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Liebe: Eine Übung

Individuen kann man bekanntlich daran erkennen, daß sie einen Knick in der Optik haben. Sie gewinnen allen öffentlich zugänglichen Dingen und Ereignissen einen zweiten Sinn ab, der zunächst einmal nur für sie selbst zugänglich ist. In dieser höchst persönlichen Optik mag dann etwa als Langsamkeit eines Mitmenschen erlebt werden, was dieser der Ungeduld des Erlebenden selbst zurechnen würde. Besonders konsensfähig ist diese individualisierte Art des Erlebens also nicht. Immerhin kann der Fall eintreten, daß ein anderer, statt einfach nur mit dem Kopf zu schütteln, sich in meine Weltsicht hineinversetzt und dann sogar anfängt, sie durch eigenes Handeln zu bestätigen: Statt mir Ungeduld vorzuwerfen, handelt er selbst etwas schneller. Für die anderen ist mein Erleben dann immer noch unmaßgeblich, aber für den anderen hat es offenbar die Kraft eines starken Motivs. So wird es mir leichter gemacht, der zu sein, der ich bin.
In dieser Bestätigung fremden Erlebens durch eigenes Handeln sieht Niklas Luhmann die kommunikative Grundlage dessen, was wir Liebe nennen. Sein 1982 erschienener Klassiker Liebe als Passion hatte vor allem die Ideengeschichte des Themas vor Augen. Der nun edierte Aufsatz, geschrieben 1969 als Vorlage zu einem der ersten Bielefelder Seminare Luhmanns, behandelt die Liebe ohne den Apparat des Gelehrten. Er bietet eine direkte und pointierte Darstellung der bis heute einzigen soziologischen Theorie der Liebe, die wir haben.

94 pages, Hardcover

First published January 1, 2010

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About the author

Niklas Luhmann

223 books294 followers
Niklas Luhmann was a German sociologist, and a prominent thinker in systems theory, who is increasingly recognized as one of the most important social theorists of the 20th century.

Luhmann wrote prolifically, with more than 70 books and nearly 400 scholarly articles published on a variety of subjects, including law, economy, politics, art, religion, ecology, mass media, and love. While his theories have yet to make a major mark in American sociology, his theory is currently well known and popular in German sociology and has also been rather intensively received in Japan and Eastern Europe, including Russia. His relatively low profile elsewhere is partly due to the fact that translating his work is a difficult task, since his writing presents a challenge even to readers of German, including many sociologists. (p. xxvii Social System 1995)

Much of Luhmann's work directly deals with the operations of the legal system and his autopoietic theory of law is regarded as one of the more influential contributions to the sociology of law and socio-legal studies.

Luhmann is probably best known to North Americans for his debate with the critical theorist Jürgen Habermas over the potential of social systems theory. Like his one-time mentor Talcott Parsons, Luhmann is an advocate of "grand theory," although neither in the sense of philosophical foundationalism nor in the sense of "meta-narrative" as often invoked in the critical works of post-modernist writers. Rather, Luhmann's work tracks closer to complexity theory broadly speaking, in that it aims to address any aspect of social life within a universal theoretical framework - of which the diversity of subjects he wrote about is an indication. Luhmann's theory is sometimes dismissed as highly abstract and complex, particularly within the Anglophone world, whereas his work has had a more lasting influence on scholars from German-speaking countries, Scandinavia and Italy.

Luhmann himself described his theory as "labyrinth-like" or "non-linear" and claimed he was deliberately keeping his prose enigmatic to prevent it from being understood "too quickly", which would only produce simplistic misunderstandings.

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Displaying 1 - 10 of 10 reviews
Profile Image for Frank.
671 reviews131 followers
June 2, 2026
Die kleine Schrift erfasst präzise alle Thesen, die dann in "Liebe als Passion" ausgeführt und mit Beispielen unterlegt werden. Romantiker werden natürlich von vorneherein ablehnen, in der Liebe nichts als ein Kommunikations- und eine "Funktion im sozialen System" (11) zu sehen, aber genau so ist es. Das "Gefühl" differenziert sich historisch aus, indem es eine Funktion übernimmt bzw. vorherige Institutionen der Anbahnung von Partnerschaftsverhältnissen (Patriarchat, Familie usw.) ablöst, die in komplexen Gesellschaften zunehmend dysfunktional geworden sind. Freilich geht Luhmann nicht darauf ein, warum solche für Europa überholten Institutionen der Eheanbahnung in sicher hochkomplexen und ausdifferenzierten Gesellschaften wie Japan dennoch bis heute überlebt haben. Aber für Europa trifft zu, was Luhmann gefunden hat.

