Fünfzehn radikale Lebensäußerungen, geschrieben von einem der großen Ausnahmetalente der deutschsprachigen Literatur. In fünfzehn Episoden sprengt Helene Hegemann mit luzidem Blick und großer sprachlicher Wucht sämtliche Kategorien, über die wir die Gegenwart zu begreifen versuchen. Ein Pfau wird mit einem Golfschläger getötet und entlarvt die Doppelmoral der amerikanischen Kulturelite. Eine junge Frau will zu ihren Eltern in die österreichische Provinz fahren und verpasst immer wieder ihre Station. Ein Bad in der Wolga markiert das Ende einer zerstörerischen Beziehung. Ein Junge verliebt sich in einen anderen, während sie von fünfzig Wildschweinen umzingelt werden. Eine Snowboarderin wacht unter einer Schneedecke auf. Ein Gemälde von Monet stürzt einen Kunstexperten in eine tiefe Sinnkrise. Es sind versehrte, kraftvolle Figuren, die Helene Hegemann durch das Buch und eine Welt wandern lässt, in der Gewalt am gefährlichsten ist, wenn sie unterdrückt werden soll, in der das Abarbeiten an Widersprüchen schmerzhaft, aber auch ein großes Vergnügen sein kann. Nach und nach setzt sich ein perfide konstruiertes Psychogramm unserer Gesellschaft zusammen, das verstörend und beglückend zugleich ist.
»Ich lief auf die Wolga zu, zog im Gehen meine Klamotten aus. Ich blieb so lang unter Wasser, bis mein Körper wieder atmen wollte.«
Helene Hegemann is a German writer, director, and actress. As a young writer her work was highly praised, but her first novel, Axolotl Roadkill, sparked a plagiarism controversy.
Hegemann is no Leif Randt, but this is the first of her books that makes me understand why some people are fascinated by her prose and themes: She has a particular take on the current cultural climate and searches for a form to best express it. I've been struggling to comprehend the appeal of Hegemann for years now, which doesn't mean that she's a bad writer - it does mean though that it's rather intriguing to investigate why I have a hard time enjoying a young writer determined to challenge traditional forms, language and themes, although I applaud the intention. I read Hegemann to learn about myself, although not as intended by the author.
Looking at Axolotl Roadkill and Jage zwei Tiger, for example, I couldn't stand the forced language that so obviously aimed to provoke and to be tough while not trying hard enough to actually convey something meaningful. In these 15 new stories, many of them written at the title-giving Schlachtensee and set in various places all over the world (Egypt, USA, Austria, Russia, Germany...), the language does finally not alienate me so much that I have a hard time getting through the book. Still, these are no traditional stories, they often meander, intentionally lack focus and mostly have no proper endings: There is still a randomness to Hegemann's composition, or to put it nicely, a contingency.
To me, the collection felt like she was trying to do what Setz achieved in Der Trost runder Dinge: Craft texts that are disturbing and weird, but strangely touching while being zeitgeisty. Hegemann wants to be anti-mainstream, but it often feels like a pose, not only because she hails from the heart of the established art world (which isn't her fault or bad per se, it just makes the outsider pose unconvoncing). "Schlachtensee" has strong scenes, often atmospheric and captivating details, some very strong, laconic sentences. The themes are class and social codes, the opposition between nature (especially birds) and jaded, alienated people - and sometimes, Hegemann's political beliefs are packaged in in an undercomplex and flashy way (capitalism bad! toxic masculinity bad!). We meet recurring characters throughout the book, there is an uncomfortable degree of animal cruelty, and unfortunately, about half of the stories seemed exhaustingly pointless- but there are some captivating texts in here.
In interviews, Hegemann has pointed out that "rebellious bodies" ("aufständige Körper") in an automated world have been a main concern of hers, meaning bodily reactions to outside circumstances that are experienced as negative - I have a hard time finding all too many examples of this in the book. All in all, I'm still struggling with the hype for Hegemann when we have others like the aforementioned Randt and Setz, but also Joshua Groß and Philipp Winkler writing way better about alienation and zeitgeist, but alas, the publicity also shows another interesting aspect of the book debate: While Hegemann is not as widely read, traditional media have again jumped on this new book. This is apparently literature for a particular brand of literary reviewers in traditional media.
