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Spielarten des Kompromisses

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Kompromisse sind nicht beliebt, aber im Alltag so unentbehrlich wie in der Politik. Das liegt daran, dass konfligierende Interessen und Überzeugungen oft prinzipiell nicht zur Deckung gebracht werden können. Dann ist es vernünftig, sich auf eine gewaltfrei und gemeinschaftlich ausgehandelte »zweitbeste Lösung« einzulassen – auf einen Kompromiss. Véronique Zanetti zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie sich verschiedene Spielarten des Kompromisses in individuellen und sozialen Entscheidungsprozessen, in Politik, Moral und Recht je anders gestalten. Eine philosophische Reise durch die Welt der Kompromisse.

287 pages, Kindle Edition

First published May 16, 2022

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76 reviews4 followers
April 14, 2024
Kompromisse sind ebenso schmerzhaft wie nötig. Ohne Kompromiss keine Demokratie und keine Verfassungsgerichtsbarkeit. Ohne Kompromiss also kein Recht - und fast will man sagen: auch keine Gerechtigkeit. Deshalb: Der Kompromiss gehört besprochen.

Insofern, wie ich das oft sage, ein wichtiges Buch. Deshalb unmittelbar der erste Kritikpunkt: Dem Buch fehlt Struktur. Zanetti hat viel nachgedacht, aber ihr Denken nicht in stringente Form gegossen, es fällt insofern schwer, überall klare Thesen auszumachen und Argumentationsstrukturen auszumachen. Zanettis Werk erschien daher mehr als eine Zusammenstellung von Themen, Gedanken und Deutungsweisen um den Kompromiss herum. Zu Zanettis Kelsen-Kritik und zur These der Verhältnismäßigkeitsprüfung als politischem Kompromiss haben Özmen und Gutmann in ihren Besprechungen entscheidende Punkte beigetragen, mit denen ich hier nicht gleichziehen will.

Insofern, wie ich das auch oft sage, nur einige ergänzende Bemerkungen: Zanetti leistet Analysearbeit zu Verständnisweisen des Kompromisses als solchem und zu seiner Rolle im Recht und in diversen Moraltheorien. Zwei politische "Großkompromisse" illustrieren die Schwierigkeiten: Apartheid und Abtreibung. Offenbar wird: auch den Moraltheorien, die eigentlich kompromissnah gebaut sind, fällt es sehr schwer, dem Kompromiss einen Platz zu geben und dabei einen der schwierigen Realität angemessenen Komplexitätsgrad zu erhalten. Der moralische Kompromiss ist kaum zu kriegen, vielleicht gibt es ihn am Ende auch gar nicht, sondern nur faktische politische Übereinkünfte, die entweder aus moralischer Sicht oder der bloßen Klugheit wegen befolgenswert erscheinen. Zanetti betont insofern immer wieder: Kaum ein Kompromiss gelingt ohne Bedauern oder ohne Schmerz. Wo Leerstellen bleiben, scheint Forschungsbedarf auf: Psychologische, ökonomische und soziologische Aspekte bleiben fast völlig unangesprochen, gerade solche müssten aber mit rechtlichen, moralischen und politischen Analysen zusammengebracht werden, um ein wirklich anwendungstaugliches Kompromissmodell zu erhalten. Auch in juristischer Hinsicht denken Zanetti (wie ihr Kritiker Gutmann) zu sehr auf gerichtliche Vorgänge begrenzt, übergangen wird die Mediation oder die Vermittlung, welche im Recht zugleich institutionalisiert ist und über das Recht hinaus weist.

"Kompromisse ernstgenommen" bleibt als wesentliche Botschaft des Buches und in eher formeller Hinsicht die Erinnerung an die schwierige Balance zwischen entschiedener Theoriebildung mit klaren Strukturen und Meinungen und einer eher eklektischen, suchenden, teilweisen Spielart der Forschung, die vielleicht ehrlicher ist, aber sich trotzdem schwerer damit tut, im Diskursgemenge Halt zu finden.
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71 reviews8 followers
March 19, 2023
Ein Großteil des Buches beschreibt verschiedene Sichtweisen auf Kompromisse und verschiedene Bedeutungen des Worts. Ist ein fauler Kompromiss ein Kompromiss? Können Utilitaristen überhaupt Kompromisse eingehen? Usw. Dabei bleibt es aber auch im akademisch-liberalen Rahmen, marxistische Sichtweisen kommen nicht vor.
In manchen Zusammehängen sieht man dann schon mal etwas schwer nachzuvollziehende Schlüsse, so wie dass Gewaltfreiheit oberstes Gebot sei (S. 35), aber Machtasymmetrie für einen guten Kompromiss kein Problem darstelle (S. 43), es ist ja trotzdem aus "freien Stücken" (S. 36). Da hilft es auch nicht viel, dass Zanetti das Thema in Richtung (einer getrennten) Moraltheorie abschiebt (S. 178).
Das Thema Abtreibung wird recht umfangreich behandelt, da kommt das nochmal auf: Der Staat verhalte sich neutral, indem er "den Entscheidungsträgerinnen weder die instituionellen Bedingungen [...] noch die finanzielle Unterstützung [...] bereitstellt." (S. 106). Das erkläre man mal Frauen in prekären Verhältnissen, die nur sehr schwierig praktische Möglichkeiten zur Abtreibung haben.

Zanetti versucht sich in einer formalistischen ("deskriptiven"), vermeintlich neutralen Art und Weise das Thema zu behandeln. Wie eben an solchen Beispielen sieht hier aber sehr gut, dass es eine volle Unparteilichkeit eben nicht gibt.

So verwundert es auch gar nicht, dass es noch zu einer Lobhudelei über der den "insgesamt gelungen Übergang von einem verbrecherischen Regime zu einer demokratisch gewählten Regierung" in Südafrika (S. 251) kommt (dabei möchte ich die Fortschritte nicht mal in Frage stellen - aber man beachte die Polarität!) und dort anscheinend heute ebenso alles gut ist wie in unserer parlamentarischen Demokratie.
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