Arno Schmidt: Das steinerne Herz – Beschreibung eines literarischen Selbstversuchs
Klärung der Voreinstellungen/Vorurteile
Nun habe ich ihn endlich bewältigt, meinen ersten vollständigen Arno Schmidt. Wenn überhaupt, dann wollte ich eines Tages vielleicht, noch mal das nicht ganz so undurchschaubare „Brand's Haide“ zu Ende lesen. Dieses Büchelchen hatte ich mal zum Zeitvertreib bei, sagen wir mal, einer Kommilitonin angefangen. Sie telefonierte wenigstens nicht lange genug, dass ich auch noch gleich mit diesem dünnen, vorsorglich in die Hände gedrückten Bändchen fertig wurde. Trotzdem wollte sie gleich noch eine Interpretation von mir, aber mit der mundgerechten Aufbereitung von „Winterspelt“ habe ich dieser eher auf entscheidende Seiten erpichten Kommilitonin eine größere Lesearbeit abgenommen und sie mit ein paar leichteren Übungen sogar auf eine, durch nichts gerechtfertigte und auch nicht angemessen honorierte Zwei im Germanistik-Examen gepimpt.
Mein Arno Schmidt-Bild ist aber in erste Linie durch einen früheren Mitbewohner mit etwas seltsamem Humor geprägt, der sich die Zürcher Kassette zu einem Spottpreis zugelegt hatte und mir beim Frühstück so allerlei Schnurren aus dem Werk des Meisters und dessen Lebenseinstellungen erzählte, die den Eindruck erweckten, der im erzählerischen Dickicht versteckte Inhalt sei ohnehin der Mühe nicht wert.
Zu jener Zeit (1988-1993) war ich ohnehin der Meinung, dass die deutschsprachige Literatur mit den Autoren, die schon während der Weimarer Republik publiziert hatten, ihren Gipfel erreicht hatte, Alfred Döblin, Hans Fallada, Hermann Kesten und Robert Musil waren meine Leitsterne, wenn man so will, sogar Lehrende, die es gar nicht wissen konnten, kommentierten unaufgefordert meinen Döblinismus. Wilhelm Raabe, Theodor Fontane, E.T.A Hoffmann und Gottfried Keller waren meine Hausgötter des 19. Jahrhunderts. Ach ja, für den Wieland hatte ich auch eine Schwäche, wenn man ein weiteres Jahrhundert zurück geht, hielt ihn gar für einen großartigeren Erzähler als Goethe.
Jene Schriftsteller, die nach dem zweiten Weltkrieg von diesem oder jenem literarischen Nullpunkt aus wacker drauf los produzierten, waren für mich bestenfalls einbeinige Talente, egal was Andersch, Böll, Frisch, Grass oder Walser so produzierten, irgendein Holzbein hatte ihre Geschichte immer, meist kam sogar mehr als eine unschöne Prothese bei ihren literarischen Humpeleien für eine bessere Welt zu Tage. Arno Schmidt, so schien es mir damals, verschleierte den Makel an Einbildungskraft oder andere Defizite vermutlich nur durch etwas komplizierte Erzählformen.
Doch da mir der Plot von „Das steinerne Herz“ beim unlängst riskierten Blick in Wikipedia persönlich sehr zusagte und auch herrlich weltbeglückungsfrei erschien, entschied ich mich dafür, dem Autor, den ich erst irgendwann, dann vermutlich nicht mehr lesen wollte, eine Chance zu geben.
Erste Leseeindrücke (Wer wissen will, worum es in der Geschichte geht, kommt mit Wikipedia besser ans Ziel)
Die ersten beiden Seiten mit Zeilen, die nach Restbeständen aus späten Paul-Celan-Gedichten klangen, erwiesen sich als abschreckender als angenommen. Absolut unvisuell, kein verwertbarer erster Eindruck, statt dessen Mikroskopaufnahmen von Wassertropfen oder Verkehrsgeräusche.
Dieser Arno Schmidt übertraf sämtliche über 25 und mehr Jahre gehegten Vorurteile bei weitem. Ohne das Vorwissen, um eine Geschichte, die ich eigentlich lesen wollte und eine weibliche Hauptperson, die ich unbedingt kennen lernen wollte, wäre ich wohl nie auf der dritten Textseite angekommen. Aber erst war da Friedas mindestens Größe 7 und dann das Wissen darum, dass der Erzähler früher oder später bei ihr oder ihnen sein Gipfelglück erleben würde. Das erste horizontale Zusammentreffen der beiden geriet zum zweieinhalbseitigen Ozean von Metaphern, der dem Leser einen Eindruck von der verlorenen Ausdruckskultur für gemeinsame Bettfreuden vermittelte. Die kurzen Alltagsfragmente von Frieda zeichneten ein ziemlich präzises Charakterbild einer in ihrem Alltag und ihrer Rolle gefangenen Frau mit bislang enttäuschten Erwartungen ans Leben.
