Als Alternativtitel schlage ich vor: "I'm the best - Von der Selbstverständlichkeit, wie ich zu sein"
Well...
In diesem Buch habe ich viele WTFs und Fragezeichen, aber auch Herzen und Ausrufezeichen notiert. Letzteres seltener als erstes, aber oft genug, um drei Sterne zu vergeben, denn das Buch hat definitiv einiges in mir ausgelöst.
Die autobiographischen Anteile finde ich inspirierend, wie auch Mirna Funk als Individuum. Wie sie ohne Geld und familiäre Rückendeckung ihren Weg gegangen ist und sich auch nach Krisen und zweifelhaften Entscheidungen herausgezogen und "neu erschaffen" hat, ist für mich ein Vorbild an Stärke, Kreativität und Resilienz. Dass sie Verantwortung für ihr Leben übernimmt, ohne in Reue oder Vergangenheitsgrübeleien zu versinken, ebenfalls.
Ihre Schwäche, oder die ihres Werks ist, dass Empathie nicht vorhanden ist. Also so gar nicht. Obwohl Funk die Anerkennung von Unterschieden oft betont, hat sie keine Lust, nicht die Fähigkeit oder weder das eine noch das andere, um sich in Personen mit anderen Perspektiven und Hintergründen hineinzuversetzen.
Nach dem Motto: Ich habs auch hinbekommen, warum kriegt ihr Loser nicht den Arsch hoch? "Ich, eine ostdeutsche Jüdin, alleinerziehend, Arbeiterkind. Theoretisch stolze Trägerin der Goldmedaille bei der beliebten Opfer-Olympiade."
Gerade ihre jüdische Erfahrung finde ich sehr spannend und wichtig, allerdings kommt sie nicht gerade ausführlich vor. Hier bin ich wieder an dem Punkt, dass ich definitiv gern mehr Autobiographisches von ihr lesen würde und weniger Bashing gegen andere feministische Ideen.
Und auch wenn ich sie, wie bereits erwähnt, für ihre Erfolge bewundere, entgeht ihr, dass sie in anderen Kategorien sehr wohl Privilegien genießt. Als Selbstcheck fällt mir hier die Privilegienblume ein, was sie aber sicher total "lame" fände. Was mich zur Stilkritik bringt: Ich mag ihre Art zu formulieren und strukturieren insgesamt gern, hatte aber die Anglizismen irgendwann echt über. Ich verwende sie selbst gern hin und wieder, aber dauernd von "fucking", "Life" und durchkonjugierten und deklinierten Worten wie "delivern", "cuten Typen" etc zu lesen war nicht ganz mein "Taste".
Mit den Strömungen und Diskursen, denen sie entgegensteht, scheint sie sich maximal oberflächlich auseinandergesetzt zu haben. Sichtbar an Sätzen wie "Im Zuge der Metoo-Debatte wurde plötzlich offensichtlich, dass es unter manchen Feministinnen en vogue ist, Sex als Übergriff am weiblichen Körper zu interpretieren." Quellen und Beispiele bleibt sie an jenen Stellen schuldig. An anderer Stelle bezeichnet sie Feministinnen, die das System und das Patriarchat kritisieren, u.a. als "kreischende, mit Mistgabeln und Fackeln bewaffnete Frauen". Das ist weder wahrheitsgemäß noch stilistisch irgendwie originell, sondern trieft vor Misogynie. Dazu sei gesagt, dass sie schon öfter Shitstorms von der "Gegenseite" abbekommen hat und im Buch erwähnt, dass Anrufe bei Auftraggeber*innen von ihr eingingen, sie nicht mehr zu beschäftigen. Was natürlich gar nicht geht und die Aggression zumindest auf emotionaler, wenn nicht auf rationaler Ebene, ein Stück weit erklärt.
Ironisch finde ich , wie sie gegen Regretting Motherhood wettert, kurz nachdem sie betont, wie kinderfreundlich Israel sei und wie deutsche Feminist*innen ihre eigene Kinder hassen. Ob sie nicht weiß, dass Regretting Motherhood eine israelische Studie ist oder das bewusst weglässt, who knows.
Warum aber nun drei Sterne? Weil mich das Buch trotz der vielen WTFs auch immer wieder abgeholt, berührt und inspiriert hat. Weil ich es gut aushalte, dass eine Meinung meiner eigenen widerspricht, wenn es insgesamt eine anregende Lektüre für mich ist. Weil sie viel einbringt, das anders und erfrischend ist. Wenn sie über sich als sexuelles Subjekt schreibt oder über das Verhältnis zu ihrem Körper, fühle ich mich oft abgeholt. Auch manche ihrer Gedanken zu Karriere und Liebe mag ich:
"Karriere ist nichts anderes als weiterzumachen, obwohl man sich sicher ist, man hätte das Ende seiner Fähigkeiten erreicht."
Nach Verkauf ihres Romans: "Wie alle Fäden zusammenliefen. Ja, wie ich es binnen fünf Jahren geschafft hatte, mein Leben um 180 Grad zu wenden und endlich die wurde, die ich im tiefsten Inneren immer war, aber der ich über einen sehr langen Zeitraum nicht erlaubt hatte, zu existieren."
"Wir alle - Männer wie Frauen - sind autonome, selbstwirksame, abgegrenzte und vollständige Menschen, die sich selbstverständlich in jeder Form der Begegnung gleichberechtigt und liebevoll unterstützen sollten."