DNF bei 20 Prozent. Ich habe das Buch im Zuge meines Planes, den (meiner Meinung nach) vielversprechendsten und interessantesten Kandidaten der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022 zu lesen, in die Hände genommen.
Beschreibung des Autoren, Marketing vom Verlag und Werbung auf der Seite des Deutschen Buchpreises, ließen mich zu dem Schluss kommen, es handle sich um einen Krimi in der Kunstszene. Einem pointierten Text über die Bedeutung von Kunst für den Betrachter und wie Romantik und Besessenheit in jungen Jahren nicht nur den Charakter der Figuren ausbilden würde, sondern auch tiefgreifende Konsequenzen für die erzählte Welt hätte.
Leider ist keine von diesen Hoffnungen oder Vermutungen bestätigt worden.
Mein Leseprozess begann sehr motiviert und ich kam relativ schnell durch die ersten 30 Seiten. Ab diesem Punkt wurde ich etwas ungeduldig, da das Buch nur knapp 250 Seiten insgesamt hat, und die Geschichte sich nicht in eine Richtung zu bewegen schien, bzw. die Handlung immer häufiger von ausufernden Gedankengängen und nur lose zusammenhängenden Rückblicken unterbrochen wurde.
Ab Seite 50 war ich so gut wie ohne Motivation und meine Konzentration nahm stetig ab. Als letztes Mittel, mich doch noch von einem Buch packen zu lassen, blättere ich immer, ungeachtet wo ich gerade bin, auf die letzten zehn Seiten und lese sie in der Hoffnung, dass es mich animiert, wieder in die Geschichte einzusteigen und wissen zu wollen, wie die Situation sich so entwickeln konnte.
Nun, es hat nicht funktioniert. Ich war beinahe entsetzt über das Ende und die Belanglosigkeit der Szene. Ich blätterte ein wenig weiter zurück und versuchte an verschiedenen Passagen hängen zu bleiben. Es hat nicht funktioniert.
Hier meine, selbstverständlich persönlichen, Hauptkritikpunkte;
1. Carl war von Beginn an ein Rätsel und entwickelte sich schnell zu einer absoluten Nervensäge. Ich war verwirrt, warum ein achtzigjähriger mit einem Jungen abhängt, bis mir bewusstwurde, dass beide Charaktere Teenager sein sollen, die im selben Jahrgang auf dieselbe Schule gehen. Die übermäßig gestelzte und verkrümmte Sprache des super intellektuellen und abgehobenen Jungen Carl war nicht passend. Es lenkte ab und erlaubte es mir nicht die Kunst-Thematik des Romans aus der Sicht von Teenagern nachzuvollziehen. Jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, kamen hölzerne gestellte seltsame Sätze raus, die noch nie irgendeinen Teenager so hab sagen hören.
2. Demgegenüber ist die „Jugendsprache“ der anderen jungen Figuren, um es mit einem Wort zu sagen, cringe. Bereits jetzt, kurz nachdem der Roman erschienen ist, ist sie nicht mehr aktuell und fällt mir als seltsam aus dem Ton des Buches ausgerissen auf.
3. „Verfasst in schönster Sprache“ so schreibt es der Verlag auf die Rückseite des Buches. Ja gut, die Sprache mag schön sein. Aber wenn der Inhalt hinterherhinkt und so unter der Sprache begraben wird, dann kann ich auch stattdessen das Radio anmachen und eine Operette hören. Da verstehe ich vom Inhalt genauso viel und kann die schöne Gesangssprache bewundern und mir Gedanken machen über die Aussage dieser Kunst.
Es ist einfach schade, finde ich, dass der Roman mich nicht überzeugen konnte, da er für mich der Favorit von der Shortlist 2022 für den Deutschen Buchpreis war. Ein Mix aus falsch geweckten Erwartungen, seltsamen Sprachstil, zu wenig Handlung und Nischenliteratur für ein ganz bestimmtes Publikum waren denke ich am Ende für mich die entscheidenden Faktoren, das Buch abzubrechen.
Dies ist aber nur meine Meinung und ich finde, der Autor hat durchaus Potential eine bestimmte Leserschaft nicht nur anzusprechen, sondern auch zu begeistern. Also, wem würde ich dieses Buch empfehlen?
Ich würde dir das Buch empfehlen, wenn du…
- Dich in der Kunstwelt auskennst, insbesondere der literaturgeschichtlichen und malerischen Szene
- Gerne Bildungsromane liest
- Ü 40 bist
- Coming of Age stories mit vielen inneren Gedankengängen magst
- Die Backlist des Autoren mochtest
- Einen Roman für ein Schulprojekt brauchst, insbesondere für den Deutschunterricht
- Gerne Geschichten liest, die von Kapiteln unterbrochen werden, welche einzelne Charakterzüge oder die Vergangenheit der Protagonisten beleuchten
- Ein langsames Erzähltempo haben
Ich denke, der Roman wird sein Publikum finden. Ich bin es nicht. Ich bin darüber nicht sehr verbittert oder sauer. Eher traurig, weil ich mich so auf die Lektüre gefreut hatte und es dann nichts geworden ist. Dieses Jahr das dritte Buch, dass ich nicht beendet habe.
Hut ab an den Autoren, der sicher viel Arbeit in den Text gesteckt hat. Viel Erfolg auch weiterhin.