Stilmittel und ein unverhoffter Ahnherr
Im ersten Teil habe ich mich immer wieder über den knappen mit einem maximalen Anteil an Realität, persönlichem Befinden und Verbindung zu historischen Fakten und erzählerischen Traditionen gewundert und auch geärgert. Der durch Atomisierung verstellte unmittelbare Zugang zu der in Wikipedia erzählten Geschichte, die in diesem Verhau versteckt war, ging mir auch im weiteren Verlauf immer wieder ganz schön auf die Nerven. Allen gelungen hochpoetischen Einzelzeilen zum Trotz, wie dem raffiniert kombinierten Reflex in die eigene Vorgeschichte mit der Naturbetrachtung in der Partie mit den Bäumen und die Kriegsgefangenen.
Andererseits fand ich es faszinierend, wie stark der Formalist Schmidt mit den Traditionen der Deutschen Literatur verwachsen war, die etliche seiner schreibenden Zunftgenossen radikal gekappt oder zum schieren Spielmaterial degradiert hatten. Zwar verhält sich Erzähler Eggers immer wieder als mit Zitaten und Zusammenhängen spielender Eulenspiegel, doch als das Schlüsselwort „Schüdderump*“ im Text aufleuchtet, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Hier ist ein literarischer Enkel von Wilhelm Raabe am Werk,
gerade in Sachen Schrulligkeit und gegen den gesellschaftlichen Strich gebürsteter Individualität wie auch in der Verweigerung gegenüber dem Mainstream sehe ich Parallelen. Allerdings haben Schmidts Figuren einen Unterleib, dessen Regungen und Forderungen hervorragend in die Gesamtcharakteristik eingebettet sind. (Ein riesiger Fortschritt aus Sicht eines einstigen Raabe-Fans, der dieses Defizit einst mit ein paar horizontalen Apokryphen behoben hat.)
* Der Schüdderump ist der Titel eines Raabe-Romans, der einen Qualitätssprung im umfangreichen Oeuvre des sperrigen Autors bedeutet, genauer gesagt, die Abkehr vom lukrativen Mainstream zugunsten eines individuelleren Stils. Meiner Ansicht nach, - Schmidtianer kreuzigt mich dafür, ich werde nicht widersprechen, da mir die Zeit für eingehendere Studien fehlt - ist Raabe als Sprachkünstler und unzeitgemäßer Erzähler mit zahlreichen Bezügen in die literarische Vergangenheit wie als enorm emsiger Kommerzverweigerer eine nicht zu unterschätzende Referenzfigur. Insbesondere die schlicht gestrickte und doch etwas verquere Katzennärrin Line könnte auch übers Odfeld ziehen.
Mit der Identifikation Arno Schmidts als erzähltechnisch besser aufgestelltem Nachfahren von Wilhelm Raabe, war der Verfasser des Steinernen Herzens
bei mir zumindest den Malus des kühn von einem Manierismus in den nächsten springenden Formkünstlers los, glücklicherweise wiederholten sich auch nicht die Wahrnehmungsatome der ersten beiden Seiten.
Der zweite Teil mit der Reisebeschreibung liest sich immerhin deutlich flüssiger und ist auch deutlich visueller und gerade das Gartenhausidyll
ist auch szenischer geraten. Lines lakonischer Bericht über den Preis des Überlebens unter den neuen Bedingungen in Schlesien, gäbe einem heutigen Autor Stoff für 500 empörte bis wollüstige Seiten über Menschenrechtsverletzungen und unzählige Verweise auf das in den vorhergehenden Jahren oder Jahrhunderten durch Deutsche begangene Unrecht.
Die nüchterne Beiläufigkeit mit der die nach wie vor von Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat und überbordender Tierliebe geprägte Frau ihr Schicksal in ihrem Garten-Asyl erzählt und dabei im Gartenhaus-Alltag einen Erzählfaden abspult, der in Sachen Umfang das Gegenstück zur metaphernreichen Liebesnacht bildet, spricht für die Meisterschaft Schmidts als Romancier. Abhandlungen über den Kompensationscharakter ihrer Katzenliebe füllen vermutlich mehrere Regalmeter im Schmidt-Universum.