Man muss sich mit aller Konsequenz (vor allem auch als Leser historischer Literatur) klar machen, dass "Liebe" eine Gefühlsdisposition im Sinne eines Konzepts beschreibt, das weder "als eine Art Naturphänomen oder als ewig geltende moralische Idee, also als historische und evolutionäre Konstante" (25) begriffen werden kann. Das trifft auch dann zu, wenn dem Leser das Wort "Liebe" begegnet, womöglich noch als falsche Übersetzung von "Minne" z.B. Deshalb betont Luhmann die Definition der romantischen Liebe, die in der Tat aus dem Sentimentalismus und dann besonders der Romantik stammt, als "passionierte individuelle Zuneigung"(30). Diese ist abzugrenzen von sexueller Attraktivität und Anziehung, die in nichtmodernen Gesellschaften als Störung der Ordnung gelten, der durch Frauenverschleierung, Kinderheirat, Eheverträge u. ä. begegnet wurde. Kam es dann doch einmal zum Romeo-und-Julia- (die war erst 13!) Effekt, dann wurde das, was wir heute als hochtragisch rezipieren, eher als Komödie im Sinne einer krankhaften Verwirrung der Sinne aufgenommen oder diskutiert.

"Liebe als Passion" führt hingegen zur "Freiheit der Gattenwahl" (35), die individuelle (und damit aus dem religiösen Kollektiv herausgelöste) Willens- und Entscheidungsfreiheit voraussetzt, wie sie sich erst nach den bürgerlichen Revolutionen im 17. und 18. Jh. durchsetzen ließ und die "bürgerlich" insofern sind, als sie z.T. bis heute am Hochadel und der Bauernschaft vorbei gegangen sind. Sentimentalistische Strömungen sorgten in diesem Kontext dafür, dass die Gesellschaft vom "Denken des Fühlens" zum "Fühlen des Fühlens" (49) übergehen konnten, was auch meint, dass das moderne Konzept der passionierten individuellen Zuneigung in anderen Weltgegenden durchaus als "Liebe" verstanden, aber nicht immer (allerdings doch immer öfter) emotional nachvollzogen werden kann. So kommt es heute (!) zu Tragödien à la "Romeo und Julia", was Ausweis der Modernität dieser Konstellation, aber kein Beleg für Shakespeares Absichten ist, die wir nicht kennen und nicht im Detail kennen können

Sprache kann lügen, Handlungen (etwa Geschenke) können Motive verdecken, weshalb das neue Konzept auf unsicheren Gefühlen aufbaut und geradezu nach "Gewißheitsverankerungen" (43) schreit. Sexuelle Hingabe fungiert nun als nonverbales Kommunikationsmittel der Vergewisserung, ist aber täuschungsanfällig, da ihre Eigenschaften im Zeitalter fehlender Verhütung und einer dementsprechend rigiden Sexualmoral nicht erlernt werden können. Der einzig denkbare Anker ist damit das Eheversprechen, womit das neue Konzept in modernisierter Weise die Funktion älterer Institutionen der Partnerschaftsanbahnung übernehmen kann. Insofern im Falle der bürgerlichen Ehe nicht Kinderreichtum im Vordergrund steht, sondern die institutionelle Absicherung von Erbschafts- und Nachfolgeregelungen, sind nicht eheförmige Freiheiten wie Seitensprung oder gar freie Liebe auszuschließen und werden als Treuebruch durch die Gesellschaft stärker als früher moralisch verurteilt und sanktioniert. Das richtete sich anfangs direkt gegen die laxe Moral des Adels (vgl. Emilia Galotti- die Bürger im Parkett weinten, der Kaiser fand die Komödie lustig), der Erbschaften, Nachfolge usw. weitgehend dynastisch geregelt hatte und von daher auf Loyalität, aber nicht auf eheliche Treue wert legte. Bei den Bauern gingen Seitensprünge ohnehin noch lange im gewünschten Kindersegen unter.

Im Anschluss beschäftigt sich Luhmann mit den quasi ideologischen Ingredienzien der reflexiv abgesicherten Gefühlskultur, wie sie sich etwa in der sich ausbildenden Liebesliteratur zeigt, und damit, wie das Strukturen begünstigt, die das Erkalten des Gefühls überstehen, was mich hier aber nicht besonders interessiert. Lesenswert, weil im positiven Sinne belehrend, sind auch diese Passagen allemal.

