Die Erinnerung hat ihre eigenen Gesetze. Je länger etwas zurückliegt, desto stärker tritt es einem vor Augen. So geht es dem Erzähler mit seiner Kindheit in der niederbayerischen Kleinstadt A., die abrupt endete, als sein Vater bei einem Unfall starb. Um neu beginnen zu können, muss er sich der Vergangenheit stellen, den Wundern und Schrecken, den Torheiten und der Verklärung. Das Marterl erzählt von den innersten Fragen unseres Daseins, einfühlsam, poetisch und mit feinem Humor. Nach Jahren der Abwesenheit fährt der Erzähler zurück in den Ort seiner Kindheit in Niederbayern. In der kleinen Stadt, die ihm erscheint, als wolle sie mit Folklore, Starkbierfesten und den Denkmälern bedeutsamer Männer die Zeit anhalten, versucht er, sich an seinen Vater zu erinnern. Und an den Verkehrsunfall, bei dem der Vater vor zehn Jahren starb. Doch ein Ort hat nie nur eine Gegenwart. Zwischen die Geschichte des Erzählers drängt sich das Leben eines Jungen. Die Angst vor einem Monster in einem Berg und ein fliegender Bär. Eine Liebe zur Blasmusik und die zu einer Frau. Kann die Erinnerung helfen, mit der Endlichkeit fertigzuwerden? Kann eine Heimkehr jemals gelingen oder muss sie vielleicht ein Mythos bleiben? So wie der Meeresforscher mit Taucherbrille und Regenjacke an einem niederbayerischen Bahnhof. »Den Vater suchen, der doch längst nicht mehr lebt – eine Verrücktheit? Für Johannes Laubmeier eine notwendige Verwegenheit. Was im Leben nicht geht, gelingt ihm in der Literatur.« Wolfgang Büscher
10 Jahre ist es her, dass der Vater des Erzählers bei einem Motorradunfall starb. Und während der Erzähler es immer irgendwie akzeptieren konnte, dass sein Vater nun tot war, hat er sich nie damit auseinandersetzen können, dass sein Vater starb. Er floh sich ins Studium nach England, die Mutter und den bayerischen Heimatort besuchte er nur selten und möglichst kurz.
Nun, im Jahr 2019, scheint die Zeit gekommen: als seine Mutter auf ein mehrwöchiges Yoga-Retreat fliegt, kehrt der Erzähler nach Hause zurück. Er zieht ins Haus seiner Kindheit und beginnt sich auf die Suche nach den Spuren der Vergangenheit zu machen. Er ist bereit, endlich der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.
Ich spreche von „Erzähler“, weil nie ganz klar ist, in wieweit sich Autor und Erzähler gleichen. Der Roman ist offensichtlich autobiographisch und dennoch hat man das Gefühl, eher einen Roman als eine Biographie zu lesen. Trotzdem merkt man schnell, dass die geschilderten Erinnerungen und Gefühle real sind.
Dieses Buch war zum Jahresende nochmal ein richtiges Highlight für mich. Es war sehr für mich als bayerisches Dorfkind nachvollziehbar, oft lustig und gleichzeitig doch sehr mitnehmend. Schön geschrieben, angenehm zu lesen. Ich bin richtig beeindruckt und weiß gar nicht, wem ich das Buch zuerst leihen soll.
Das Marterl "Heimkehr ist eine Reise an einen unbekannten Ort" Der Protagonist Johannes reist in Laubmeiers Buch "Das Marterl" zurück in seine Heimatstadt und wohnt im Haus seiner Mutter (seinem Elternhaus), die für einige Monate eine Mediationreise gebucht hat. Der Unfalltod des Vater liegt zehn Jahre zurück und Johannes begibt sich auf Spurensuche. Er trägt Informationen über den Tod des Vaters zusammen, erkundet dessen altes Büro, liest die von der Mutter gesammelten Trauerkarten, besucht den Unfallort, die Grabstätte, spricht mit dem Gutachter und schließlich auch mit einem Zeugen, der am Unfallort wohnte. Er tut es nicht, weil er meint, es sei Unrecht geschehen, dass er rächen möchte, sondern eher aus dem Grund, dass eine Annäherung an dieses tragische Ereignis möglich wird. Ein Verstehen und Begreifen, um den frühen Tod des Vaters zu verarbeiten. Das Buch besteht aus Gegenwartsabschnitten, Johannes' Auseinandersetzung mit seiner Heimatstadt und Rückblenden, die seine Kindheit und Beziehung zu den Eltern beleuchtet. Fragmentarisch wie das Erinnern selbst, wechseln sich die beiden Zeitebenen ab. Mir hat diese Erzählstruktur gut gefallen, ich finde, die Geschichte verdichtet sich dadurch.