ich fand einige geschichten okay, aber ihr stil hat mich wirklich extrem abgestoßen. es wirkt als hätte sie einmal alle einschlägigen autor*innen des new narrative movement gelesen und daraufhin diesen stil ganz strategisch nachgebaut, aber da sind wirklich keinerlei gefühle, kein sinn. es klingt alles einfach nur bemüht und abgedroschen
3.5 Sterne. Teilweise hat mir das gut gefallen, vor allem die Stories 'Snoopy, das Meer und ich', 'Himmel', 'Mäusesticker', 'Sex und Macht' und 'La Grenouillére, 1869.' Wobei mich eher Inhalt und einige Textpassagen beeindruckt haben als der gewählte Schreibstil, der eher in-your-face, direkt, frech, gewollt wild, frivol, schamlos á la Sex, Drugs & Money in sich vermischt. Cover finde ich aber mega!
Helene Hegemann schreibt wie eine lethargische Jugendliche - und das ist auch gut so. Doch nicht immer sind ihre Erzählungen schlüssig, versuchen teilweise krampfhaft die Erzählstrukturen zu durchbrechen, dabei hat sie das gar nicht nötig. Gerade die kürzeren Erzählungen in der Mitte des Buches lassen einen so ratlos zurück, dass man eigentlich gar nicht weiß was man dazu sagen soll: ist das jetzt große Kunst? hab ich das einfach nicht verstanden, bin ich zu dumm dazu? Ich sage: mitnichten. Helene Hegemann zeichnet hier nur die Absurditäten des Lebens einer Elite nach, der sie selbst angehört: Kinder aus Akademikerfamilien, die mit ihrem Leben nichts anzufangen wissen & sich deswegen auf Sex- und Drogenpartys in Russland bewegen oder sich einer Kommune anschließen & trotzdem schwerwiegende und unlösbare Konflikte mit sich selbst und ihrer Herkunft rumtragen. Das alles könnte wahnsinnig traurig und deprimierend, jedoch auch komisch sein & in manchen Fällen ist es das tatsächlich auch. Ganz oft jedoch schaffen es die kurzen Erzählungen nicht diese tragischen und doch komischen Figuren richtig nachzuzeichnen, zu verwirrend sind oft die Dialoge und die abrupt endenden Stories, als ob es da einfach nichts interessantes zu Erzählen gab, man es aber zu spät gemerkt hat und deswegen trotzdem irgendwie eine Story hingebastelt hat. Und trotzdem - etwas haben viele der Stories an sich, dass ich sagen muss: exzellent geschriebene Passagen, tiefe Einblicke in das Seelenleben anderer und manchmal wirklich skurrile und tragikomische Momente gut getroffen und in Szene gesetzt. Helene Hegemann ist nicht mehr die Jugendliche, die uns mit Axolotl Roadkill ein aufsehenerregendes und gleichzeitig wirklich gutes Debüt geschenkt hat. Dennoch schreibt sie noch so & das ist gut so. Jedoch - und das ist die Krux, auch ihres zweiten Romans „Jage zwei Tiger“ gewesen - sie versucht ihre Stories mit großer Gesellschaftskritik aufzuladen, schafft es im gewissen Maße auch aber scheitert zu oft an zu kurz gedachten Handlungssträngen, die in eine Leere ohne Pointe führt. Vielleicht ist das aber auch ihr Sinn? So pointenlos ist das Leben für viele der gezeigten Charaktere tatsächlich. Allerdings läuft es allzuoft genau darauf hinaus und erscheint so prätentiös, gerade weil die Figuren alle abgefuckt und wahnsinnig lethargisch sind. Wenn jedoch alle so sind und sich die Erzählmuster auch ständig wiederholen, habe ich das Gefühl in einer Endlosschleife der Pointenlosigkeit gefangen zu sein, die darauf aus ist mich zum nachdenken zu bewegen, obwohl ich manchmal gar nicht weiß, über was ich da jetzt konkret nachdenken soll. Und das ist wirklich schade, eben weil Helene Hegemann so wahnsinnig talentiert ist und sie sich immer noch so jugendlich frisch in ihrem Stil hält (zumindest was einen viele Passagen im gesamten Buch angeht). Alle meine Hoffnungen ruhen bis dahin aber auf ihrem nächsten Buch, bis dahin les ich einfach nochmal Axolotl Roadkill.