Ein bisschen irritiert hat mich, dass der Autor dem Problem der fehlenden bzw. später dann möglichen Verhütung so wenig Aufmerksamkeit (eigentlich gar keine) beimisst. Hätte er darüber nachgedacht, wären die abschließenden Ausführungen zum "amerikanischen Ernüchterungsideal der 'companionship', das den romantischen Liebeskomplex abzulösen scheint" (65), vielleicht überzeugender ausgefallen. Aber das Phänomen war zu seiner Zeit noch neu, so dass es sich der soziologischen Bewertung entziehen konnte. Für mich ist daran nur wichtig, dass - auch wenn manch einer den Augenschein als Gegenargument anführen wird (jenseits vom Liebeskitsch sind wir allerdings doch zur Gesellschaft der Singles, der Lebensabschnittskünstler usw. geworden) - "Liebe" als Passion individueller Zuneigung sich nicht nur als ein historisch gewordenes, sondern auch als ein vergängliches Konzept erweist. Mag sein, in ein paar Jahren versteht die Jugend nicht mehr, was die Typen auf der "Titanic" im Sinkvorgang füreinander empfunden haben. Falsch: Sie werden die Gefühle verstehen, aber nicht mehr fühlen können! ;-)

Fazit: Empfehlenswert für alle, die offen dafür sind, vielleicht ein paar romantische Illusionen zu verlieren, dafür aber Lese- und Lebenskompetenz gewinnen wollen. Wer an der romantischen Brille unbedingt festhalten will, muss sich halt vom Leben selbst belehren lassen (oder auch nicht). P.S.: Das alles meint übrigens auch, dass jedes dieser Konzepte zu seiner Zeit seine Berechtigung hatte und hat. Wer also glücklich verheiratet war oder ist und vielleicht gerade romantisch verliebt, der behält alles Recht der Welt für sich an dem zu ihm oder ihr passenden Gefühlskonzept festzuhalten. ;-)
Profile Image for İlhanCa.
1,008 reviews8 followers
Read
September 2, 2026
Eser, duyguları ya da romantik masalları bir kenara bırakarak aşkı tamamen sosyolojik ve analitik bir dille anlatan ilginç bir metin. Yazar, aşkı toplumun ürettiği karmaşık bir iletişim kodu ve sistem olarak ele alıyor, bu da konuya bambaşka bir pencereden bakmanıza neden oluyor, bende bir çok teorisinin karşılığı olmadı yani 😃.

Kitap boyunca aşkın tarihsel süreçte nasıl evrildiğini, modern dünyanın bireylere dayattığı romantik kurguları ve iki insanın birbirini anlamasının imkansızlığını kendince anlatmaya çalışmış yazar. Ama ben teknik ve teorik olan bu anlatım tarzından pek de keyif almadım doğrusu.

Klasik aşk tanımları ile alakası olmayan bir eser. İlişkilere ve duygulara farklı bakmak isteyenler için oldukça ilginç gelecek bir doktora tezi ayarında bir okuma diyebilirim.
Profile Image for Azimet Avcu.
Author 1 book5 followers
May 25, 2020
Sosyolojik ve belirli yönlerde zorlayıcı bir metindi. Bunun çeviriyle mi yoksa bilimsel yönüyle mi olduğunu bilmiyorum. Onun dışında aşka; toplumsal, ailesel ve eşler arası olarak yaklaşarak nasıl işlevleri olduğuna dair tespitler yapmış. Güzel bir deneyimdi.
Profile Image for Carmen Flores.
2 reviews
March 6, 2015
Absolutely a different perspective of love, as a product of stereotypes, a code rather than something just spiritual or sublime. Like it!
Profile Image for Eva.
6 reviews
October 15, 2017
Dieser schmale, rote Band kommt unschuldig wie ein Geschenkbuch daher – doch wer nach leicht verdaulicher, oder leicht verschenkbarer Lektüre sucht, ist hier falsch. Für ein Seminar Luhmanns war dieses Werk die theoretische Grundlage, das es aus seinem Nachlass in eine Veröffentlichung geschafft hat. Dass „Liebe. Eine Übung“ in den wilden Siebzigern entstanden ist, hat ungefähr so wenig mit dem Inhalt gemein, wie der einladend rote, Einfachheit vermittelnde Einband.

Mehr auf: http://www.1jahr52buecher.de/niklas-l...
Profile Image for Jonalibros.
75 reviews1 follower
February 21, 2024
Me parece interesante, pero creo que le faltaron paginas, como si fuera la intro a algo mas, no sentí que transmitiere ideas muy contundentes, creo que seria interesante la lectura que le podria hacer al amor considerando por ejemplo las RRSS o como han cambiado las formas de relacionarse.
Profile Image for Felix W..
48 reviews
October 30, 2023
Soziale Systeme, die sich im Hinblick auf Liebe strukturieren, stellen sich selbst unter die Forderung kommunikativer Offenheit für nicht im voraus festgelegte Themen - also unter hohes Risiko.
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