Über Sex kann man nur auf Englisch singen? So hieß es jedenfalls einst bei Tocotronic. Jens Balzer beleuchtet das spannungsreiche Verhältnis von Popmusik und deutscher Sprache: Die ersten Rockbands singen natürlich auf Englisch, als Rebellion gegen die spießigen Eltern. Politische Liedermacher entdecken Mundarten und Dialekte. In der Neuen Deutschen Welle wird das Spiel mit der Sprache ironisch und kunstvoll. Im Hip-Hop der Gegenwart zeigt sich, wie divers, vielstimmig und auch widersprüchlich die Gesellschaft geworden ist. So entsteht eine Geschichte der Sprache im deutschen Pop – und wie nebenbei eine Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Vor allem aber gibt es viele erstaunliche, oft bizarre, manchmal unglaubliche Songtexte (wieder-)zuentdecken.
Jens Balzer (Alemania, 1969) es escritor y periodista. Doctorado en la Universidad de Hamburgo, ahora enseña crítica pop en la Universidad de las Artes de Berlín. Ha trabajado como columnista y redactor en distintos medios de comunicación, entre los que se encuentran Die Zeit, Berliner Zeitung, Rolling Stone y radioeins. Además, codirige el Popsalon del Deutsches Theatre y es asesor artístico del Donaufestival Krems. Es autor de una extensa bibliografía sobre crítica pop.
Von süßlicher Fernwehschlagerverklärtheit bis aggressiver Identitätsbekundung
Kein musikgeschichtliches Kompendium, sondern kurzweiliger, feinsezierender, zitatereicher Abriss popkultureller Einflüsse und Relevanzen.
"Yeah, yeah, yeah."
Jens Balzer belegt anhand zahlreicher Beispiele und Liedzitate Einfluss und Entwicklung der deutschen Musikkultur zwischen züchtiger, romantisch-verbrämter Nachkriegsschlagervergessenheit und hypermännlicher, vor Aggression strotzender Identitätssuche. Das ist ebenso unterhaltsam zu lesen, wie erkenntnisreich, denn er konzentriert sich - anders als der Buchtitel vermuten lässt - nicht auf tatsächlich einer breiten Gesellschaft bekannte "musikalische Zeugnisse", sondern räumt insbesondere der eher unbekannten "Untergrundkultur" Platz ein.
Obwohl mir im gesamten Text etwas zu oft das Wort "reüssieren" (vielleicht gibt es aber auch einfach kein gutes Äquivalent dazu) vorkam, fand ich ihn (obwohl mir viele Bands/Künstler:innen nicht mal namentlich ein Begriff waren) interessant und einen großen Bogen über 70 Jahre Musikgeschichte spannend.
Der Autor wird an keiner Stelle hämisch oder überlegen, sondern begibt sich mit feiner Ironie und ausgeprägtem Hintergrundwissen auf die Suche nach relevanten Strömungen, liefert gut erklärte Zusammenhänge und zeichnet nebenbei das Bild einer sich entwickelnden Gesellschaft, deren Wertesystem sich einerseits stark an einem tradierten Rollenverständnis orientiert und von diesem geprägt ist, andererseits aber mit (kultureller) Aneignung spielt und somit diverser wird.
Besonders imponiert haben mir Wortwitz und die messerscharfe Treffsicherheit Balzers, mit ein, zwei Begrifflichkeiten genau das Störgefühl zu benennen, das ich beim "Rezipieren" bestimmter Texte habe, aber nicht so recht fokussieren kann.
Jens Balzer lässt mit diesem schmalen Buch sprachliche und kulturelle Entwicklung anhand ausgewählter Songtextzitate greifbar werden und überrascht mit Beispielen, die vielen Leser:innen unbekannt sein dürften.
Ein wilder Ritt durch sieben Jahrzehnte Musikgeschichte in Deutschland. Auf gerade einmal 200 Seiten gepresst, kann sich das Ganze natürlich nur an der Oberfläche abspielen. Ich mag den Schreibstil von Jens Balzer sehr gerne, auch dieses Buch lässt sich richtig gut runterlesen und einige spannende Facts bleiben auch hängen. Trotzdem hätte ich gerne noch mehr Tiefe und Zusammenhänge gehabt.