Laubmeiers Sprache ist detailliert und lebendig, nie kitschig oder verallgemeinernd, obwohl es ein sehr emotionales Thema ist, driftet sie nie ins Dramatische oder Rührselige. Eine leise Melancholie schwingt im Roman mit und doch bleibt er hoffnungsfroh.
Das Cover ist ein Foto mit dem Autor in Kindertagen, dass der Vater selbst fotographiert hat. Dieses Foto spielt auch in einer sehr berührenden Szene mit und passt perfekt!
Der Text ist autofikitonal angelegt und hat mich ein bißchen an die Romanreihe "Mein Kampf" von Karl Ove Knausgard erinnert. Große Leseempfehlung für Freund:innen dieses Genres!
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Äh wow Johannes. Ich bin beeindruckt und doch überrascht. Ein schönes Stück über Erinnerung und deren Bewältigung, Verarbeitung oder Akzeptanz. Nach dem Buch, fühl ich mich noch mehr geehrt von ihm was gelernt zu haben. 4,5/5
Johannes kehrt zurück in seine Heimat, eine bayerische Kleinstadt. Dort versucht er den Unfalltod seines Vaters von vor zehn aufzuarbeiten. Nebenher zeigt er uns seine Heimat und deren Menschen und Gebräuche. Eine Facette, die mir besonders gut gefiel und mich häufig zum Schmunzeln brachte, da ich selbst in der bayerischen Provinz aufgewachsen bin und sehr viele Gegebenheiten genauso kenne. Im Roman wird immer wieder zwischen der Gegenwart, also Johannes auf "Heimatbesuch" und der Vergangenheit, Johannes als kleiner Junge in Erinnerungsfragmenten, gewechselt. Ich mochte besonders gern die Vergangenheitspassagen. Hier wird der Protagonist nur "der Junge" genannt und wir bekommen Einblick in die zunächst kindliche, später jugendliche Gedankenwelt.
"Wieviel trauriger als wenn man kein Eis bekommt, ist man, wenn jemand stirbt? Zehnmal? Einhundertmal?" S.115
Ich weiß nicht so richtig, wo ich den Roman einordnen soll. Es ist ein Roman des Erinnerns und des Aufarbeitens, würde ich sagen. Etwas, was man häufig viel zu selten macht, da Verdrängen einfach leichter ist. Deshalb ist der Roman auch keine leichte Kost. Am Ende hat er mich auch 1-2 Tränchen gekostet. Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen und möchte es gerne jedem ans Herz legen, auch wenn man mit dem Titel erstmal so gar nichts anfangen kann (was ein Marterl ist, bekommt man im Buch erklärt 😉).
Ein junger Mann kehrt an den Ort seiner Kindheit zurück und folgt den Spuren seines Vaters, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, um dessen Tod zu verarbeiten. „Großeltern starben mit 85 und Rockstars ein paar Jahrzehnte früher - Väter starben nicht.“ Der Autor verarbeitet persönliche Geschehnisse in diesem Roman und verknüpft sie mit einer fiktionalen Hauptfigur identischen Vornamens, die mal aus der eigenen Perspektive als Erwachsener spricht, mal als „der Junge“ in der Kindheit beobachtet wird. Letztere Sicht hat mir gut gefallen, gewährt sie doch einen Einblick in die Familiengeschichte, bei der auch das Titelbild einen Zusammenhang erhält. Die Handlung um den Erwachsen ließ bei mir wenig Empathiefunken überspringen. Ich hätte es verstanden, wenn Johannes in den Sachen seines Vaters Erinnerungen entdeckt oder sich zurückgezogen hätte. Stattdessen führt ihn seine Spurensuche zu den Ärzten, die den Toten untersucht haben, während der Aufenthalt in der Heimat von bayrischen Volksfesten geprägt ist. Aufgrund der fehlenden Auseinandersetzung mit der Trauer entsprach dieses Buch nicht meinen Erwartungen. Ansonsten war es angenehm zu lesen.