Alle glücklichen Bücher gleichen einander, jedes unglückliche ist auf seine eigene Weise unglücklich.
Mit diesen Worten von Wells oder Tolstoi beginnt dieser Roman nicht, doch er könnte es, denn er liebt den großen Auftritt im Smoking der Rhetorik. Daher werden wir Leser in diesem Buch mit Weisheiten und niedergeschriebenen Buntheiten des Seelenlebens eines Jugendlichen verwöhnt.
Im Ernst: Immer wieder begegneten mir sehr schöne Sätze in Hard Land. Etwa, wenn Sam über seinen distanzierten Vater folgendes äußert: Mein Vater war mir oft wie eine heruntergelassene Jalousie vorgekommen. Doch an jenem Mittag konnte ich zumindest durch die Ritzen spähen. In der düsteren Muffigkeit und dem Desinteresse, die aus diesem Bild sprechen, erkenne ich mit Sam einen Menschen, der - warum auch immer - keine Blicke ins Intime duldet. Ein Vater sollte anders sein.
Doch von diesen stilistischen Höhepunkten abgesehen, liefert Hard Land für mich zuckersüßen Erzählkitsch, der sich einerseits aus einem permanenten Auf und Ab der Gefühle ergibt. Auf die Lust der Nacht folgt der Absturz am Morgen, auf die Freundschaft die Trauer. An sich stört mich ein solches Erzählprinzip nicht, im Gegenteil: Die Wandlungen und Launen des Lebens gehören zu unserer Erlebniswelt dazu.
Aber Wells baut diese Wandlungen mit einer elephantiatischen Leichtigkeit auf, so dass ich beim Lesen immer schon fünf Seiten vorher den Pups des Zusammenbruchs rieche und auch die Personen (Sam, Hightower, Cameron, Kristie, Jean) eigentlich nur als Schachfiguren wahrnehme, die von Wells ins hehre Spiel der emotionalen Überwältigung des Lesers geworfen werden.
Gibt es in Hard Land mehr als fünf Sätze, deren inhaltliche Substanz mit ihrem ästhetischen Schauwert mithalten könnten? Ich bezweifle es. Bezeichnenderweise häufen sich gerade im zweiten Teil dann auch die Sätze, die nichts transportieren, die Mega-Deeptness aber vehement fordern. Ein Beispiel auf Seite 231: Hightower umarmte mich und warf mir einen Blick zu, in dem ungefähr hundert Worte und Gefühle gleichzeitig steckten. Was soll ich mit solchem Quatsch anfangen?
Wer sich einmal richtig fremdschämen will, sollte auch die unmittelbaren Seiten nach dem Tod der Mutter lesen. Ich finde es traurig, dass die Darstellung dieses Todes, mit dem der Roman immerhin beginnt, diesem Thema nicht annähernd gewachsen ist. Zumindest für mein Empfinden sind hier niemals spürbare Veränderungen im Helden Sam erkennbar. Selbst kurz nach dem Tod der Mutter schwadroniert er in seinem dauerironischen, dauerklugen Ton daher.
Andererseits hat eine Person aus meinem Bekanntenkreis vor kurzem geäußert, dieser Roman habe ihr bei der Verarbeitung des Todes eines Angehörigen geholfen. Wells Gefühlsaphorismen können also auch therapeutisch wirken.
Mein Leiden würde Hard Land wohl verstärken. Außerdem reiht sich erneut das intendierte, planvolle und mechanische Auf und Ab des Erzählens, das im „Asphalt-Wellenreiten“ der Clique auch ein treffendes Bild findet.
Apropos Clique: Wells hat seine Helden offenbar aus dem Quelle-Katalog der profanen (und zeitgemäßen!) Superhelden geordert. Denn Hightower ist ein schwarzer, fernsehwürdiger Musterathlet, der gleichzeitig juraschlau ist. Cameron ist ein bisexueller Sohn eines milliardenschweren Industriemoguls, der sich für film noir begeistert. Die Schwester Jean hat vor ein paar Jahren eine amerikaweit ausgestrahlte Sendung erdacht. Ich konnte mich nicht für die Figuren erwärmen, mir erschien diese Aufstellung wie eine Anbiederung an Tante Henriette:
"Mensch, da im Buch von dem Wells: ein Schwarzer, ein Schwuler und eine Punk - aber alle sind so NETT, das ist ja dolle!"
Klar, kann man machen als Autor_in, aber wenn sich daraus keine Geschichte ergibt, sondern eine Verkaufsmasche, die durch satte Effekte, knallige Sentenzen und Tod und Gebumse wirklich jedes Fangirl und jeden Fanboy in den lokalen Thalia pressen will, dann ärgert mich das.
Übrigens: Es gibt bei YouTube einen Trailer zum Buch. Das ist neu. Ist es gut?