Chantal-Fleur Sandjons Die Sonne, so strahlend und Schwarz stand schon gaaaanz lange auf meiner Wunschliste. Wie viele von euch wissen bin ich großer Fan von Elizabeth Acevedos Versromanen für Jugendliche. Seit jeher habe ich mir gewünscht, dass wir einen Roman im Stil von The Poet X auch mal auf Deutsch bekommen. Ich weiß, solche Vergleiche hinken oft, aber mir war vor Sandjons Buch kein einziger deutschsprachiger Versroman für Jugendliche mit einem Schwarzen Hauptcharakter bekannt. Es würde mich wirklich nicht wundern, wenn Die Sonne, so strahlend und Schwarz der erste Roman dieser Art im deutschsprachigen Raum ist. Mögen viele weitere folgen. <3
Es handelt sich hier um ein Coming-of-Age-Roman, in dem es auch um schwere Themen wie Rassismus, häusliche Gewalt, Alkoholismus und gewolltes (und ungewolltes) lesbisches Coming-out geht. Wir folgen der 17-jährigen Nova Nyanyoh, die gerade mir ihrer Mutter Rebekka und ihrem kleinen Bruder Cosmos aus einem Berliner Frauenhaus aus- und in eine neue Wohnung eingezogen. Nova freut sich auf einen Neuanfang – ohne die Schläge von Cosmos' Vater Marcus, die zuletzt ihren Arm zertrümmert und aus Rebekka eine Trinkerin gemacht haben. Mit in ihr neues Leben nimmt sie einen wichtigen Teil ihres alten: ihre Rollschuhe, denn Nova ist Rollkunstläuferin. In der Halle hat sie gelernt, was dem Roman als Motto vorangestellt ist: "Wichtig ist nicht / ob du fällst / denn das wirst du / wieder und immer wieder. / Wichtig ist nur / was nach dem Fall / geschieht."
Nova hat das schon oft erlebt. Hinzufallen. Geschubst zu werden. Nicht nur von ihrem Stiefvater. Auch von ihren Mitschülern. Denn Nova ist Schwarz und wird so von ihren weißen Klassenkamerad*innen anders gemacht. Damit sich keine mit Spucke geformten Papierkügelchen mehr in ihren krausen Haaren verfangen, hat sie irgendwann angefangen, diese zu glätten.
Beim Aufstehen und Weitertanzen, nicht auf der Hallenbahn, sondern im Leben, begleiten wir Nova in diesem 384 Seiten starken Roman. Denn der Stiefvater kehrt zurück. Und Nova schafft es zu handeln: Sie rettet sich und ihren kleinen Bruder. Dass sie das kann, hat sie Akoua zu verdanken. Das Mädchen, mit dem sie ihre erste Liebe erlebt. Und das ihr hilft, sie selbst zu sein.
Die Sonne, so strahlend und Schwarz ist ein Roman, der von Selbstermächtigung erzählt. Es ist kein "Problembuch", das sich von -ismus zu -ismus hangelt, sondern in erster Linie ein Roman, der von Liebe und Resilienz erzählt.
Ich muss eingestehen, dass mich der Roman sprachlich, ganz im Gegensatz zu lyrischen Meisterwerken wie The Poet X oder Clap When You Land, nicht aus den Socken gehauen hat. Ich fand die Sprache eher mittelmäßig. Die Verse oft zu prosa-artig. Die gewählten Worte oft sehr kitschig. Trotzdem musste ich dem Buch fünf Sterne geben, denn es ist mit Abstand das beste Buch, das das Thema häusliche Gewalt behandelt, das ich jemals gelesen habe.
Die Beschreibung der häuslichen Gewalt war so eindrücklich, so erschüttert, sie hat mich in ihrer ganzen Wucht getroffen. Dieses Buch ist so wichtig, ist Zeuge, zeigt Wege raus auf. Ich bin selbst zum Glück nie Opfer häuslicher Gewalt geworden, aber alleine das Lesen hat mir gereicht. Der Stiefvater Marcus war so eine erdrückende Präsens in diesem Buch und warf einen so erstickenden Schatten – es war kaum auszuhalten. [Insgesamt große Triggerwarnung, was das Thema betrifft, weil einige seiner Ausbrüche und ihre Konsequenzen, bspw. dass Rebekka ihr ungeborenes Kind verliert nach einem Tritt in den Buch, eindrücklich beschrieben werden.] Meine ganze Anmerkungen zu ihm ("IT'S ON SIGHT", "LET'S FIGHT" und finally: "let's kill him") habe ich wirklich wörtlich so gemeint. Ich war soooooo unendlich froh und erleichtert, dass Nova es da rausschafft und am Ende für sich und ihren kleinen Bruder die Reißleine zieht und den Kontakt zur Mutter abbricht, die Marcus immer wieder verzeiht und in die Wohnung lässt, obwohl er ihrer Tochter den fucking Arm gebrochen hat. Es ist eine fucking harte Entscheidung, aber die einzig richtige.
Inhaltlich hat mich dieser Handlungsstrang total abgeholt und gefesselt. Ich hab das Buch innerhalb eines Tages gelesen, weil ich wissen musste, dass Nova und Cosmos aus dieser Scheiße rauskommen. Den Handlungsstrang mit Akoua und der ersten Beziehung der Protagonistin war cute, aber jetzt nicht zu 100% meins. Dafür bin ich vielleicht einfach schon zu alt und hab' solche Geschichte (Misskommunikation inklusive, ugh) zu oft gelesen.
Wie auch immer, Die Sonne, so strahlend und Schwarz ist ein toller Roman, der mir unheimlich viel bedeutet. Und auch der erste deutschsprachige Roman, in dem die Protagonistin einen Teil meiner Identität teilt (weiße deutsche Mutter und Schwarzer kamerunischer Vater, woo hoo! – auch wenn ihr Vater aufgrund der rassistischen Politik der DDR das Land zwangsmäßig verlassen musste). Bücher wie diese geben mir Hoffnung für die Zukunft. Ich find's einfach so nice, dass Schwarze Kids heute sowas lesen können und nicht irgendwelche Stories von weißen Autor*innen, in denen sie nie vorkommen oder wenn, dann nur abgewertet werden. This is the future. Hope this gets translated someday [if you don't find anyone, hit me up, I'll do it for free.]
And thanks, Chantal-Fleur, for introducing me to Véronique Tadjo and Tanella Boni (zwei ivorische Dichterinnen). Sehr fein. Da hat man gleich wieder Stoff für die Leseliste. :>