Blickt man auf die Entwicklung Russlands unter Putin, dann erscheint der Angriff auf die Ukraine nicht überraschend. Seit dem «Anschluss» der Krim erfindet sich Russland neu: als eine Großmacht, die chauvinistisch spricht und aggressiv handelt. Das sagt Golineh Atai, die für ihre Berichterstattung aus Moskau vielfach ausgezeichnet worden ist. Sie erklärt die tieferen Gründe für eine Politik, die im Westen vielfach kaum wahrgenommen, in falsche Vergleiche heruntergebrochen oder einfach verdrängt wird. Die Wahrheit ist: Russland sieht sich im Krieg. Und Russlands Aggression existiert darüber hinaus auch in alten und neuen globalen Medien, im Cyberspace, im Wirtschaftsraum. Eine der besten Kennerinnen Russlands erklärt, warum Russland die globale Ordnung offen herausfordert – in einer Zeit, in der die Fortdauer ebendieser Ordnung ungewiss ist.
Ich habe gefühlt ewig für das Buch gebracht, weil einem die Lektüre auf jeder Seite klar macht, wie krass naiv und verantwortungslos die deutsche Russland- & damit vor allem die deutsche Energiepolitik seit Jahrzehnten war: von Schröder bis Merkel und Scholz. Man lernt viel über die Transformation Russlands in einen autoritären, revanchistischen Staat, der das Ziel hat, die NATO und die westlichen Staaten zu unterminieren. Und wie krass arm Russland ist bzw. wie schlecht die Mehrheit dort immer noch lebt. Der Reportage- und Erlebnisstil macht das Buch gut lesbar. Mir fehlte dafür aber ein bisschen eine analytische Ebene in den einzelnen Kapiteln. Am Schluss macht sie das, aber es bleibt ein bisschen summarisch, finde ich. Besonders interessant fand ich Atais Ausführungen zur Bereitschaft westlicher Medien und Politiker*innen die Scheiße auch begeistert zu fressen, die ihnen Russland auftischt und wie aktiv und strategisch Russland Desinformation betreibt. Dass diese naiven oder ganz bewussten russischen Sprachrohre immer noch bzw. verstärkt in deutschen ÖRR Talkshows auftauchen, ist auch kein gutes Zeichen für das Bewusstsein deutscher Medien, welche Rolle sie für Putin spielen.
Atais Buch erschien kurz nach Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine und greift verständlicherweise auf viele frühere Recherchen der Autorin zurück. Das merkt man meiner Meinung nach leider - mehr Stringenz und Systematisierung hätten ihm sicher gut getan. Dennoch hilft Attai enorm die inneren Entwicklungen in Russland zu verstehen, seine Denkvorraussetzungen und Schemata. Das Narrativ eines Putins, der quasi im Alleingang handelt, stimmt so nicht. Hinter ihm steht eine reaktionärer, national-imperialistische Front, die die Religion, Kultur und Medienlandschaft entsprechend des Freund-Feind-Schemas umgestaltet hat. Es wird deutlich, wie das westliche Desinteresse an Osteuropa zu einer Naivität in Bezug auf Russland geführt hat, dass mittels Trollfabriken längst auf Wahlen und Referenden im Westen massiv Einfluss nimmt durch Manipulationen und gezielte Streuung von Verschwörungsmythen. Der Überfall auf die Ukraine ist keine Überraschung, sondern konsequentes Fortschreiten in Russlands imperialistischen Bestrebungen. Sehr empfehlenswert.
"Facts alone don't mean much. And I would say it even more harshly: when it comes to historical myths, facts mean nothing at all. It all starts not with facts, but with interpretations. If you love your country, your people, then the history you write will always be positive." - Vladimir Medinsky, Russian Minister of Culture
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Who could have predicted Putin's last war? Anyone after reading this book by the brilliant German correspondent Golineh Atai, who won the highest journalistic awards for her reporting from Moscow from 2013 to 2018. Her "Truth is the Enemy" is an extraordinarily erudite and lucid account of the years 2011 to 2019 from the perspective of the inner workings of putin's russia. It is timely and very useful for understanding russia's new politics, which implies understanding also what russians are saying about themselves and the world. Slogans like "Great Patriotic War", "besieged Fortress Russia", "fascist NATO" or "Malorussian Ukraine" are their narratives, which unfortunately are also adopted by a part of the Western public.
Atai describes what the West usually ignores or overlooks. Using impeccable journalism, she carefully summarises the development towards an imperialist revanchist state under putin and names the methods of those in power, including Malofeev, Borodai, Prigozhin, Zaldostanov, Girkin, as well as Prokhanov and Dugin. She has produced one of the best accounts of 2014 that I have ever read, and she touches on Syria, the Balkans, Nemtsov and Skripal, the influence of Western elections and russian campaigns in general wherever there are no clear boundaries: in the media, in cyberspace, in the economy. It sends chills down the spine.