Helene Hegemanns Sammlung mehrerer Kurzgeschichten ist so ungemein abgedreht, verrückt und unkonventionell, dass eine gängige Inhaltsangabe schwierig wird. Nur so viel: um den "Schlachtensee" geht es in keiner der Geschichten, dafür umso mehr um Entgrenzung, Grenzüberschreitungen, Unglaubliches und Unfassbares. Oft werden Körper verletzt, geschunden, gefordert, ein Pfau wird erschlagen, Beziehungen zerbrechen oder man kämpft um deren Bestehen. Was genau passiert und wie, das schleudert einem Helene Hegemann in einer direkten, aufgeladenen und dichten Sprache entgegen, dass man beim Lesen mehrfach an Punkte kommt, die bei einem ein "What the...?", "Echt jetzt?" oder "Krass!" auslösen, Diametrales und neues Metaphorisches wird erzeugt, das man so noch nicht gelesen hat : - "In dem Moment kam eine SMS von Maria. Sie schrieb, dass sie durch Prag laufe und der Mond Spitzen hätte. Ich wusste nicht, was sie damit meinte. Bis ich zum Fenster ging und mir den Mond anguckte. Der war so eine Sichel. Ein sichelförmiges Messer. Zweischneidige Klinge mit spitzen Enden aus Stahl." -"Dieses Mal ohne den Journalisten, der hatte am Dessertbuffet randaliert und saß jetzt im Taxi. Es lief Madonna. Irgendeine Transe stand in Flammen, weil sie besoffen in den Kerzenständer gefallen war, es gab Langweiligeres."
Hier knallt so vieles aufeinander, dass man schnell das Gefühl hat, einer Reizüberflutung ausgesetzt zu sein. Das fordert und strengt an, die Sachebene bleibt oft bei der ganzen Bilderflut zu sehr verschlüsselt.
Ich mag Hegemann nicht, weil sie von talentierteren Autor:innen geklaut hat und daraus Profit geschlagen hat. Das mag man als Jugendsünden abtun, wenn sie denn wenigstens gut schriebe. Handwerklich sind die 15 Stories nicht zu beanstanden, schreiben kann sie. Aber auch mit 30 sind in dem, was sie schreibt, Kinderkrankheiten erkennbar; da wird effekthaschend eine Ermordung im Nebensatz verhandelt, es wird gefickt und gevögelt, gerne auch mit deutlich älteren Männern und man stellt sich – rein sprachlich – die Frage, ob das denn wirklich sein muss. Die Geschichten sind lose miteinander verbogen, in dem sich vor allem Namen wiederholen. Das ist geschickt gemacht, tröstet aber kaum über die übrigen Unzulänglichkeiten hinweg. Schade.
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texte konstruiert, ausgedacht, roh, assoziativ, plastisch, mit starken momenten, teils unglaubwürdig und auch nervig. zwei erzählungen abgebrochen. figuren angeschlagen, versehrt, geschichtenübergreifend, aber eben auch teils unglaubwürdig, albern. 2,5 sterne.
Der Klappentext hält, was er verspricht: Radikal ist hier einiges, vor allem die Abschlusssätze der Storys. Generell sind in den Geschichten – auch wenn ich sie nicht als Episoden bezeichnen würde – tolle, bildhafte und anspruchsvolle Sätze enthalten, welche die Handlung im Einzelnen aufwerten. Der Rest kann leider nicht ganz überzeugen; hier dominieren langatmige Erzählvorgänge, irrelevante Inhalte (oder solche, die irrelevant auf mich wirken) und für meinen Geschmack wenig interessante Handlungsvorgänge. Interessant sind hingegen die zahlreichen Bezüge auf Kunst und Kultur, die Internationales verbinden und etwa an einem Schauplatz zusammenführen.
Gerade für die kürzeren Storys lohnt es sich also trotzdem, mal in die Sammlung hineinzuschauen. Obschon man die Highlights suchen muss, kann man was aus dem Buch mitnehmen – ich zum Beispiel mag die Referenz auf Bob Dylan in der zweiten Geschichte; generell sind einige Referenzen mehr oder weniger offensichtlich zwischen den Zeilen versteckt. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ergibt sich daraus eine interessante (neo-)expressionistische Sammlung mit popliterarischen Elementen, wobei sich die Verschmelzung verschiedener historischer Zeitebenen und Medien bereits im Cover andeutet.
Abschließend soll der gelungene Titel erwähnt sein, der hinweisgebend auf den Berliner Schlachtensee auch weiterführend interpretiert werden kann und rückwirkend einen äußerst passenden Rahmen für die Geschichten bietet.