Marion Zimmer Bradley hat mit der Reihe um Avalon ein gewaltiges Epos geschaffen, das sich nicht nur durch die zart zwischen den Zeilen erwähnten Wiedergeburten der Hauptcharaktere verbinden lässt, sondern auch ihren unvergleichlichen Stil. "Die Priesterin von Avalon" ist indes zwar teils ihr Werk, aber nach ihrem Tod von Diana L. Paxson fertig gestellt, ähnlich wie auch die Ahnen von Avalon. Das merkt man. Es fehlt dem Buch etwas. Ich habe eine Weile gegrübelt und bin schließlich darauf gekommen, dass es die Beziehung zwischen Frauen ist, die in so vielen anderen von MZBs Büchern so tragend sind, die hier fast gänzlich fehlen. Eilan mag zwar auf Avalon noch enge Bindungen gehabt haben, aber sie rücken nie in den Vordergrund, und diese Zeit ist nur durch ihren Konflikt mit der Hohepriesterin geprägt. Dann kehrt sie den Rücken und wird vollends zu Helena, einer Frau, die meist durch ihre Beziehung zu Männern charakterisiert und definiert wird und deren weibliche Begleiterinnen in den Hintergrund treten. Egal, welchen Namen ehemalige Sklavinnen oder Dienerinnen tragen, egal, wie sehr sie Helena ans Herz wachsen, für Paxson treten sie doch alle in den Hintergrund, während sie versucht, MZBs Vision von Helena und ihrer Geschichte als einstige Priesterin Avalons, die stattdessen in die Welt geht und ihre Rolle als spätere Heilige und Mutter von Kaiser Konstantin erfüllt, umzusetzen. Und das ist das Problem mit diesem Buch. Es geht so viel um die historischen Fakten, die Paxson nach eigenen Angaben alle selbst recherchiert hat, dass Avalon und die Mystik der Priesterinnen und der Großen Mutter völlig in den Hintergrund geraten. Hier ist der Versuch, einer historischen Lebensgeschichte einen Hauch Mystik und Avalonflair einzuhauchen, aber sie wird dem nicht gerecht. Die Konflikte Helenas, was die Prophezeiung oder ihren Sohn betrifft, werden nie lebendig, ihre Beziehung zu Konstantius schon gar nicht. Sie scheint entrückt, selbst schon ein wenig die Heilige zu sein, die andere gern in ihr sehen, und aus ihrem Tonfall kommt nichts heraus. Im späteren Verlauf des Buches wird es schlimmer, der Anfang, der noch in Großbritannien spielt, hat mehr Potential.
Natürlich ist es eine gewaltige Aufgabe und die historischen Persönlichkeiten, die man hier ausgewählt hat, sind groß, vielleicht sogar größer als die Artus-Sage, die trotz allem halt eine Sage ist. Dennoch wäre es mir lieber gewesen, man hätte nicht ein gesamtes Leben mit fast 80 Jahren erzählt, sondern den Schwerpunkt etwas mehr nach Avalon und Britannien gelegt. So finde ich es sehr schade und hoffe, dass mir andere Bände wieder mehr Freude bereiten.