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"International law and the legal order that developed after the end of the Cold War have apparently become relative; instead, many Europeans and Americans, not just those on the right and left wings, follow the Kremlin's disinformation. Was there even an invasion of Crimea? Is Ukraine even a state, a real country, does it even have a language and a history? Didn't Ukraine deserve to be invaded? Doesn't the Syrian political opposition deserve to be destroyed? Aren't russia's attacks on the West justified? Has the West not promised russia that it will not expand NATO further? While many in the West are still asking similar questions and thinking back and forth, the Kremlin has extended its rules of interpretation a million times around the world, twisting disinformation into the core narrative."
Ein leider auf ganzer Linie absolut enttäuschendes Buch! Und das trotz der Fülle an aufgearbeiteten Geschichten und Ereignissen (und der sicherlich hehren Absichten der Autorin).
Es bewahrheitet sich, was James Joyce sinngemäß einst sagte:
"Journalisten schreiben über das, was Menschen TUN; Schriftsteller über das, was Menschen SIND."
Atai erzählt viel (faselt bisweilen repetitiv bis an die Grenze der Unerträglichkeit), erklärt aber sehr wenig. Ihre Feststellungen sind hermeneutisch und analytisch auf Oberstufenniveau. Woran lässt sich das erkennen? An der einfachen Tatsache, dass sie nicht versteht (oder vielleicht intellektuell nicht in der Lage ist zu verstehen), WARUM Russland die Politik betreibt, die Russland eben betreibt (dabei lautet der Untertitel doch "Warum Russland so anders ist"!). Sie erwähnt zwar (auf etwa einer halben Seite), wogegen sich die globale konservative / rechtskonservative Bewegung insgesamt richtet, aber nicht, was die tieferen (geschichtlichen) Ursachen sind, welche dieses "Aufbäumen" bedingen. Gleichzeitig zeigt sie eine erschreckend kindlich-manichäische Einteilung in Gut und Böse, was die Probleme dieser Welt betrifft. Dass jedoch selbst in den Hochburgen der Politischen Philosophie / Moralphilosophie (geschweige denn in der Sozialpsychologie) nach wie vor Debatten geführt werden (als Stichwörter nenne ich insbesondere den argumentativen Kontrast zwischen "progressivem Liberalismus" und "Kommunitarismus" - beides vertretbare, streitwürdige Positionen im Übrigen), scheint sie offenkundig nicht zu wissen, ja von selbigen noch nie gehört zu haben. Selbstredend ist die Autorin so beschränkt und begrenzt wie ein jeder von uns, doch bei derart dicken Moralkeulen (abseits der Benennung, Sichtbarmachung und Anklage offenkundiger Verbrechen des Regimes), mit denen sie kopflos um sich schwingt, wundert es mich überhaupt nicht, dass die Menschen der westlichen Zivilisation zunehmend ihr Vertrauen in die öffentlichen Medien verlieren (Stichwort "betreutes Denken").
Denn eines wird mit Sicherheit nicht passieren: Nämlich, dass die von ihr verschriftlichten "Enthüllungen" dazu beitragen, dass die politischen und alltagsbetreffenden Defekte und Verwerfungen der entgrenzten (Hyper-)globalisierung abgefedert oder verhindert werden, noch, dass die russische Föderation ihren politischen Kurs ändern wird. Diese moralische Hybris zu thematisieren, würde ein eigenes Buch füllen. Grundsätzlich wäre es nach meinem Dafürhalten besser gewesen, die hier gesammelten Informationen und Geschichten filmdokumentarisch aufzubereiten, statt sie in dieses realitätsblinde Polly-Pocket-Universum schriftlich zu überführen.
Summa summarum ist "Die Wahrheit ist der Feind" mehr anekdotische, humanistisch verklärte Demagogie als echte Aufklärung. Denn - wenn es eine Wahrheit in der Geschichte gibt, ist es doch wohl die, dass die Wahrheit gegen Interessen und Machtansprüche nicht selten das Nachsehen hat. Das ist "nicht schön"... jedoch leider wahr.
Eine Leseempfehlung für alle Noch-Sympathisanten mit dem Terrorstaat russland.
Atai stellt strukturiert und anschaulich dar, wie sich die russische Regierung seit etwa 20 Jahren nur noch durch Lügen definiert und gestaltet und wie empfänglich das russische Volk sowie bestimmte Bevölkerungsteile in Europa und den USA für diese Lügen sind. In diesem Buch wird sehr intensiv auf die Manipulation und Einflussnahme russlands auf die westlichen Staaten und ihre Bevölkerungen zu seinem Gunsten eingegangen. Nicht nur im geschichtlichen Rückblick, sondern vor allem in der heutigen Zeit kann russland von seinem imperialistischen Denken nicht ablassen.
