindheit ist wie das Kino, weil dessen Augen nicht zu beiden Seiten einer Nase sitzen, sondern immer da, wo es die Geschichte verlangt.“
Und so gelingt es Berger fließend, interessant, poetisch, dass nicht nur Orte, sondern auch Perspektiven wechseln, dass nicht nur Stimmen, sondern auch Gedanken gehört werden, von denen die meisten um Ninon kreisen.
Ihr, Ninon, der Hauptfigur, gehört eine weitere Ich-Stimme. Sie ist 24 Jahre alt, hat sich gerade verliebt und fühlt sich am Beginn von Etwas, da erfährt sie, dass sie HIV-positiv ist und also viel zu früh am Ende anlangt.
„Ich habe nichts. Alles, alles, alles, alles, alles, was ich hatte, ist mir genommen.“
„Die Gabe, mich zu geben, ist mir genommen. Wenn ich mich biete, biete ich den Tod.“
Die Auseinandersetzung mit dem zu frühen Unausweichlichen findet aus den verschiedensten Blickwinkeln eine einfache, klare, oft lyrische Sprache. Alle Stimmen, alle Wege führen dahin, wieso und auf welche Weise schließlich trotz allem Hochzeit gefeiert wird.
Es ist erstaunlich, wie bildstark und atmosphärisch dicht diese Erzählung gewoben ist.