Robin hat Pläne für die Zeit nach seinem Schulabschluss – große Pläne. Er will an eine Schauspielschule gehen und investiert dafür viel Zeit und Energie ins Tanztraining und in seinen Gesangsunterricht. Doch dann kassiert er eine Absage nach der ersten und sogar von der London Academy of Performing, wo er sich so sicher war, dass sie ihn annehmen würden. Sein Scheitern und die damit verbundene Perspektivlosigkeit, weil Robin ausschließlich auf eine Schauspielausbildung gesetzt hat, stürzen ihn in ein Loch der Hoffnungslosigkeit. Außerdem will sich sein Freund Connor nicht zu ihm bekennen, ja, nicht einmal mit dem offen homosexuellen Robin in der Schule sehen lassen.
An seinem 18. Geburtstag nehmen seine Freund*innen ihn zu einer Drag-Show in der Nachbarstadt mit. Und als Robin die Queens und insbesondere Kaye Bye performen sieht, weiß er – das will er auch machen. Unbedingt. Um jeden Preis und auf seinem Weg zur Drag Queen opfert Robin in seinem Eifer auch so einiges, ohne es selbst zu bemerken.
Wichtiger Hinweis zu Beginn (den der One Verlag in seinen Triggerwarnungen auch selbst gibt): In der Geschichte geht es auch mehrfach um Homofeindlichkeit und homofeindlich motivierte Gewalt sowie Mobbing. Es wird mehrfach erwähnt und an einigen Stellen explizit gezeigt, aber markiert, dass dies schlimm ist. Seid vorsichtig beim Lesen des Buches, wenn es euch betrifft. <3 In der Rezension selbst gehe ich nicht darauf ein, die ist dahingehend safe.
Als allererstes und ein bisschen oberflächlich: Wie schön ist bitte das deutsche Cover?? Hätte es mich nicht auch inhaltlich sehr angesprochen, hätte das glatt ein Coverkauf werden können. Und auch der Buchrücken, der ebenfalls Regenbogenschrift hat, sieht sehr schön aus.
Was ich an dem Buch interessant fand: Es baut auf dem Scheitern des Protagonisten auf. Vielleicht mag das nicht stimmen, aber ich finde, es gibt zu wenig Bücher, die Scheitern als Grundlage haben, dass Pläne einfach nicht so funktionieren, wie man sich das vorgestellt und erhofft hat (mein FSJ, für das ich keinen Platz gekriegt habe, und mein Französisch-Studium nicken bestätigend im Hintergrund) und dass man sich dann eben eine Alternative suchen muss. Die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung von Robin fand ich auf jeden Fall überzeugend dargestellt, und auch, dass er sich nach diesem Rückschlag erst einmal nicht zum Tanztraining und auf eine Bühne getraut hat. Und es war schön, Robin dann wieder aufblühen zu sehen, je mehr Kontakt er mit Drag hatte, als er mit seiner besten Freundin Natalie Schminke gekauft hat, als er mit der Queen Kaye trainiert hat.
Robin als Hauptfigur fand ich auch sehr gut. Er ist sympathisch, hat aber durchaus seine negativen Seiten, zum Beispiel dass er seine Freund*innen immer mehr vernachlässigt, je intensiver er sich mit Drag beschäftigt, das aber selbst gar nicht merkt, wie sehr er ihnen dabei wehtut. Robin ist prinzipiell selbstbewusst, nimmt sich Rückschläge aber sehr zu Herzen und macht sich und seine Fähigkeiten und Talente klein, gerät schnell ins Zweifeln. Und er ist emotional und zeigt seine Emotionen auch, was ich schön fand, dass gezeigt wurde, dass auch Männer selbstverständlich weinen dürfen. Manchmal ist er auch ein bisschen dramatisch, aber ihm passieren auch einige echt beschissene Dinge, also das passt alles.
Seine Freund*innen mochte ich auch alle sehr gern, sie unterstützen Robin, wollen ihn aufbauen und zum Teil auch schützen. Die Interaktionen mit Greg, Natalie, Priya und Set haben mir sehr gut gefallen, es sind tolle, sehr flauschige Freundschaften gewesen. Und auch die Interaktionen mit den Drag Queens, die teilweise ein bisschen ruppig sind, sich Robin aber dennoch annehmen und ihn unterstützen.
Ich bin ein bisschen begeistert, dass ich in der letzten Zeit durchaus mehr Bücher finde, in denen Freundschaft im Vordergrund steht. Ein bisschen Romance gibt es, aber sehr nett, sehr subtil, sehr flauschig.
Darüber hinaus fand ich auch die Themen spannend. Ich habe mich zuvor noch nie mit Drag (Queens) beschäftigt, das Thema war für mich also neu. Der Autor ist selbst auch als Drag Queen aktiv und hat eigene Erfahrungen einfließen lassen, dementsprechend nehme ich an, dass der Umgang damit und die Umsetzung nicht problematisch ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mir „In all seinen Farben“ richtig, richtig gut gefallen hat, auch wenn mir das Ende vielleicht ein bisschen zu schnell war. Dennoch tut das nicht nennenswert etwas zur Sache und ich denke, es ist noch ein weiteres Jahreshighlight von mir.