Der seit 2014 andauernde Krieg gegen die Ukraine, der seit mehr als einem Jahr in Form eines barbarischen Angriffskriegs und eines Genozid des Ukrainischen Volkes geführt wird, ist nach dieser Lektüre noch besser zu deuten.
Tja, wer hätte das mit Putins Angriffskrieg ahnen können? Jede/r nach Lektüre dieses Buches der ehemaligen Moskau-Korrespondentin der ARD. Akribisch trägt sie die Entwicklungen zum imperialen revanchistischen Staat unter Putin zusammen und benennt Quellen und Methoden der Machthaber. Vor allem die Desinformationskampagnen und ihre Protagonisten. Denn die Lehre aus Georgien 2008 war ja für Moskau: wir dürfen nicht mehr wehrlos der Wahrheit ausgesetzt werden - wir müssen stratgeische Unsicherheit über das, was geschieht, herstellen. Dabei geht es nicht darum, eine neue Wahrheit zu platzieren, das ist Propaganda aus grauer Vorzeit. Nein, wir lancieren so viele Wahrheiten, dass am Ende alles wahr und alles gelogen ist. Und willige Multiplikatoren von links bis rechts finden sich überall in Europa. Ganz zu Schweigen von ahnungslosen Antiamerikanisten. Auch heute noch lesenswertes oder hörenswertes Buch. Es läuft einem kalt den Rücken runter.
Kernaussagen: • Russland ist mächtig & mischt sich in Angelegenheiten anderer Länder ein -> US-Wahl 2016, Brexit -> Troll-Argenturen verbreiten Putins Narrativ der "русский мир" • Русский мир als Legitimation für eigenen Herrschaftsanspruch -> Putin als neuer Zar • Steuerung der Nachrichtensender durch russische Regierung -> Russia Today & Sputnik im Ausland -> Informationskrieg • Russland ist keine Demokratie, sondern ein autokratischer, orthodox-nationalistisches Regime • Grundrechte werden in Russland nicht respektiert • Russland stellt sich selbst im internationalen Geschehen immer als Opfer dar und rechtfertigt dadurch seine Außenpolitik -> Cyber Attacken, Morde, Annexion der Krim • Bündnis mit westlichen Rechten (& Linken) • Xenophobie & Homophobie • Verfolgung & Ermordung Oppositioneller -> Informationrskrieg (Troll Agenturen, Fake News, Populismus, staatliche Nachrichtensender, Zäsur Oppositioneller)
ABER: Wir müssen den Kontakt mit den russischen Menschen wagen, um ihnen die Realität zu zeigen, im Gegensatz zu russischen TV-Sendern & Internet-Trollen. Aber auch wir müssen ein Bewusstsein dafür bekommen, dass Russland nicht die UdSSR ist. Mehr Kommunikation auf bürherlicher Ebene wagen, damit die Wahrheit siegen kann.
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Grobes Hintergrundwissen über Putins Russland erhalten (ebenfalls bisschen über Ukraine und wie russische Trolle Europas Fake News kontrollieren) Auch relativ aktuell (2019)
Informationskrieg und Abschottung Kurzmeinung: Hervorragend recherchiert, viele Einzelbeispiele! Golineh Atai war während des Euromaidan in Kiew/Ukraine vor Ort. Von 2012 bis 2018 war sie als Korrespondentin in Moskau. Sie weiß wovon sie spricht, wenn sie zum Beispiel sagt, dass Russland alles daran setzt, ausländische Journalisten - natürlich im russischen Inland, aber auch im Westen selbst- zu diskreditieren, was zumindest im rechten Flügel der USA und im rechten und linken Segment Deutschlands hervorragend funktionierte und noch immer funktioniert. Dass es funktioniert liegt auch daran, dass die westlichen Medien nicht mit derselben Münze zurückzahlen: Im Westen gilt Meinungsfreiheit, auch wenn diese vielleicht nicht vollumfassend ist, es gibt auch im Westen vereinzelt eine Beeinflussung durch Vorgesetzte und politisch motivierte Besetzungen von Aufsichtsräten etc. pp., so muss doch niemand um Job und Leben fürchten, der sagt und schreibt, was er denkt. Von dieser Freiheit profitieren die russischen Sender (z.B Russia Today oder Sputnik), nämlich von der Freiheit, dass sie alles sagen und behaupten dürfen, was ihnen in den Sinn kommt, während gleichzeitig die Veröffentlichungsfreiheit ausländischer Medien im eigenen Land strikt reglementiet und mitunter völlig unterbunden wurde. Der Westen ist sich zu fein dafür, Russland im Gegenzug mit Trollen, Bots und Falschmeldungen zu überziehen. Im Informationskrieg hat Russland momentan die Nase vorn dank der Skrupellosigkeit seiner Führung und seiner Elite.
