Vorab möchte ich Euch sagen: „Sag mir, was ich bin“ ist einer der bestkonstruiertesten Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe! Aufmerksam bin ich auf das Buch geworden durch das wunderschöne Cover und ich danke dem Steidl Verlag für diesen Augenschmaus, denn sonst hätte ich womöglich diese großartige Story verpasst (alle, die gerne mal einen Coverkauf tätigen, werden mich verstehen - outet Euch gerne mal in den Kommentaren).
Beworben wird das Buch der amerikanischen Autorin Una Mannion als Kriminalroman - ich würde dem Ganzen gerne ein „literarisch“ vorwegsetzen, denn es ist eher nicht die klassische Ermittlungsstory, die man vielleicht erwarten würde. Sogar den Gold Dagger Preis für den besten Kriminalroman 2024 hat sie für Ihr Werk verliehen bekommen, wie erfreulich!
„Ich sehe mich selbst als Schatten, wie ich mich durch alles bewege, was in meinem Leben vor diesem Abend passiert ist, aber ich sehe auch, wie das alles zerläuft, wie mich ein andres Element verschluckt, mich quasi chemisch zersetzt, mich verbrennt.“
„Der Mensch, der die größte Gefahr für mich war, war immer auch der Einzige, von dem ich glaubte, dass ich bei ihm sicher bin. Wie kaputt ist das denn bitte.“
Eine toxische Familienkonstruktion bildet das Grundgerüst für diesen Roman - die psychisch Erkrankte Mutter Deena verschwindet spurlos, als ihre Tochter Ruby 4 Jahre alt ist. Doch was ist der Grund dafür?! Ist es wirklich eine Folge ihrer belasteten Psyche und hat sie sich folglich selbst dazu entschlossen zu verschwinden oder gar Suizid zu begehen? Oder steckt vielleicht eher Lucas dahinter, ihr Ex-Mann, für den häusliche Gewalt kein Fremdwort ist?!
Nessa, Deenas Schwester, zweifelt jedenfalls stark an ihrem freiwilligen Verschwinden, denn die beiden haben eine enge Verbindung und sie fühlt, dass da etwas gewaltig nicht stimmt. Lucas nutzt die Situation, um das alleinige Sorgerecht für seine Tochter Ruby an sich zu reißen und unterbindet ab diesem Zeitpunkt jegliche Kontakte mit dem Rest der Familie, auch Briefe und Pakete, die an Ruby gerichtet sind, fängt er ab. Er zieht mit ihr nach Vermont in eine einsame Gegend und erzieht sie mit seiner Mutter Clover in einem Haus am See. Klingt eigentlich idyllisch, oder?! Leider für Ruby alles andere als das - gut, dass Ihre Tante Nessa nicht locker lässt und Nachforschungen anstellt, denn Ruby hadert aufgrund mangelnder Informationen bezüglich ihrer Vergangenheit sehr mit ihrer Identität.
„Es ist, als dürfte ich gar nicht wissen, wer er ist oder wer ich bin. Als wäre ich einfach in der Middle Lake angespült worden und hätte mein Gedächtnis verloren oder so was, wie im Kino. Und ich komme mir vor wie ein Nichts. Irgendwann werden alle rausfinden, dass ich leer bin. Keine Persönlichkeit, keine Geschichte, keine Familienanekdoten. Ich bin nichts, bis auf das, was mir erzählt wurde.“
Durch den ständigen Perspektivwechsel und die verschiedenen Zeitebenen hält Una Mannion die Spannung bis zum Schluss aufrecht (auch wenn man ahnt, wer hinter dem Verschwinden stecken könnte, wollte ich ständig weiterlesen, immer mehr Details erfahren, die Informationen verknüpfen).
„Sag mir, was ich bin“ war für mich mal eine Story fernab von dem , was ich sonst lese, denn Krimis (egal ob literarisch oder nicht) gehören eigentlich nicht in mein Leserepertoire. Una Mannion hat mich zum Umdenken gebracht diesbezüglich und ab jetzt sind literarische Kriminalromane auf jeden Fall interessant für mich.