Auch die Art und Weise, wie Schmidt Line aus dem West-Ensemble verabschiedet, das gar nicht so heileweltmäßig zusammen bleibt, wie es die Wahlverwandtschaftsfraktion gerne sehen möchte. Ihre Vorratsmentalität beim Zucker kündigt die Wende an, ihre fressbedingten Bauchbeschwerden
und der damit verbundene Katzenjammer geht der Konfrontation mit geballter Westpropaganda voraus, der ihre Entscheidung, Schlesiens wegen, in die DDR zurück zu gehen motiviert, um nicht auf der falschen Seite der Grenze zu stehen. Dass sie das mit Schatzgeld tut, spricht nicht unbedingt dafür, dass das Quartett im Osten unter einem Dach zusammenleben wird.
Noch mehr begeistert hat mich die Entwicklung meiner ursprünglichen Lesemotivation von der Vermieterin und Köchin zur liebenden Frau, die beim Ausflug nach Hannover nicht nur den Wert des geerbten Schatzes erfährt, sondern auch ihr persönliches Familienerbe entdeckt und sich nicht nur biologische, sondern als wahre Nachfahrin des Jahrbuch-Janzen erweist.
Als Katalysator wirkt dabei der als Schelm eingeführte Bücherdieb Eggers, der in seiner Kauzigkeit und bei seinen Neurosen sicherlich viele Parallelen zum Autor aufweist, vor allem in der Kritik an den Verhältnissen in der restaurativen und demnächst re-militarisierten Adenauer-Republik. In diesem, in jeder Hinsicht, historischen Punkt gibt es zahlreiche Parallelen zu Böll und Co. Für die Vereinnahmung ins linke Biotop, das in den Siebzigern ziemlich verstört auf gewisse Ausführungen reagiert haben solle, spricht schon in „Das steinerne Herz“ wenig, das zwei allenfalls mangelhafte Deutschland-Entwürfe zeigt und zum ersten mal den knapp zwanzig Jahre später übel aufgenommenen Spruch über die bedingte Qualität Arbeiterdichter formuliert.
Realismus und Symbolik (Ein anachronistischer Ausrutscher)
Elitär war der Autor schon damals und sein Erzähler Eggers hält sich für klüger als der Rest der Menschheit. Gerade deshalb liefert der Roman mit den beiden Paaren Eggers/Frieda und Line/Karl einen Überblick wie tief die geistige Decke im Adenauer-Deutschland eingezogen ist, wie elementar die Bedürfnisse der Protagonisten sind.
Auf symbolischer Ebene gibt es mit dem Schatz über der eingezogenen Decke, einen Hinweis auf reichhaltigere, verborgene Perspektiven, die gute Untertanen nicht ahnen sollen, die mit Propaganda aus dem Radio dumm gehalten werden sollen. Die geradezu manische Suche nach Sendern mit einer anderen Perspektive ist ein Indiz für die Jagd nach alternativen, höheren Einsichten.
Da mein Bezugspunkt in dieser unangemessen Betrachtung eines ungewöhnlichen Leseerlebnisses jedoch Wilhelm Raabe ist, möchte ich als Arno-Schmidt-Analphabet eine ganz andere Parallele ziehen, nämlich zu Stopfkuchen. Nicht nur in Sachen raffinierter erzählerischer Polyphonie und der Synchroniserung oder Überlagerung von Alltag und Historie, sondern auch auf der Handlungsebene. In Raabes spätem Roman bringt der andernorts gescheiterte Heimkehrer die Welt seiner Heimat gewissermaßen wieder in Ordnung, indem er ein altes Verbrechen aufklärt und die Tochter des mutmaßlichen Mörders Quakatz heiratet und für frisches Selbstvertrauen bei den Verfemten sorgt.
So aktiv an der Veränderung der Verhältnisse ist der Bücherdieb Eggers gar nicht interessiert, vielmehr verhageln ihm die sich unverhofft einstellenden Glücksfälle ziemlich gründlich die Wiederherstellung seines status quo auf hörerem Niveau. Trotzdem trägt er zu einer persönliche Neuaufstellung Friedas bei und bringt ihr finanziell verwertbares wie ihr biologisches Erbe zum Vorschein und miteinander in Einklang. Damit tritt Arno Schmidt im steineren Herz für mich eher das Erbe Wilhelm Raabes als das Goethes an (cum grano salis natürlich).
Von daher fünf Sterne, auch wenn Murder Book oder Eisiges Blut sicher das ungebrochenere Lesevergnügen geboten haben.