In ihrem Sachbuch „Die Wahrheit ist der Feind“ deckt Atai auf, wie sehr die Demokratisierung in den Nachbarländern die russische Politelite beunruhigte, so sehr, dass unter Putins Herrschaft bereits fünf Kriege geführt wurden! Die Tschetschenienkriege waren grausam, blutig, furchtbar – und doch von der Weltöffentlichkeit nur am Rande wahrgenommen. Darauf hoffte Russland auch beim Angriffskrieg auf die Ukraine. Verächtlich lässt sich der Kreml über die „Farbrevolutionen“ im Nahen und Mittleren Osten aus und unterstützt selbst sämtliche tyrannische Autokraten. Das russische Staatsfernsehen samt den meisten Printredaktionen sind mit einem Direktdraht mit dem Kreml verbunden, woher Direktiven zur Programmgestaltung kommen. Journalismus ist ein Kampffeld geworden, eine objektive Berichterstattung ist nur noch unter Lebensgefahr möglich. Drohbriefe und Morddrohungen seien die Regel im Alltag russlandkritischer Berichterstatter. Nicht wenige davon starben auf unerklärliche Weise. Und nein, natürlich nicht: der Kreml hat nichts damit zu tun. Das ist alles Zufall. Auch die Ermordungen von vom Kreml Verräter geschimpften Geflüchteter – Einzeltaten, Zufall. Der Kreml hat auch damit nichts zu tun, dass einige den Mund zu voll nehmender Oligarchen oder unfreundlicher Politiker, vergiftet werden, aus dem Fenster fallen, etc. pp. Shit happens! Putin wäscht seine Hände in Unschuld.
Bände spricht die großangelegte Geschichtsverfälschung und die Umdeutung der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Memorial, eine Organisation, die zum Ziel hatte, an die Opfer Stalins zu erinnern sowie andere NGOs in Russland wurden dazu gezwungen, sich als „ausländische Spione“ registrieren zu lassen! Und wer glaubt einer Organisation, die „zugibt“, dass sie ein Agent des Auslands sei. So herrscht im Volk allmählich nicht mehr das große Entsetzen über Stalins Vernichtungsorgie vor, sondern Stalin wird als Erneuerer Russlands und als Held neu aufgebaut. Opfer waren eben nötig, heißt es und nicht mehr wie vorher„die Paranoia Stalins konnte jeden treffen“ und der einzelne war der Willkür der Staatspolizei ausgeliefert. Ob die Menschen diese Umdeutungen in großem Stil kaufen, weiß man nicht, aber „Putins Welt“ setzt bei den Kindern an, es gibt neue Schulbücher, wie in der ehemaligen DDR, – und die Gehirnwäsche wirkt. „Russen sind die Guten und wer das Gegenteil behauptet, ist ein Verräter“, ist die Doktrin. Patriotimus und Militarismus gehen Hand in Hand. Wer anderer Meinung ist, muss das Land verlassen. Wenn er kann. Es sind so viele Details, belegte Beispiele für Russlands gezielte Desinformation in „Die Wahrheit ist der Feind“ enthalten, zum Beispiel zum „Fall Lisa“, der unter den in Deutschland ansässigen Russen Kreise zog und an den der eine oder andere sich vielleicht erinnert, das kann man gar nicht widergeben. Das muss man selber lesen oder hören. Ja, es ist mühsam und anstrengend, aber in den heutigen Zeiten sollte man sich informieren.
Fazit: Tatsache ist, dass das wundervolle und ein wenig geheimnisvolle Land Russland mehr und mehr ein faschistischer Staat geworden ist. Wie lange es diese Strukuren aufrechterhalten wird, weiß kein Mensch.
Kategorie: Politisches Buch Verlag: Argon Verlag, 2022
Golineh Atai hat ein hervorragendes Buch geschrieben, in dem sie systematisch und nüchtern den Weg Russlands in die derzeit bedrohlichste Diktatur Europas beschreibt. Atai gelingt es u.a. auch klarzustellen, mit welch perfiden Methoden der FSB-Agent und Präsident Vladimir Putin antidemokratische Tendenzen in so vielen Ländern wie möglich mit dem Ziel der Destabilisierung unterstützt und wie man geschickt die demokratische Bewegung des Majdan in Kiyv diskreditiert hat.
Hab zwar eine Weile gebraucht, um das Buch zu lesen, aber es ist sehr informativ und auch m.E. neutral geschrieben. 2019 gekauft, 2021-2023 gelesen. Könnte ein Nachwort gebrauchen, nach alldem, was seit der Veröffentlichung passiert ist.