Der zweite Roman der algerischen und in Frankreich lebenden Schriftstellerin Faiza Guène ist - wie ihr Debut - eine Einwanderergeschichte, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und die aus der subjektiven Sicht der "Heldin" geschrieben ist. Eine junge Frau, noch ein Mädchen von 17 Jahren, schlägt sich in einer Pariser Beton-Vorstadt durch und kümmert sich um den randalierenden, jüngeren Bruder und den kranken Vater. Die Mutter ist schon tot und liegt in Algerien auf dem Dorffriedhof.
Ahlème, so ihr Name, beschreibt ihren Alltag zwischen Sozialamt, Jobsuche, Kneipentour, erster Liebe und den Besuchen bei Tante Marietou, die ihr mit Rat zur Seite steht und so etwas wie ein Mutterersatz ist. Das alles in klarer, lakonischer Sprache, rotzig und etwas prollig - aber auch liebenswert. Es ist, als würde man in eine fremde Welt eintauchen, die sich direkt vor unserer Nase befindet, aber zu der man keinen Zugang hat. Die Schicksale der Menschen, die so anderen Lebenswege, die Probleme, die sich daraus ergeben (z.B. der "Heimatbegriff") erweitern das Buch über das individuelle Schicksal hinaus.
"Träume für Verrückte", wie es auf deutsch heißt, ist eigentlich kein richtiger Roman. Es sind einzelne Szenen und Ausrisse aus einem Leben, die hier zusammengruppiert werden. Und verschiedene rote Fäden verbinden dann kapitelübergreifend das Geschehen. Aber die Form geht ganz eindeutig dem Inhalt nach: das zerrissene und auch orientierungslose Leben der Protagonistin wird mit einer Prosa dargestellt, die ebenfalls zerrissen ist- wie ein kaputter Spiegel, der ein einheitliches Bild erst herstellen muss. Dieses Bild stellt der Leser her, der die Geschichte(n) liest.
Und wenn Ahlème ganz am Ende dann für einen kurzen Moment nach Algerien kommt und das ganze Dorf anfängt zu tanzen, dann kann man die wärmende Sonne aus Oran beinahe durch die Zeilen des Textes spüren. Es ist ein wunderbares, warmherziges Finale.