Der Untertitel "Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840-1914" fasst perfekt zusammen, womit sich das Buch beschäftigt. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Innovationen, Entdeckungen und Erkenntnisse in der Medizin und anderen Naturwissenschaften, die bis heute prägend sind, innerhalb dieser wenigen Jahrzehnte entstanden sind, nicht zuletzt sicherlich auch dank des enormen technischen Fortschritts. Neben den "üblichen Verdächtigen", deren Namen die meisten schon einmal gehört haben wie Robert Koch, Wilhelm Conrad Röntgen, Louis Pasteur oder Florence Nightingale werden auch weniger bekannte Figuren und deren Verdienste um die Weiterentwicklung der Medizin vorgestellt. Jeder (mit sehr wenigen Ausnahmen waren es tatsächlich alles Männer) hat auf seine Weise einen signifikanten Beitrag zu dem geleistet, was wir heute schon fast als selbstverständlich hinnehmen - dabei sind sehr viele Dinge wie moderne Hygienestandards, Anästhesie, Operationen an inneren Organen oder die ersten bildgebenden Verfahren allesamt vergleichsweise neu.
Jedes Kapitel widmet sich einer Person und ihrem Spezialgebiet. Das bedeutet zwar einerseits, dass Dinge oft nur angerissen werden können, aber dennoch geht Gerste auch ein wenig auf die Persönlichkeiten der Forscher und Ärzte ein und ordnet das Geschehen in den generellen historischen Zusammenhang ein, oft mit eindrucksvollen Kurzskizzen von wichtigen Ereignissen, vom Bau des Kristallpalastes auf der Londoner Weltausstellung bis hin zum Horror auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges. Auch einige besonders interessante Patientenakten finden Eingang in das Buch, unter anderem finden sich da Queen Victoria und der "Elefantenmensch" Joseph Merrick.
Manches kannte ich schon, anderes war mir völlig neu, und es gibt auch ein paar wundervolle Kuriositäten wie etwa die Erfindung der OP-Handschuhe durch einen Arzt, der seiner Geliebten, einer OP-Schwester mit sehr empfindlicher Haut, etwas Gutes tun wollte. Ein sehr schöner Querschnitt also durch eine Vielzahl an Pionierleistungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert und auch eine interessante Reise durch die Geschichte. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen, weil ich so fasziniert war von dieser hochspannenden Phase in der Historie der Medizin und kann es wärmstens allen empfehlen, die sich ebenfalls für die Thematik interessieren. Und für den Fall, dass man noch nicht genug hat, gibt es am Ende des Buches ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Mir persönlich hätten noch ein paar mehr Illustrationen gefallen (die gibt es nur jeweils zu Beginn eines Kapitels), aber ich habe mir dann eben mit Internetrecherche beholfen.